Die Amazon-Strategie
Amazon steckt die gesamte Konkurrenz im Online-Einzelhandel in die Tasche, weil der Konzern permanent in technische Innovationen reinvestiert. Der Preis dafĂŒr: ein profitloses Hyperwachstum.
Amazon steckt die gesamte Konkurrenz im Online-Einzelhandel in die Tasche, weil der Konzern permanent in technische Innovationen reinvestiert. Der Preis dafĂŒr: ein profitloses Hyperwachstum.
Warum haben einige GeschĂ€fte Erfolg wĂ€hrend andere pleite gehen? Diese Frage beschĂ€ftigt EinzelhĂ€ndler seit Generationen, mit unterschiedlichen Antworten. Ende des 19. Jahrhunderts setzte man auf die Architekten. Erfolgreiche HĂ€ndler wie Marshall Field errichteten EinkaufspalĂ€ste, die so prachtvoll waren, dass die Kunden von selbst hineinströmten. Im frĂŒhen 20. Jahrhundert wurde der Postversand zur âKiller Appâ, mit Sears Roebuck an der Spitze der Bewegung. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts eroberten supereffiziente Vorstadt-Discounter wie Target und Walmart das GeschĂ€ft.
Nun wird der Kampf im Netz ausgetragen. Ein Sieger ist bislang noch nicht richtig auszumachen. Riesen wie Walmart und kleine HĂ€ndler wie Tweezerman.com betreiben alle ihre eigenen Webseiten, um die rasant wachsende Kundennachfrage zu bedienen. 2012 legte der Online-Einzelhandel in den USA um 15 Prozent zu â sieben mal so stark wie der traditionelle Einzelhandel. Der Preiskampf ist allerdings gnadenlos, und die Profite sind, wenn es ĂŒberhaupt welche gibt, minimal. Dieser 186 Milliarden Dollar schwere Markt gleicht einem vergifteten Geschenk: zu groĂ, um es zu ignorieren, zu trĂŒgerisch, um sich darauf einzulassen.
Selbst der Primus der Branche, Amazon, verfolgt ein GeschĂ€ftsmodell, dass so manchen ratlos macht. Auf der einen Seite fĂ€hrt der Online-HĂ€ndler in diesem Jahr einen Umsatz von 75 Milliarden Dollar ein. Auf der anderen Seite schreibt er rote Zahlen: Im vergangenen Quartal verbuchte Amazon einen Verlust von 41 Millionen Dollar. GrĂŒnder und CEO Jeff Bezos ficht das nicht an. Als er einmal darauf angesprochen wurde, dass Amazon nur fĂŒr einen kurzen Zeitraum im Jahre 1995 profitabel war, frotzelte er, das sei âwahrscheinlich ein Fehlerâ gewesen.
Schaut man genauer hin, wird jedoch eine Strategie erkennbar. Amazon schaufelt permanent Geld zurĂŒck in sein GeschĂ€ft. Das geht zum Beispiel in die geheimniskrĂ€merische Forschungsabteilung des Konzerns, Lab 126, die am Kindle der nĂ€chsten Generation und anderen mobilen GerĂ€ten arbeitet. Amazon gibt zudem viel Geld aus, die modernsten LagerhĂ€user zu errichten, den Kundendienst noch geschmeidiger zu machen und andere Ideen zu entwickeln, die den Marktanteil weiter vergröĂern. Der frĂŒhere Amazon-Manager Eugene Wei hat es kĂŒrzlich in einem Blogeintrag so zusammengefasst: âDas KerngeschĂ€ft von Amazon wirft bei jeder Transaktion Profit ab. Der Grund, dass man den nicht sieht, ist, dass es massiv investiert, die Verkaufsbasis immer weiter auszubauen.â
Die meisten Investionen gehen in die Technik. Denn fĂŒr Amazon ist der Einzelhandel im Wesentlichen eine gigantische Aufgabe fĂŒr Ingenieure. Algorithmen bestimmen alles, von der Art und Weise, wie das digitale Schaufenster eingerichtet ist, bis zur optimalen Auslieferung. Andere groĂe HĂ€ndler geben hingegen viel Geld fĂŒr Werbung aus und vertrauen auf ein paar hundert Ingenieure, den Laden am Laufen zu halten. Amazon jedoch begnĂŒgt sich mit einem geradezu mickrigen Werbebudget, wĂ€hrend es Tausende von Ingenieuren beschĂ€ftigt, die direkt nach ihrem Uniabschluss vom MIT, der Carnegie Mellon University und vom California Institute of Technology angeworben werden.
Das hat sich inzwischen auch bei der Konkurrenz herumgesprochen. Walmart, der gröĂte EinzelhĂ€ndler der Welt, hat vor zwei Jahren ein Forschungszentrum im Silicon Valley eröffnet, das seine eigene Suchmaschine entwickelt. Der Konzern hĂ€lt auch bestĂ€ndig nach Start-ups Ausschau, die es aufkaufen kann. Wer mit Amazon konkurrieren will, muss aber mehr tun als ein digitales Schaufenster und eine App zu bieten. Um es mit Amazons reibungsloser Lieferkette aufzunehmen, kam Walmart kĂŒrzlich auf die Idee, Kunden in seinen Einkaufszentren als Auslieferer fĂŒr Online-Kunden anzuheuern.
