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EnthÀlt Produktplatzierungen

Dr. Wolfgang Stieler

Der aktuelle Prozess gegen eine prominente Influencerin erregt die Branche. Werbung macht doch jeder, oder?

In den Romanen des leider viel zu frĂŒh verstorbenen Terry Pratchett gibt es Zombies, die zu AnwĂ€lten werden, und vegetarische Vampire, die kein Blut mehr trinken. Ich habe das fĂŒr die - möglicherweise etwas kindischen - Scherze eines Fantasy-Autoren gehalten, bis ich zum ersten mal vom Verband Sozialer Wettbewerb [1] gelesen habe, der sich der BekĂ€mpfung "unlauterer Wettbewerbshandlungen" verschrieben hat. In der PR-Branche besitzt der Verband eine Ă€hnliche Reputation wie die Deutsche Umwelthilfe bei Dieselfahrern - ist also ungefĂ€hr so beliebt wie der Kater nach der betrieblichen Weihnachtsfeier, um es ganz vorsichtig auszudrĂŒcken, weil er vorwiegend mit Abmahnungen arbeitet.

JĂŒngstes Highlight in der Verbandsgeschichte dĂŒrfte der Prozess gegen die Influencerin Cathy Hummels [2] sein. FĂŒr alle, die so wie ich nicht ganz so drin sind in dieser Welt: Influencer sind meist hippe junge Leute, die Spaß mit irgendwelchen Produkten haben, darĂŒber schreiben, und sich damit fotografieren lassen. Voll authentisch halt, wie im richtigen Leben.

ZurĂŒck zu Cathy Hummels. Der Verband wirft ihr "Schleichwerbung" vor. Sie soll auf Instagram fĂŒr Produkte geworben zu haben, ohne die entsprechenden BeitrĂ€ge als Werbung zu kennzeichnen. Schleichwerbung auf Instagram - wer hĂ€tte das fĂŒr möglich gehalten? Aber die Branche ist hellauf empört. Ist doch alles ganz normal und in Ordnung. "Schleichwerbung wĂŒrde unter UmstĂ€nden auch vorliegen, wenn Influencer sich auf eine bestimmte Marke oder ein Produkt konzentrieren und dieses in werblicher Art und Weise immer wieder loben wĂŒrden", schreibt Stefan Winterbauer [3] auf dem Medien-Portal Meedia. "So lange sie aber verschiedene Marken und Produkte vorstellen und empfehlen, ist unklar, warum bei Influencern Schleichwerbung sein soll, was bei Medien redaktionelle UnabhĂ€ngigkeit heißt."

An dieser Stelle musst ich dann doch herzhaft lachen. Redaktionelle UnabhÀngigkeit ist also, jede Menge Produkte in seiner Berichterstattung zu erwÀhnen - auch wenn sie da eigentlich nichts zu suchen haben - so lange man keines der Produkte offensichtlich bevorzugt. Ich kann mir nicht helfen, aber mich hat das an die untoten Rechtsberater und die enthaltsamen Blutsauger aus Pratchetts Romanen erinnert. Vielleicht sollte irgendjemand aus dem Prozess eine Youtube-Serie machen. Ich bin sicher, das klickt gut - und man kann damit prima Werbung verkaufen.

(wst [4])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4307255

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.vsw.info/index.html
[2] https://www.br.de/nachrichten/bayern/was-duerfen-influencer-cathy-hummels-vor-gericht,RHhntxh
[3] https://meedia.de/2019/02/12/die-lebende-frauenzeitschrift-warum-die-schleichwerbe-vorwuerfe-gegen-cathy-hummels-im-influencer-prozess-unsinn-sind/
[4] mailto:wst@technology-review.de