Iranische Internetaktivisten werden weiterhin drangsaliert
Regimekritische Internetaktivisten werden im Iran seit Jahren verfolgt und eingeschĂŒchtert. Wenn sie keiner politischen Gruppierung zugehören, fehlt ihnen die mediale Aufmerksamkeit und die UnterstĂŒtzung von auĂen.
Der iranische Blogger Mohammad Reza Pourshajari, der unter dem Pseudonym Siyamak einen regimekritischen Weblog fĂŒhrte, ist zu einer fĂŒnfjĂ€hrigen Haftstrafe verurteilt worden [1]. UnabhĂ€ngig agierende Internetaktivisten wie er sind im Iran besonders gefĂ€hrdet, da sie oft im Gegensatz zu Journalisten und Politiker nicht sehr bekannt sind und ihnen die mediale Aufmerksamkeit fehlt. Diese ist aber wichtig, damit bei einer Verhaftung Druck auf die Sicherheitsorgane und den Geheimdienst ausgeĂŒbt wird. Dass die hĂ€rtesten Urteile der vergangenen Jahre in politischen Verfahren Netzaktivisten betrafen, zeigt, dass sie wenig SolidaritĂ€t erfahren haben.
Bloggen im Land der "Feinde des Internets"
Die Organisation Reporter ohne Grenzen weist regelmĂ€Ăig in ihre Liste der "Feinde des Internets" auf den Iran hin. Der iranische Staat hat ĂŒber die Jahre ein komplexes System der Zensur geschaffen, um den Informationsfluss im Netz zu beschneiden. Dazu gehört, oppositionelle Webseiten und Blogs zu blockieren oder zu löschen oder diese anzugreifen. Zudem wird die Verbindungsgeschwindigkeit gedrosselt und werden kritische Internetaktivisten verfolgt.
Die persische BlogosphÀre gehörte zu den ersten Internet-PhÀnomenen Irans und zog seit 2001 viele Iraner an, insbesondere die junge Generation und Journalisten. Persisch war laut Blog Census des National Institute for Technology in Liberal Education 2004 die vierthÀufigste Sprache der weltweiten BlogosphÀre. Persische Weblogs haben innerhalb weniger Jahren die iranische Medienlandschaft stark beeinflusst und verÀndert.
Internet als letzter Raum fĂŒr kritische Meinungen
Das Bloggen im Iran begann zu einer Zeit, als der Machtkampf innerhalb des politischen Systems zwischen den Konservativen und Reformern tobte. Nach einer kurzen Zeit der relativen Pressefreiheit Ende der 1990er Jahre herrschte Zensur und Repression. Die Zeitungen der Reformer wurden verboten und viele Journalisten wurden von den Sicherheitsorganen verfolgt. Unter solchen Bedingungen war das Internet der einzige freie und unzensierte Raum, der die Veröffentlichung kritischer Meinungen ermöglichte.
Diese Freiheit hielt allerdings nicht lange an. Iran war das erste Land weltweit, das einen Blogger aufgrund seiner BlogeintrÀge 2003 verhaftet hat: Sina Motalebi, der einige Monate spÀter das Land verlassen hat. Seitdem wurden viele Blogger verhaftet oder mussten den Iran verlassen. Manche starben in iranischen GefÀngnissen, unter anderem Omid Reza Mirsayyafi 2008 und Sattar Beheshti 2012.
Nach iranischem Recht sind die Nutzung und Verbreitung von Proxys strafbar. Dennoch verschaffen sich viele Internetnutzer im Iran durch sie Zugang zu gesperrten Webseiten und sozialen Netzwerken.
Lockerung der Internetzensur bleibt ein Wahlversprechen
Die Verbreitung des Internets und sozialen Netzwerken wie Facebook, Google+ und Twitter sowie von Smartphones und Apps wie Telegram, Viber und WhatsApp hat auch im Iran zu einer Fragmentierung der virtuellen SphĂ€re gefĂŒhrt. WĂ€hrend vor zehn Jahren die iranischen Blogger mit ihren kritischen Texten die Aufmerksamkeit der Sicherheitsorgane auf sich zogen, werden mittlerweile auch Aktivisten in anderen sozialen Netzwerken wie Facebook verfolgt. Einige Facebook-Aktivisten wurden voriges Jahr zu langjĂ€hrigen Haftstrafen verurteilt. Der bekannteste von ihnen, Soheil Arabi, wurde wegen "Verunglimpfung des Propheten" zum Tode verurteilt. Das Urteil ist zwar Ende Juni dieses Jahres aufgehoben worden, es ist allerdings noch nicht klar, wie das Verfahren gegen ihn enden wird.
Der iranische StaatsprÀsident Hassan Rohani versprach in seinem Wahlkampf vor zwei Jahren, die Internetzensur zu lockern. Viele Iraner hegten die Hoffnung, dass eine moderate Regierung, deren Mitglieder selbst auf Facebook und Twitter aktiv sind, zumindest die Blockierung dieser sozialen Netzwerken aufheben wird. In den vergangenen zwei Jahren wurde nicht nur das Wahlversprechen nicht eingehalten, sondern die Internetaktivisten werden mehr denn je verfolgt.
AnhÀnger der Regierung argumentieren, dass der Geheimdienst und die Justiz auf eigene Faust handelten und die Regierung Rohani keinen Einfluss darauf habe. Die Kritiker Rohanis werfen ihm aber vor, er habe seine innenpolitischen Versprechen vernachlÀssigt und sich nur auf eine Lösung des Atomstreits konzentriert. Es bleibt abzuwarten, ob mit der aktuellen Einigung im Atomstreit nun die innenpolitischen Fragen und die damaligen Wahlversprechen mehr Beachtung finden. (anw [2])
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