Dass Amazon ein Innovator ist, ja sein muss, liegt an drei Defiziten, die es im Vergleich zum klassischen Einzelhandel hat: Es gibt keine Einkaufszentren, in denen Kunden die Waren in die Hand nehmen können; es gibt keine VerkĂ€ufer, die sich um Kunden kĂŒmmern können; und es gibt fĂŒr Kunden nicht die Möglichkeit, ihre Waren gleich nach dem Bezahlen in Besitz zu nehmen. Alles, was die Amazon-Ingenieure erfinden, dient letztlich dazu, diese fundamentalen Defizite vergessen zu machen.
Wie gewitzt Amazon dabei ist, zeigt sein wachsendes Patent-Portfolio. Seit 1994 haben Amazon.com und die Tochterfirma Amazon Technologies 1263 Patente angemeldet. Zum Vergleich: Walmart hat es in der gleichen Zeit auf 53 Patente gebracht. Jede Amazon-Erfindung soll den Einkauf auf der Webseite etwas einfacher und ein bisschen verfĂŒhrerischer machen, oder zumindest die Kosten senken helfen.
Ein Beispiel ist das US-Patent Nr. 8.261.983 zu âgenerated customized packagingâ, erteilt Ende 2012. Worum es dabei geht, erlĂ€utert Dave Clark, der die 100 LagerhĂ€user des Konzerns managet: âWir versuchen, Pakete mit immer weniger Luft zu packen.â Die Vorstellung, alles in ein klobiges Standardpaket zu packen und dafĂŒr auch noch ein paar Cent extra an die Zusteller zu bezahlen, ist Clark zuwider. Denn bei einer Milliarde Lieferungen addieren sich diese Extra-Cents zu einer stattlichen Summe. Amazon hat stattdessen 40 verschiedene Paketformate entwickelt und ist damit immer noch nicht zufrieden. Hier kommt nun das Amazon-Patent ins Spiel: Wenn ein Kunde ein besonders seltsam geformtes Produkt kauft, rechnet eine Software aus, wie man es am besten verpackt und die passende Box innerhalb von 30 Minuten herstellt.
Dagegen zu konkurrieren, ist sehr schwer. Tausende Online-HĂ€ndler buchen sich deshalb lieber in das Ăkosystem von Amazon ein. Firmen wie EasyLunchboxes.com haben ihr gesamtes Inventar in die Amazon-LagerhĂ€user verlagert, wo sie fĂŒr die Auslieferung ihrer Waren und andere Dienstleistungen eine Kommission zahlen. Dieses System entwickle sich inzwischen zu einem hochlukrativen GeschĂ€ft fĂŒr Amazon, sagt Heath Terry, Analyst bei Goldman Sachs. Amazon werde aus solchen Auslieferdiensten 2014 einen Umsatz von 3,5 Milliarden Dollar generieren. Terry schĂ€tzt den Wert dieses NebengeschĂ€fts auf 38 Milliarden Dollar oder 20 Prozent des Börsenwerts von Amazon.
HĂ€rter wird es, wenn man mit Amazon in den Ring steigt. Nach Berechnungen von Internet Retailer ĂŒbertrifft der Umsatz von Amazon den der zwölf nĂ€chstgröĂeren Konkurrenten zusammengenommen. Der drittgröĂte EinzelhĂ€ndler Target rĂ€umte dieses Jahr in einer Behördenangelegenheit ein, dass âdie digitalen Erlöse einen immateriellen Teil der Gesamterlöseâ darstellten. Die beste Strategie fĂŒr HĂ€ndler, die auch ins Online-GeschĂ€ft einsteigen, ist, sich Nischen zu suchen, die der Platzhirsch noch nicht besetzt hat. Dazu gehören âFlash Salesâ, mit denen man ImpulskĂ€ufer ĂŒberrascht, oder auch im Netz schwierige Warenkategorien wie Lebensmittel. Die meisten NeuzugĂ€nge auf dem Markt verlieren jedoch Geld.
Das profitlose Hyperwachstum von Amazon ist indes ein Problem fĂŒr sich. Die Amazon-Entwickler wollen auch das lösen. So wurde etwa das âBuy this, tooâ-Patent aus dem Jahr 2000 in den vergangenen zwei Jahren um fast ein Dutzend zusĂ€tzliche Ideen erweitert, um den Kunden noch mehr Geld aus der Tasche zu locken. Ein Dreh dabei sind die VersandgebĂŒhren: Man schlĂ€gt dem Kunden noch ein Taschenbuch vor, mit dessen Kauf er die Schwelle ĂŒberschreitet, ab der die VersandgebĂŒhren entfallen.
Die Idee ist an sich alt, schon in klassischen LĂ€den wussten die VerkĂ€ufer zu fragen, ob der Kunde zum Anzug vielleicht noch eine Krawatte möchte. Im Rund-um-die-Uhr-Imperium von Amazon wird diese alte Strategie jedoch mit der PrĂ€zision eines Spieltheoretikers auf die Spitze getrieben. Bereits einige Wochen vor dem Start des VorweihnachtsgeschĂ€fts kĂŒndigte Amazon an, dass 25 Dollar fĂŒr eine versandkostenfreie Lieferung nicht mehr genĂŒgen. Die neue Schwelle liegt jetzt bei 35 Dollar. (nbo [1])
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