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BMWs TT-Sieger

Clemens Gleich
Michael Dunlop lĂ€sst die Propellermaschine fliegen. Sie hat es ĂŒberstanden und ihm den Sieg ermöglicht.

Die BMW S 1000 RR hat den Superbike-Markt umgekrempelt. Doch kann man mit ihr die TT gewinnen? Der phÀnomenal fahrende Ire Michael Dunlop beweist: ja. Und wie. Dunlop siegte in der Superbike und der Superstock-Klasse

Douglas (UK), 6. Juni 2014 – Der Ire Michael Dunlop hat auf seiner S 1000 RR am letzten Samstag den ersten Superbike-Sieg fĂŒr BMW eingefahren, seit „der Gusseiserne“ Schorsch Meier 1939 als erster Nichtbrite die Senior TT gewann. Aus dem stehenden Start stellte Dunlop einen neuen Rundenrekord auf (212,0 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit), den er gleich in der zweiten Runde selber mit 212,3 km/h Durchschnitt wieder brach. Um Nichtkennern der krassen Onboard-Videos zu verdeutlichen, was diese Durchschnittsgeschwindigkeit heißt: Der TT-Kurs fĂŒhrt durch Ortschaften und kleine, gesperrte Landstraßen entlang, gesĂ€umt von Steinmauern.

„Danach habe ich das Rennen nach Hause gefahren“, sagte Dunlop, „denn ich wusste, ich hatte einen guten Vorsprung auf Guy.“ Guy Martin wurde Zweiter, Lokalheld Conor Cummins Dritter. Heimlicher Held war jedoch der NeuseelĂ€nder Bruce Anstey, der wie besessen vom zwölften auf den vierten Platz vorfuhr und dabei Dunlops Rundenrekord noch einmal toppte: 212,9 km/h. „Du bist nie zu alt!“, rief der 1969 Geborene bei der Preisverleihung am Montagabend.

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Michael Dunlop sagte im Interview mit dem lokalen Rennmagazin „TT News“: „Viele haben sich gefragt, ob man mit der BMW die TT gewinnen kann. Ich denke, diese Frage ist beantwortet.“ Dann entschuldigte er sich, denn das Team habe „mehrere Gallonen Bier zu trinken“ und die nĂ€chsten Rennen vorzubereiten, offenbar erfolgreich: Beim seriennĂ€heren Superstock-Rennen am Dienstag fuhr er einen weiteren, souverĂ€nen Sieg auf einer S 1000 RR ein. Durchschnitt: 208,9 km/h in der schnellsten Rennrunde. Nach dem Sturz des fĂŒhrenden Gary Johnson ĂŒbernahm Dunlop die FĂŒhrung und fuhr 20 Sekunden vor dem Zweitplatzierten Dean Harrison ins Ziel. Dritter wurde Bruce Anstey. Gary Johnson wurde gestern aus dem Krankenhaus entlassen und trinkt bereits wieder Bier.

Überschattet wurden die Siegesfeiern von Karl Harris‘ tödlichem Sturz im Superstock-Rennen. Harris war ein erfahrener Road Racer und zweimaliger britischer Supersport-Meister. Die Ursache seines Unfalls ist ungeklĂ€rt. Die Nachricht ĂŒber seinen Tod sickerte erst wĂ€hrend der Siegerehrung langsam durch das Fahrerlager, wo er viele Freunde fĂŒrs Leben hatte. Wir wĂŒnschen seinen Freunden und Angehörigen die Kraft, diesen Verlust gemeinsam zu ĂŒberstehen.

[Update 16:00h:] Michael Dunlop hat soeben den Dreier komplett gemacht und die Senior TT ebenfalls gewonnen. Wie beim Superstock produzierte er mit dem Hinterreifen seiner Hawk Racing BMW S 1000 RR eine Wolke von Gummirauch im Winner's Enclosure, in der er zusammen mit Conor Cummins (Zweiter) und Guy Martin (Dritter) feiert. Dunlop hat damit den elften TT-Sieg in der Tasche. Sein Bruder William Dunlop stĂŒrzte, ist aber bei Bewusstsein und in einem stabilen Zustand mit wahrscheinlich einem gebrochenen Bein. Michael ist erleichtert: "Er bedeutet mir mehr als dieses Rennen."

Vor 75 Jahren gewann das letzte Mal ein BMW-Superbike auf der TT, Georg (Schorsch) Meier auf seiner BMW RS 500 (Typ 255). Aus 492 ccm Hubraum entwickelte der Boxermotor dank eines Kompressors 60 PS bei 7000 U/min. Der Motor war aufwendig konstruiert, um trotz dieser Drehzahlen standfest zu bleiben: Königswellen trieben zwei obenliegende Nockenwellen pro Zylinderkopf an. Die Maschine wog nur 138 kg und konnte 220 km/h Spitze fahren, wenn sich der Fahrer klein genug machte.

Schon damals forderten die krassen Bedingungen auf der Isle of Man ihre Opfer: Schorschs Teamkollege, der Österreicher Karl Gall, stĂŒrzte im Training am 2. Juni 1939 beim Sprung ĂŒber die Ballaugh Bridge. Dabei verletzte er sich so schwer, dass er elf Tage spĂ€ter starb. Abblasen wollte das BMW-Team den Einsatz jedoch nicht: „Mit großer psychischer Belastung ging ich am Renntage an den Start“, erinnerte sich Schorsch Meier spĂ€ter an den Rennbeginn am 16. Juni.

Nach seiner Siegerrunde (143,7 km/h im Schnitt) riss ihn dennoch die Freude mit: „Ich hĂ€tte meine treue Maschine mit den weißblauen Farben am Tank, die abgesehen von den vielen, vielen Fliegen am Windschutz, ohne Ölspuren oder irgendein Zeichen des ĂŒberstandenen schweren Rennens wie neu aus dem Laden blinkte, am liebsten streicheln mögen.“ Schorsch Meier versteckte diese seine geliebte Rennmaschine irgendwann in einem Heustadel, um sie in die Nachkriegszeit zu retten.

Meier war gelernter Polizist und arbeitete nach einem Sturz in Schweden ĂŒber die Kriegszeit als Fahrlehrer fĂŒr die MilitĂ€rpolizei, denn seine WirbelsĂ€ulenverletzung war so schwer, dass er ausgemustert wurde. Sein Name wird heute noch auf der Isle of Man als TT-Sieger geehrt, seine Person als Rennfahrer erinnert. „Mein Vater Allan kannte ihn“, sagte zum Beispiel der alte TT-Haudegen Nick Jefferies, „Sie waren Freunde.“ Don‘t mention the war. (cgl [3])


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