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Gehirn steuert Computer

Ben Schwan

Die Verbindung von Gehirn und Rechner funktioniert besser als bislang angenommen: Forscher an der University of Washington haben nachgewiesen, dass sich das Gehirn erstaunlich leicht an elektronische Schnittstellen anpasst.

Die Verbindung von Gehirn und Rechner funktioniert besser als bislang angenommen: Forscher an der University of Washington haben nachgewiesen, dass sich das Gehirn erstaunlich leicht an elektronische Schnittstellen anpasst.

Es dĂŒrfte kaum einen netzaffinen Science-Fiction-Fan geben, der William Gibsons erste Cyberpunk-Buchreihe, die "Sprawl Trilogy", nicht kennt: In den zwischen 1984 und 1988 erschienenen Romanen "Neuromancer", "Count Zero" und "Mona Lisa Overdrive" wird eine Art dreidimensionales Internet beschrieben, in das sich die Protagonisten in ihrem Geiste hineinversetzen können. Die Schnittstelle in diese wunderbare wie furchterregende Welt ist dabei ein sogenanntes Brain Interface – man "steckt ein", um direkt per Hirn mit dem Rechner und dem darin abgebildeten Netz verbunden zu werden.

Solche Computer-Gehirn-Schnittstellen existieren inzwischen in zunehmender KomplexitĂ€t in der RealitĂ€t: Sie werden beispielsweise genutzt, um Prothesen nach Amputationen oder LĂ€hmungen zu steuern. Neben relativ einfachen Varianten, bei denen Elektroenzephalografie-GerĂ€te (EEGs) die elektrische AktivitĂ€t des Gehirns von außen messen, kommen zunehmend auch Implantate zum Einsatz, die ĂŒber Elektroden die Signale direkt an den Nervenzellen abnehmen. Unklar dabei ist noch vieles. So muss zunĂ€chst die richtige Position fĂŒr die Elektroden gefunden werden, um auch das gewĂŒnschte Signal zu erfassen. Außerdem war lange unbekannt, wie adĂ€quat das Gehirn mit solchen Apparaturen ĂŒberhaupt zusammenarbeitet.

Forscher an der University of Washington haben nun in Testreihen festgestellt, dass zumindest Letzteres erstaunlich gut funktioniert. Bei der Studie [1], die im Februar in den Proceedings of the National Academy of Sciences erschien, wurde eine Gruppe von Epileptikern untersucht, denen in Vorbereitung einer Operation Elektroden ins Gehirn eingesetzt worden waren. Die Versuchspersonen wurden zunĂ€chst gebeten, bestimmte Bewegungen durchzufĂŒhren, etwa ihre Arme oder ihren Oberkörper zu heben. Anschließend sollten sie sich den gleichen Bewegungsablauf nur vorstellen. Beide Aktionen ergaben, wie es zu erwarten war, an den Elektroden im passenden Frequenzbereich unterschiedliche SignalqualitĂ€ten: Der Ausschlag bei den realen Aktionen war deutlich höher als bei der reinen VergegenwĂ€rtigung. Allerdings blieb es nicht dabei.

Im Anschluss wurden die Probanden an einen Computer gesetzt, der a la "Neuromancer" mit dem Brain Interface in Verbindung stand. Dort löste dann das Signal der reinen Vorstellung einer Bewegung das Fortschreiten eines Cursors aus. Es dauerte keine zehn Minuten, bis die dabei auftretenden Gehirnsignale deutlich stĂ€rker wurden – sogar stĂ€rker als bei der tatsĂ€chlichen DurchfĂŒhrung der Bewegung in der RealitĂ€t. Es kam sogar noch besser: Weitere zehn Minuten spĂ€ter meldeten zwei der Testpersonen, dass sie den Cursor schon dann bewegen konnten, wenn sie nur daran dachten, ihn zu bewegen. Gedanken an die tatsĂ€chliche körperliche Aktion waren gar nicht mehr nötig.

Kai J. Miller, Neurowissenschaftler und Hauptautor der Studie, sieht in dem PhĂ€nomen eine Art intensives Gehirntraining am Werk. "Es ist so wie bei Bodybuildern, die grĂ¶ĂŸere Muskeln bekommen, als es normal wĂ€re, weil sie Gewichte stemmen." Er spricht von sogenannten "superaktiven" Bereichen von Hirnzellen, die sich ĂŒber die Computerschnittstelle anregen lassen.

Die hohe KompatibilitĂ€t zwischen Hirn und Rechner ĂŒberraschte die Forscher. Bekannt ist allerdings schon lĂ€nger, dass das konzentrierte und regelmĂ€ĂŸig Vorstellen von BewegungsablĂ€ufen des eigenen Körpers zum Aufbau eines "MuskelgedĂ€chtnisses" fĂŒhren kann, das sich dann in der RealitĂ€t abrufen lĂ€sst. Den University of Washington-Forschern gelang es, die passenden Frequenzen ĂŒber ihre Elektroden abzugreifen.

Miller und sein Team wollen nun herausfinden, ob es möglich ist, eine Signalauswertung bei der Verbindung von Mensch und Maschine auch mit Hilfe einfacherer Gehirn-Schnittstellen zu erzielen, fĂŒr die es keine direkten Implantate und Elektroden braucht. EEG-MessgerĂ€te, die man sich einfach ĂŒber den Kopf stĂŒlpt, dĂŒrften allerdings derzeit noch zu schwache Impulse liefern, um Erinnerungen an Bewegungen herausfiltern zu können. Doch ohne ein direktes Feedback trainiert das Gehirn eben nicht gut. (bsc [2])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-937587

Links in diesem Artikel:
[1] http://uwnews.org/relatedcontent/2010/February/rc_parentID55693_thisID55694.pdf
[2] mailto:bsc@heise.de