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Arbeit, Forschung, Gesellschaft: Welche Fortschritte die Pandemie uns bringt

Abby Ohlheiser, Tanya Basu

Mit digitaler Technik im Lockdown.

(Bild: Photo by Elena Mozhvilo on Unsplash)

2020 werden die meisten Menschen wohl am liebsten schnell wieder vergessen wollen. Aber mit Covid-19 kamen einige Neuerungen, die bleiben sollten.

Das Jahr 2020 war schlimm – darĂŒber sind sich wohl alle einig. Trotzdem kann man in der RĂŒckschau einige unerwartete Lichtblicke erkennen, insbesondere bei der Kommunikation und der Digitalisierung.

Keiner dieser Vorteile lÀsst sich mit dem Tod, dem Leid und dem Elend eines schrecklichen Jahres vergleichen. Einige kleine Fortschritte aber hat es in diesem Umfeld gegeben, und es steht zu hoffen, dass sie im neuen Jahr erhalten und ausgebaut werden. Sie betreffen gesellschaftliche VerÀnderungen ebenso wie Forschung und Arbeitswelt.

Zoom-MĂŒdigkeit [1] ist ein reales PhĂ€nomen, aber man sollte Online-Arbeit nicht nur als vorĂŒbergehenden Ersatz fĂŒr das BĂŒro ansehen. Viele BehindertenverbĂ€nde haben Arbeitgeber seit Jahren aufgefordert, Telearbeit als Option fĂŒr Jobs anzubieten, die sich dafĂŒr eignen. Die Pandemie hat bewiesen, dass es fĂŒr manche Leute wirklich besser ist, von zuhause aus zu arbeiten, und dass die dann nicht weniger produktiv sind.

„Wenn Ihre BeschĂ€ftigten zuhause arbeiten können und wollen, dann lassen Sie sie“, sagt Vilissa Thompson, die sich als GrĂŒnderin von "Ramp Your Voice" fĂŒr Behinderte einsetzt. FĂŒr manche mag Arbeit im Home Office eine Belastung sein. Andere aber finden sie einfacher und bequemer, etwa aus gesundheitlichen, familiĂ€ren oder sozialen GrĂŒnden. Thompson fĂŒrchtet, dass Unternehmen zu sehr darauf aus sein werden, jeden zurĂŒck ins BĂŒro zu holen, wenn genĂŒgend Impfstoffe vorhanden sind. „Man kann jetzt nicht mehr sagen, dass bestimmte Sachen im Homeoffice nicht funktionieren“, erklĂ€rt sie, „man hat gesehen, dass es funktioniert.“

Nach ihren Worten gilt das auch fĂŒr UniversitĂ€ten und berufliche ZusammenkĂŒnfte. Studenten hĂ€tten ihre Hochschulen nach Optionen fĂŒr Online-Vorlesungen gefragt und wĂŒssten jetzt, dass sie möglich sind. Auch virtuelle Konferenzen sind in vielerlei Hinsicht leichter zugĂ€nglich, nicht zuletzt finanziell: niedrigere Preise, keine Hotelkosten, keine Reisen.

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FrĂŒher wurden Videos nur sehr selten mit Untertiteln versehen. YouTube bietet eine automatische Option dafĂŒr, aber das Ergebnis war hĂ€ufig unsinnig. Wenn noch Masken und Video-Chat hinzukamen, war es fĂŒr schwerhörige oder taube Menschen fast unmöglich, ihre Kollegen zu verstehen [3]. Durch die Pandemie wurde der Bedarf an Live-Untertiteln dringlicher, und Start-ups wie Ava sowie grĂ¶ĂŸere Plattformen wie Zoom und Microsoft entwickelten entsprechende Funktionen; oft sind die Untertitel editierbar, damit sie besser verstĂ€ndlich werden.

