Suchmaschinen-Initiative will EU-Suche bauen

Die European Search Perspective will die EU-Staaten aus der Abhängigkeit von US-Unternehmen befreien.

vorlesen Druckansicht 12 Kommentare lesen
EU-Flaggen

(Bild: artjazz / Shutterstock.com)

Lesezeit: 3 Min.
Von
close notice

This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Das deutsch-französische Joint Venture European Search Perspective (EUSP) hat offene Briefe an die Regierungschefs aller 27 EU-Mitgliedstaaten verschickt. Es schlägt vor, nationale Suchindexe als öffentliche digitale Infrastruktur aufzubauen. Die Initiative kommt 100 Tage nach dem Digital Sovereignity Summit in Berlin, auf dem europäische Staats- und Regierungschefs versprachen, kritische digitale Abhängigkeiten abzubauen.

Die Organisation argumentiert, dass die Suchinfrastruktur als strategische öffentliche Infrastruktur behandelt werden sollte, in ihrer Bedeutung vergleichbar mit Energienetzen oder Telekommunikationsnetzen: „Suchergebnisse bestimmen die Sichtbarkeit. Die Sichtbarkeit bestimmt den Marktzugang. Der Marktzugang bestimmt Gewinner und Verlierer. In digitalen Märkten ist das Ranking keine neutrale Formalität – es ist eine Verteilung von Chancen.“ schreibt die EUSP. Das Unternehmen beziffert die Abhängigkeit auf rund 18 Billionen Euro europäischer Wirtschaftsleistung.

Allerdings werde die Suche derzeit fast komplett durch Nicht-EU-Unternehmen kontrolliert. 99,5 Prozent aller europäischen Suchanfragen werden den Angaben von EUSP zufolge von zwei US-Unternehmen (Google und Bing, 96 Prozent) und einem russischen Anbieter (Yandex, 3,5 Prozent) beantwortet (Der c’t-Artikel „Suchmaschinenmarkt im Überblick: Viele Dienste, zwei echte Machtzentren“ beleuchtet den Suchmaschinenmarkt im Detail).

Videos by heise

Ein Ausfall oder eine Sperrung der dominierenden Suchindex-Infrastruktur könnte laut EUSP Regierungen innerhalb weniger Tage handlungsunfähig machen und Volkswirtschaften zum Stillstand bringen. Solche Maßnahmen sind nicht nur ein theoretisches Szenario. Das hat die US-amerikanische Politik in den letzten Jahren in vielen Fällen gezeigt, etwa durch die Handelszölle oder dadurch, dass es einen unliebsamen Richter am Internationalen Strafgerichtshof vom digitalen Leben abschneidet.

European Search Perspective schlägt vor, dass die EU-Mitgliedstaaten sich gegen solche Maßnahmen mit einer souveränen Suchinfrastruktur absichern. Sie soll aus einem nationalen Suchindex bestehen, der unter europäischer Gerichtsbarkeit gehostet wird, einem nationalen Ranking-Algorithmus und einer Infrastruktur, die sowohl öffentliche Suchdienste als auch die KI-Web-Grundlagen unterstützt.

EUSP ist ein Joint Venture der europäischen Suchdienste Qwant (Frankreich) und Ecosia (Deutschland) und betreibt unter dem Namen Staan (Search Trusted API Access Network) seit August 2025 einen eigenen europäischen Suchindex, der auch Dritten als API zur Verfügung steht. Derzeit ist Staan auf französische Inhalte beschränkt.

Der Vorschlag von EUSP an die EU-Regierungschefs: Das Unternehmen könnte seine Initiative auf andere EU-Mitgliedstaaten ausdehnen. Regierungen könnten den Index direkt finanzieren oder alternativ Ecosia und Qwant als Standard-Suchmaschine in der öffentlichen Verwaltung einsetzen. Insgesamt beziffert EUSP-Chef Wolfgang Oels auf Nachfrage von heise online die Kosten einer europäischen Suchmaschine auf rund 50 Millionen Euro.

Es hat schon mehrere Versuche gegeben, eine europäische Suchinfrastruktur aufzubauen. Das 2005 von Chirac und Schröder lancierte Forschungsprogramm Quaero sowie das deutsche Pendant Theseus (2007–2012) verschlangen zusammen rund 400 Millionen Euro – und lieferten Patente und Publikationen, aber keinen marktfähigen Web-Index.

Aktuell verfolgt neben EUSP auch das EU-Forschungsprojekt OpenWebSearch.eu das Ziel europäischer Such-Souveränität: 14 Forschungseinrichtungen, darunter CERN und das Leibniz-Rechenzentrum, bauen mit 8,5 Millionen Euro Horizon-Europe-Mitteln einen offenen Web-Index als öffentliche Infrastruktur auf. Dessen Finanzierung läuft allerdings demnächst aus.

(jo)