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Details und Nachbautipps zum MultiGeiger von Ecocurious

Jens Hackel

Mit den MultiGeiger-Stationen soll in Deutschland ein Netz aus stationÀren GeigerzÀhlern entstehen. Wir haben eine Messstation zusammengebaut und aufgestellt.

Der Multigeiger ist ein Citizen-Science-Projekt von Ecocurious, einer in TĂŒbingen beheimateten Umwelt-, Natur- und Technik-Community. Ihr Ziel ist, ein BĂŒrger-Messnetz fĂŒr RadioaktivitĂ€t aufzubauen – als offene und unabhĂ€ngige ErgĂ€nzung zu den offiziellen MessgerĂ€ten, wie zum Beispiel denen des Deutschen Wetterdienstes. DafĂŒr haben sie eine Anleitung fĂŒr den Bau eines gĂŒnstigen, ESP-basierten ZĂ€hlrohrs samt passender Firmware sowie eine Online-Karte zur Auswertung entwickelt.

Das Konzept ist angelehnt an den Feinstaubsensor und die Karte des Stuttgarter Open Knowledge Labs [1]. Die fest installierten Multigeiger schicken ihre Messdaten ebenfalls zum Server von sensor.community und wahlweise zu madavi.de. Einen Überblick ĂŒber die Messwerte der letzten Stunden kann man sich ĂŒber eine Online-Karte verschaffen [2]. Eine Registrierung ist dafĂŒr nicht erforderlich. Praktischerweise lassen sich auf der Übersichtskarte auch die aktuellen Werte sowie die örtlich vorherrschende Windrichtung einblenden.

MultiGeiger von Ecocurious (0 Bilder) [3]

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Wer selber einen Multigeiger bauen möchte, kann an einem Workshop von Ecocurious teilnehmen oder die Teile passend bestellen – bei Problemen und Fragen zum Bezug hilft die Gruppe weiter. Anfragen sind ĂŒber mulitgeiger@ecocurious.de möglich. Der Zusammenbau ist unkompliziert und lĂ€sst sich auch alleine gut an einem Wochenende bewerkstelligen. Bisher gibt es die Anleitung nur fĂŒr eine feste Messstation, an einer mobilen Variante wird derzeit gearbeitet.

Vor der Bestellung sollte man sich Gedanken ĂŒber den Aufstellungsort und die Anbindung des ZĂ€hlers an Internet machen. Aktuell gibt es eine Version mit WLAN und OLED-Display oder LoRaWAN / WLAN mit deutlich kleinerem Display. Die Kosten dafĂŒr belaufen sich auf jeweils 75 Euro. Sinnvoll ist noch ein USB-Netzteil mit einem langen Anschlusskabel zur Stromversorgung. HierfĂŒr sollten 10 Euro eingeplant werden. Ich habe ich mich fĂŒr die WLAN-Variante ohne Netzteil entschieden, da ich den Sensor autark, mittels Solarzellen und Akkus, versorgen möchte. Weil der MultiGeiger die Zerfallsprodukte radioaktiver Strahlung misst, nachdem sie vom Regen aus der Luft geholt wurden, sollte die Station spĂ€ter auf einem StĂŒck Rasen aufgestellt werden – auf Beton oder Stein lĂ€uft der Regen zu schnell ab.

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KernstĂŒck des MultiGeigers ist ein Geiger-MĂŒller-ZĂ€hlrohr fĂŒr Gammastrahlung vom russischen Typ Si22G. Ich habe es ĂŒber Ecocurious bezogen, da sie es vor dem Versenden auf einwandfreie Funktion ĂŒberprĂŒfen. Das Si22G ist sehr empfindlich, aber mit einer LĂ€nge von 22cm und einem Durchmesser von 1,9cm recht groß. Daher ist es vorzugsweise fĂŒr den stationĂ€ren Betrieb zu empfehlen. In der Software sind auch Konfigurationen fĂŒr kleinere ZĂ€hlrohre wie das SBM-20 oder SBM-19 vorhanden, die sich besser fĂŒr einen portablen Betrieb eignen. Aktuell besser verfĂŒgbar ist zum Beispiel auch das ZĂ€hlrohr Z1A.

Außerdem gibt es eine Platine, um den Aufbau der Elektronik rund um zu vereinfachen. Sie ist lang und schmal gestaltet, damit sie zusammen mit dem Geiger-MĂŒller-ZĂ€hlrohr in ein StĂŒck Installationsrohr passt, was die vorgeschlagene GehĂ€useform fĂŒr den ortsfesten Einsatz darstellt. Das Platinenlayout, weitere Informationen und die Software findet sich bei Github [6], die aktuelle Bauanleitung ist online bereit gestellt [7].