Am wichtigsten aber: Instagram und andere Sozial-Plattformen fĂŒhrten Untertitel ein, um Menschen mit Gehörproblemen die Chance zu geben, dort zu findende Videos zu verstehen. Von archivier- und durchsuchbaren Texten profitieren zudem auch andere. Gelöst ist das Problem allerdings noch nicht. Es habe große Fortschritte gegeben, vor allem bei Live-Videos aber bleibe noch viel zu tun, sagt Thibault Duchemin, GrĂŒnder von Ava: „Bei Fernseh-Sendungen werden die Untertitel von Profis erstellt – warum sollte das beim Livestream eines wichtigen Ereignisses in sozialen Medien nicht auch so sein?“

Eine der Autorinnen dieses Beitrags hat zum letzten Mal vor einigen Wochen wirklich Freude empfunden: beim Spielen von "Among Us" mit einer Gruppe zufĂ€lliger Fremder im Internet. Among Us hat Ähnlichkeit mit Brettspielen wie "Mafia", lĂ€uft aber online. Entweder ist man Team-Mitglied oder VerrĂ€ter, und niemand weiß es. Mitglieder erledigen Aufgaben, VerrĂ€ter töten sie. Gewinnen kann man, indem man Aufgaben löst oder alle VerrĂ€ter aufdeckt und rauswirft, bevor es zu viele werden. FĂŒr unser Spiel haben wir die Einstellungen so gewĂ€hlt, dass maximales Chaos garantiert war: drei VerrĂ€ter, was sehr viel ist, fĂŒr jede Person im Team eine Aufgabe. Es ging ziemlich rund zu und so lustig, als wĂ€re man draußen mit seinen Freunden.

Video-Spiele waren schon vor der Pandemie ein riesiges GeschĂ€ft. Also kann man natĂŒrlich Spaß in einem Online-Spiel haben. Aber das Coronavirus hat viele dazu gebracht, das herauszufinden und zu entdecken, wie man an virtuellen Orten Kontakt mit Freunden und Fremden aufnehmen kann. Menschen verarbeiteten ihr Leid in "Animal Crossing", veranstalteten Party-Abende mit Jackbox oder hatten Spaß mit Among Us. Wenn solche Momente Teil des Lebens vieler Menschen blieben, wĂ€re das schön.

Noch 2019 stand die Wisch-Kultur in voller BlĂŒte. Doch die Pandemie machte aus One-Night-Stands eine ferne Erinnerung und brachte die Singles dieser Welt in ein Dilemma. Sie mussten ihre Kontakte ganz ins Internet verlegen und neu ĂŒber Dating nachdenken. Mit einfachen Google-Tabellen wurden spontane Partnersuch-Dienste eingerichtet, Video-Dating breitete sich aus, und die VerkĂ€ufe von Sexspielzeugen nahmen stark zu. NatĂŒrlich ist nichts besser, als einen Menschen persönlich kennenzulernen und im echten Leben zu prĂŒfen, ob die Chemie stimmt. Und so endeten Romanzen, die mit einer idealisierten Version der Beteiligten im Internet begonnen hatten [4], nach den Lockdown-Lockerungen oft in einer EnttĂ€uschung.

Zwar konnte man in den USA und anderswo schon lange vor der Pandemie auch per Brief abstimmen. Doch bei der PrĂ€sidentschaftswahl 2020 wurden die Möglichkeiten dafĂŒr ausgeweitet, und viele Amerikaner nutzten sie.

Indirekt wurde die US-Wahl dadurch zu einer der sichersten, die es je gab: „Die Wahl so zu organisieren, dass eine Woche oder sogar ein Monat Zeit bleibt, bedeutet, dass egal welches Problem deutlich weniger gravierend wird – ob es um technische Probleme geht oder um einen böswilligen Angriff“, schrieb unser Kollege Patrick Howell O'Neill [5] im Dezember 2020.

Wie sich herausstellte, wussten die meisten Leute gar nicht, wie man richtig die HĂ€nde wĂ€scht. Als in den frĂŒhen Tagen der Pandemie noch nicht viel ĂŒber die Verbreitung des Virus bekannt war, rieten Organisationen wie das CDC zu 20 Sekunden grĂŒndlichem und krĂ€ftigem HĂ€ndewaschen. So entstanden zahllose neue Memes [6], und in den dunkelsten Monaten des Jahres sangen manche Menschen zweimal das Lied „Happy Birthday“ vor sich hin, um die HĂ€nde in dieser Zeit sauber genug zu machen.

