Windenergie bringt mich nicht um den Schlaf
Die WHO nennt Schwellenwerte fĂŒr LĂ€rm durch Windkraftanlagen, StraĂen- und Schienenverkehr. Dabei lassen sich gesundheitliche Auswirkungen kaum vergleichen.
Windkraftanlagen sollen tagsĂŒber im Schnitt nicht lauter als 45 Dezibel sein, empfiehlt die WHO [1]. DarĂŒber liegende Werte können gesundheitsschĂ€dlich sein. Diese Empfehlung ist gut, denn in Deutschland gilt derzeit fĂŒr genehmigungspflichtige Anlagen nahe Wohngebieten ein Grenzwert von 55 Dezibel â das ist etwa doppelt so laut wie die Empfehlung der WHO. Ein Argument fĂŒr alle, die hier fĂŒr geringere LĂ€rmimmissionen kĂ€mpfen.
Stutzig macht mich die im gleichen Aufwasch gegebene Empfehlung bei weiteren LĂ€rmquellen. Die durchschnittliche LĂ€rmbelastung durch StraĂenverkehr soll tagsĂŒber nicht mehr als 53 Dezibel betragen, bei Schienenverkehr nicht mehr als 54 Dezibel und fĂŒr Flugverkehr nicht mehr als 45 Dezibel. Die nĂ€chtlichen Richtwerte sind 45 Dezibel fĂŒr StraĂenverkehr, 44 Dezibel fĂŒr Schienen- und 40 Dezibel fĂŒr Luftverkehr.
Das stetige GerĂ€usch einer Windkraftanlage bei Wind lĂ€sst sich nur schwer mit dem periodischen An- und Anschwellen des LĂ€rms bei herandonnernden Flugzeugen und GĂŒterzĂŒgen vergleichen. Leider funktioniert etwa bei SchienenverkehrslĂ€rm die Messlogik genau so: Es wird ein Mittelwert errechnet, statt die Spitzen zu betrachten. Nachts kann also dreimal in der Stunde an einer Bahnstrecke fĂŒr kurze Zeit ein GĂŒterzug rumpeln, knirschen und seine herrlichen Grauguss-Sohlen-Bremsen quietschen lassen, dass die Anwohner aus dem Bett fallen. Wenn aber in der ĂŒbrigen Zeit dieser Stunde Stille herrscht, erfĂŒllt der betreffende Streckenabschnitt dennoch seine LĂ€rmschutzvorgaben. So will es die Verordnung.
Mit der EU-UmgebungslĂ€rmrichtlinie [2] wurde 2012 die GerĂ€uschbelastung der Bevölkerung auf Haupteisenbahnstrecken erfasst. Demnach sind rund 950.000 Menschen in Deutschland ganztags Pegeln von mehr als 65 dB(A) ausgesetzt, nachts sind 1,9 Millionen Menschen mit Pegeln von mehr als 55 dB(A) belastet. Ich bin einer von ihnen, die Hauptstrecke Hannover-Berlin fĂŒhrt neben meinen Fenstern vorbei. Auf den LĂ€rmkarten des Eisenbahn-Bundesamtes [3] kann man die durchschnittliche Belastung in seiner Umgebung betrachten.
Immerhin, die LĂ€rmaktionsplĂ€ne laufen. Die Deutsche Bahn will gegenĂŒber bis 2020 ihren SchienenverkehrslĂ€rm halbieren (gegenĂŒber dem Jahr 2000) und sagt, das Vorhaben sei im Soll [4]. Zum Beispiel erhalten die ZĂŒge leisere Bremsen. Das betrifft vor allem Neuanschaffungen, Ă€ltere GĂŒterzĂŒge dĂŒrfen vorerst in bester Vorkriegstechnik herumknirschen und mir den Schlaf rauben. Ich bin gespannt, wie leise der Schienenverkehr 2020 tatsĂ€chlich sein wird, aber ich prophezeie: Auch dann wĂŒrde ich lieber die stetigen GerĂ€usche einer Windkraftanlage auf mich nehmen, als den LĂ€rm einer Bahnstrecke.
(anwe [5])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4189050
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.euro.who.int/en/media-centre/sections/press-releases/2018/press-information-note-on-the-launch-of-the-who-environmental-noise-guidelines-for-the-european-region
[2] https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/umgebungslaermrichtlinie/umgebungslaerm-in-europa
[3] http://laermkartierung1.eisenbahn-bundesamt.de/mb3/app.php/application/eba
[4] https://www1.deutschebahn.com/laerm/laermminderung_struktur/konzernziel_laermminderung-1096446
[5] mailto:anwe@heise.de
Copyright © 2018 Heise Medien