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Die Bauteilanzahl ist ĂŒberschaubar und bis auf den Feldeffekttransistor (MOSFET) sind alle Teile in klassischer Durchsteck-Bauform ausgefĂŒhrt. Die Lötarbeiten sollten also selbst fĂŒr AnfĂ€nger gut machbar sein. Zum Verlöten des MOSFETs kann dieser mit einem Klebeband fixiert werden. Am ESP32-Modul befindet sich das Flachbandkabel sehr dicht an den Lötstellen fĂŒr die Pfostenleisten. Um BeschĂ€digungen beim Einlöten der Leiste zu vermeiden sollte es zum Beispiel mit etwas Aluminiumfolie geschĂŒtzt werden.

Make 3/22

Das ZĂ€hlrohr kam mit Halteklammern, ursprĂŒnglich Sicherungshaltern fĂŒr 5×20mm Feinsicherungen. Da die Kontakte am ZĂ€hlrohr jedoch etwas dicker sind, musste ich sie vor dem Einbau des ZĂ€hlrohres etwas aufbiegen. Wer in seiner Restekiste noch Halter fĂŒr Feinsicherungen amerikanischer Bauform hat, sollte diese nehmen. Sie sind etwas grĂ¶ĂŸer und passen besser. Schließlich habe ich mit aushĂ€rtender Knetmasse einen BerĂŒhrungsschutz fĂŒr den Anodenkontakt gebastelt, denn dort liegen im Betrieb 400 Volt Gleichspannung an. Der Anodendraht ist das Ende des ZĂ€hlrohrs mit dem Plus-Zeichen, das mit der Platine in Kontakt kommt. Der andere Kontakt ist mit dem MetallgehĂ€use verbunden und wird auf Masse gelegt.

Make 3/22

Zur Spannungsversorgung kann ein handelsĂŒbliches USB-Netzteil verwendet werden. Die durchschnittliche Stromaufnahme der Schaltung betrĂ€gt ca. 0,1 Ampere, was einer Leistung von 0,5 Watt entspricht. Ein MOSFET-Boost-Converter erzeugt aus den 5-Volt-Betriebsspannung die erforderliche Anodenspannung von 400 Volt. Die verwendete Converter-Schaltung kommt dabei mit erstaunlich wenigen Bauteilen aus, da Regelung und Überwachung per Software durch den ESP32 erfolgen.

Bei Workshops gibt es den Mikrocontroller ESP32 von Ecocurious mit der aktuellen Firmware vorprogrammiert – das spart Zeit beim Zusammenbau. Ansonsten spielt man den Sketch mit der kostenlosen Programmierumgebung von Arduino oder Alternativen wie Visual Studio Code oder PlatformIO aufgespielt werden, wobei natĂŒrlich individuelle Anpassungen vorgenommen werden können. Hierzu ist neben der Bauanleitung ein Video mit einer Beschreibung der einzelnen Schritte [15] verfĂŒgbar.

Wer möchte, kann noch einen zusĂ€tzlichen BME280 oder BME680-Sensor fĂŒr die Erfassung von Temperatur, Luftdruck und -feuchtigkeit am I2C-Port anschließen. Dazu wird auf der Platine unter dem ESP32-Board entweder ein 4-poliger JST-Stecker mit 1,5mm Rastermaß oder direkt das Sensorkabel eingelötet. AnfĂ€nger haben beim Anschluss wegen des geringen Abstands und der Position der Verbindungsstelle vermutlich Probleme. Hier sollte jemand mit Löterfahrung helfen. Die Anschlussbelegung ist in der Bauanleitung nicht vermerkt, kann aber aus dem Schaltplan ersehen werden [16].

Ein extra Sensor fĂŒr den MultiGeiger (3 Bilder) [17]

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Der zusÀtzliche BME680-Sensor
(Bild: Jens Hackel)

Die Platine und das ZĂ€hlrohr werden nun auf einem StĂŒck abgeschnittenen Kabelkanal befestigt. Ich habe aus StabilitĂ€tsgrĂŒnden ein 30×5mm PVC-Profil aus dem Baumarkt verwendet. Die hinteren Kanten habe ich mit einem Hand-Entgrater angefast, damit alles ins GehĂ€use passt.

Nach dem Zusammenbau ist es Zeit fĂŒr den ersten Test. Hat die Inbetriebnahme funktioniert, ertönt eine BegrĂŒĂŸungsmelodie. Die gezĂ€hlten VorgĂ€nge werden auf dem Display angezeigt sowie per LED und durch ein KlickgerĂ€usch ausgegeben. Das Display und die Audiomeldungen sowie der Bluetooth-Betrieb lassen sich mit dem Durchtrennen von Leiterbahnen ausschalten. Optional kann dafĂŒr ein 4-fach DIL-Schalter eingebaut werden. FĂŒr den dauerhaften Einsatz im Außenbereich sollte die Platine mit Platinenschutzlack oder Plastikspray vor Korrosion geschĂŒtzt werden.