Wissen Sie noch, wie wir frĂŒher Stangen in der U-Bahn oder Einkaufswagen angefasst und dann unser Gesicht berĂŒhrt haben, ohne auch nur darĂŒber nachzudenken? Damit dĂŒrfte es jetzt vorbei sein.

Der Verzicht auf Zug- oder Auto-Fahrten hatte spĂŒrbare Vorteile fĂŒr die Umwelt. Im April 2020 nahmen die CO2-Emissionen um 17 Prozent ab [7]. In frĂŒher verschmutzten StĂ€dten in China und Indien ließ der Smog nach. Laut Experten war der Effekt der Gleiche, als hĂ€tte man 192.000 Autos aus dem Verkehr gezogen. Außerdem sorgte die Stille auf der Erde dafĂŒr, dass Wissenschaftler leichte seismische Verschiebungen belauschen konnten, fĂŒr die es frĂŒher zu laut gewesen wĂ€re, berichtete die Fachzeitschrift "Science" im Juli. Eine leisere und weniger schmutzige Welt bedeutet nicht, dass wir keine Angst mehr vor Klimawandel zu haben brĂ€uchten – und die genannten VerĂ€nderungen werden sicher nicht anhalten, wenn die Pandemie endet. Aber die Erfahrung zeigt, was sich mit drastischen Maßnahmen beim Klima erreichen lĂ€sst.

Vor der Pandemie nahmen 30-40 Prozent der Familien in den USA mindestens eine Mahlzeit am Tag zusammen ein, hat Anne Fishel ermittelt, Psychologie-Professorin an der Harvard University und MitgrĂŒnderin des Family Dinner Project [8]. Doch AusgangsbeschrĂ€nkungen, Schließungen und Arbeit oder Schule von zuhause aus sorgten dafĂŒr, dass gemeinsames Essen wieder hĂ€ufiger wurde. „70 Prozent der Familien kochen mehr, 60 Prozent bereiten Mahlzeiten komplett selbst zu, 50 Prozent beteiligen ihre Kinder daran, und insgesamt gibt es 55 Prozent mehr Familienessen“, zitiert Fishel Zahlen der kanadischen Guelph University.

Am selben Tisch und zur selben Zeit zu essen wie der Rest des eigenen Haushalts, mag sich nach kaum mehr als einer netten Tradition anhören. Fishel aber sieht wertvolle Aspekte darin. „In Familien, die regelmĂ€ĂŸig zusammen zu Abend essen, gibt es seltener Substanz-Missbrauch, Ess- und Angst-Störungen sowie Depressionen“, erklĂ€rt sie. Außerdem nehme die Resilienz und das Selbstvertrauen zu. Gerade das dĂŒrfte fast jeder gut gebrauchen können, wĂ€hrend wir mit der nĂ€chsten Coronavirus-Welle das neue Jahr beginnen.

Mehr von MIT Technology Review Mehr von MIT Technology Review [9]

(sma [10])


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[1] https://www.heise.de/hintergrund/Virtuelle-Naehe-trotz-Zoom-Muedigkeit-4971846.html
[2] https://www.heise.de/
[3] https://www.technologyreview.com/2020/05/28/1002314/clear-mask-captioning-live-transcription-deaf-coronavirus-pandemic/
[4] https://www.nytimes.com/2020/12/08/fashion/weddings/sparks-fly-on-virtual-dates-but-not-so-much-in-real-life.html
[5] https://www.technologyreview.com/2020/12/10/1013584/expanding-voting-access-improves-election-security/
[6] https://www.youtube.com/watch?v=L89nN03pBzI&ab_channel=Pinkfong%21Kids%27Songs%26Stories
[7] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7323667/
[8] https://thefamilydinnerproject.org/
[9] https://www.heise.de/
[10] mailto:s.mattke@gmail.com