zurück zum Artikel

Plus-/Minuslisten sind keine Retrospektiven

Jutta Eckstein

Leider wird in vielen Trainings zwar von Retrospektiven gesprochen, aber meist nur im Sinne der Erstellung von Plus-/Minuslisten. Das führt dazu, dass viele glauben, dass dies Retrospektiven seien und dadurch leider der Begriff "verbrannt" wird.

Immer häufiger wird an mich herangetragen, dass Retrospektiven nicht funktionieren oder dass sie doch eigentlich überholt seien. Frage ich dann weiter nach, wie die Retrospektiven durchgeführt werden, oder habe ich die Möglichkeit, einer solchen beizuwohnen, läuft es immer auf das Gleiche hinaus: Die Retrospektiven werden (miss-)verstanden als ein Erstellen von Plus-/Minuslisten. Wobei auf der Plusseite gesammelt wird, was alles gut läuft, und auf der Minusseite, was alles nicht gut läuft. Manchmal wird dann noch beschlossen, welche der Minuspunkte man abstellen möchte.

Möchte man eine effektive Retrospektive durchführen, lässt sich das Erstellen einer Plus-/Minusliste allenfalls als Input verwenden. Es gibt mehrere Dinge, die das Erstellen von Plus-/Minuslisten von Retrospektiven unterscheidet. Hier möchte ich jetzt auf einen einzigen, jedoch ganz essenziellen Punkt eingehen, nämlich die konkrete Aktionsplanung, die sicherstellt, dass wir auch in der Lage sind, das Problem auf der Minusliste abzustellen.

Dazu gehört, dass wir erst einmal (reflektiv) untersuchen, was eigentlich genau das Problem ist, wie es entstanden ist, was es "am Leben" erhält und was wir gewinnen, wenn wir dieses Problem lösen. Durch Letzteres können wir eine Art Kosten-Nutzen-Analyse machen: Ist es uns den Aufwand Wert, das Problem aus der Welt zu schaffen? Manchmal werden auch (immer wieder) Probleme genannt, die bei genauerer Betrachtung nicht wirklich behindern. Fällt die Kosten-Nutzen-Analyse positiv aus, überlegen wir uns eine Lösungsstrategie und "testen" diese, indem wir weiterhin darüber diskutieren, was uns daran hindert, diese Strategie (oder auch diese Strategien) umzusetzen. Diese Überlegung versetzt uns in die Lage, einen konkreten Aktionsplan zu definieren:

Ohne eine solche Konkretisierung werden selbst "einfache" Probleme wie das Schreiben von mehr Unit-Tests nicht verschwinden. Ich finde es darüber hinaus immer hilfreich, wenn wir uns darin limitieren, wie viel wir uns für die nächste Iteration vornehmen. Nehmen wir uns zu viel vor, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir gar nichts in die Realität umsetzen. Von daher ist es besser, sich einzuschränken. Um zu verdeutlichen, dass durch die Retrospektive die Veränderung eingeleitet wurde, machen wir zu Beginn jeder Retrospektive einen kurzen Rückblick auf die Dinge, die wir uns beim letzten Mal vorgenommen haben und "feiern" in dem Fall, dass wir erfolgreich das Problem abstellen konnten. ( [1])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-1389522

Links in diesem Artikel:
[1] mailto:jutta@jeckstein.com