Das GehĂ€use stammt ebenfalls aus dem Baumarkt: ein 2m-StĂŒck PG-Elektroinstallationsrohr mit 40mm Durchmesser, das ich nach Anleitung zugesĂ€gt und mit Bohrungen versehen habe. Um bei Gebrauch eine Ansammlung von Radongas im unteren Rohr zu vermeiden, habe ich zahlreiche Bohrungen zur BelĂŒftung angebracht. Der Zwischenboden besteht aus einer Kruke, einem kleinen VorratsgefĂ€ĂŸ, aus der Apotheke und wird mit Silikon eingeklebt. ZusĂ€tzlich benötigt man fĂŒr das obere Ende des Rohres eine Abdeckkappe aus dem Baumarkt. Ich habe ich zur besseren BelĂŒftung und als Insektenschutz eigene Abdeckungen konstruiert und mit einem 3D-Drucker ausgedruckt.

MultiGeiger im Garten (3 Bilder) [19]

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Versuchsbetrieb mit autarker Stromversorgung
(Bild: Jens Hackel)

Mit dem Solarpaneel habe ich lange experimentiert und verschiedene Dinge ausprobiert, von den Panelen ĂŒber Laderegler bis hin zu Akkus. Inzwischen habe ich eine stabile Konfiguration gefunden, die zuverlĂ€ssig lĂ€uft. FĂŒr den autarken Betrieb verwende ich ein 12V/10W Solarpaneel und einen Laderegler von Waveshare [21], der Laden und zugleich eine unterbrechungsfreie 5V/1A Stromversorgung ermöglicht.

FĂŒr Zeiten ohne ausreichend Sonnenschein liefern drei parallel geschalteten 16850-Akkus die notwendige Energie. Sowohl der Laderegler als auch die Akkus sind in einer spritzwassergeschĂŒtzten Verteilerdose untergebracht, die ich auf der RĂŒckseite des Solarpaneels mit Silikon aufgeklebt habe. Je nach Aufstellungsort des Multigeigers kann das Paneel entweder direkt am Rohr oder an einem sonnigen Ort in der NĂ€he montiert werden.

LĂ€uft alles, wird der ZĂ€hler ins RohrgehĂ€use geschoben und aufgestellt. Tipps zur Wahl des optimalen Aufstellungsortes [22] finden sich in der Bauanleitung. Nun kann man die WLAN bzw. LoRaWAN-Konfiguration durchfĂŒhren und seine Messwerte mit der Community teilen. Als zusĂ€tzliches Gadget lĂ€sst sich die Bluetooth-Verbindung nutzen, um die ZĂ€hlgerĂ€usche auf einem Smartphone mittles "zweckenfremdeter" Herzfrequenz-Messungs-App auszugeben. KĂŒnftig soll auch die Einbindung ins eigene Smart Home ĂŒber das Protokoll MQTT möglich sein. Daher freut sich die Gruppe ĂŒber neue Interessierte, die an Soft- und Hardware oder der Dokumentation mitarbeiten wollen. Rundherum ist der Multigeiger ein gelungenes und nachbausicheres Projekt mit empfindlichem ZĂ€hlrohr und reichlich Potential fĂŒr individuelle Anpassungen und Erweiterungen. (hch [23])


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[1] https://www.heise.de/ratgeber/Umweltsensoren-fuer-eigene-Messstationen-zu-Luftqualitaet-und-mehr-4684847.html
[2] https://ecocurious.de/multigeiger-karte/
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/3548961.html?back=7099642;back=7099642
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/3548961.html?back=7099642;back=7099642
[5] https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html
[6] https://github.com/ecocurious2/MultiGeiger
[7] https://multigeiger.readthedocs.io/de/latest/assembly.html
[8] https://www.heise.de/make
[9] https://shop.heise.de/make-03-2022/Print?wt_mc=intern.shop.shop.ma_2203.dos.textlink.textlink
[10] https://www.heise.de/select/make/2022/3
[11] https://www.mykiosk.com/suche/23141/make-
[12] https://shop.heise.de/make-03-2022/Print?wt_mc=intern.shop.shop.ma_2203.dos.textlink.textlink
[13] https://www.heise.de/select/make/2022/3
[14] https://www.mykiosk.com/suche/23141/make-
[15] https://cloud.opteryx.org/index.php/s/DWcYpgdjQfYLPJY
[16] https://github.com/ecocurious2/MultiGeiger/blob/master/docs/hardware/Schematic.pdf
[17] https://www.heise.de/bilderstrecke/3548963.html?back=7099642
[18] https://www.heise.de/bilderstrecke/3548963.html?back=7099642
[19] https://www.heise.de/bilderstrecke/3548966.html?back=7099642
[20] https://www.heise.de/bilderstrecke/3548966.html?back=7099642
[21] https://www.amazon.de/dp/B094FWZVFH/
[22] https://multigeiger.readthedocs.io/de/latest/deployment.html
[23] mailto:hch@make-magazin.de