Wahlzettel sind ein miserables AushÀngeschild der Demokratie
Auf Stimmzetteln treffen wĂ€hlende BĂŒrger ihre bedeutendste Entscheidung fĂŒr die nĂ€chsten Jahre. Warum sind sie so schlecht gestaltet?
Der Aufwand, den Webseiten und Magazine betreiben, um die Leser und Konsumenten bestmöglich zu fĂŒhren, ist immens. Bei jedem Mediendesign steht die Frage im Vordergrund, wie man ein klares, flĂŒssiges und möglichst irritationsloses Nutzererlebnis schafft. Ganze Berufszweige beschĂ€ftigen sich nur mit der Optimierung dieser Möglichkeiten. MedienhĂ€user und Online-Plattformen stecken Millionen in die Gestaltung, um sich von Mitbewerbern abzusetzen und es dem Konsumenten bei ihnen so angenehm wie möglich zu machen.
Da ist es erstaunlich, dass ein Printprodukt mit Auflagen von mehreren Hunderttausend bis Millionen nach wie vor in der gestalterischen Altsteinzeit steckt. Und das, obwohl es von seinem Verwender innerhalb von wenigen Sekunden eine schwerwiegende politische Entscheidung fĂŒr die nĂ€chsten vier oder fĂŒnf Jahre abverlangt: Wo mache ich mein Kreuzchen? Wahlzettel in Deutschland sind alles andere als klar und hilfreich und nutzen kaum Erkenntnisse aus den Medienwissenschaften.
Die Gestaltungsfrage ist keineswegs trivial: 2015 musste etwa die OberbĂŒrgermeisterwahl in Köln [1] wegen mangelhafter Stimmzettel verschoben werden. Parteilose Kandidaten fielen im Druckbild weniger stark auf als Kandidaten einer Partei und waren deshalb benachteiligt. Die Nachbesserung verschlang eine siebenstellige Summe.
Der Kommunikationsdesigner FrĂ©dĂ©ric Ranft hat sich im Blogbeitrag "Was mit unseren Stimmzetteln nicht stimmt [2]" die Vorlagen fĂŒr Stimmzettel angesehen, die bei Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen zum Einsatz kommen. Er sieht groĂen Verbesserungsbedarf: "Daran ist so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Nicht im Sinne von 'nicht schön' oder 'langweilig' sondern einfach schlecht gemacht."
Es werden schlech lesbare Schriftarten, verwirrende Textausrichtungen und unnötige Trennstriche verwendet. Wichtige Hinweise sind zu unscheinbar, zusammengehörige Textteile stehen zu weit auseinander. Ranft geht darauf ein, dass die Reihenfolge der Wahlmöglichkeiten das Wahlergebnis beeinflussen [3] kann. Selbst wenn man das Wahlgesetz nicht Àndern will und bei der bisherigen Reihung bleibt, sollte man den Mangel an Chancengleichheit nicht auch noch durch gestalterische MÀngel verschÀrfen.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass Stimmzettel ungelenk aussehen. Dass in ihnen anscheinend nicht mehr gestalterischer Geist steckt als in Biete-Suche-Formularen fĂŒrs Schwarze Brett im Supermarkt. "Der Stimmzettel ist aber wichtiger als eine Kleinanzeige fĂŒr ein Bobby-Car", schreibt Ranft. "Es ist das wichtigste StĂŒck Papier in unserer Demokratie und die muss uns mehr wert sein. Unsere Verwaltungen konkurrieren hilflos mit Standardvorlagen aus Microsoft WORD auf Windows 98 Rechnern gegen millionenschwere Unternehmen, die alle lĂ€ngst erkannt haben, wie wichtig Design ist. Das fĂŒhrt dazu, dass es inzwischen leichter ist eine komplette KĂŒche bei Ikea zu planen und zu kaufen, als irgendeinen Antrag zu stellen."
(anwe [4])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4310495
Links in diesem Artikel:
[1] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-09/koeln-wahl-oberbuergermeister-stimmzettel
[2] https://medium.com/@fredericranft/was-mit-unseren-stimmzetteln-nicht-stimmt-18b4e9db898e
[3] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0261379405000491
[4] mailto:anwe@heise.de
Copyright © 2019 Heise Medien