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Moxie auf Mars-Rover Perseverance: Ohne Sauerstoff geht es nicht nach Hause

Peter Michael Schneider

Moxie vor dem Einbau

(Bild: NASA/JPL-Caltech)

Als Vorbereitung fĂŒr bemannte FlĂŒge zum Mars soll das Experiment Moxie dort Sauerstoff herstellen. Der Chefentwickler erklĂ€rt im Interview, wofĂŒr das nötig ist.

Am 18. Februar landet der NASA-Rover Perseverance auf dem Mars. An Bord des fahrbaren Roboters fĂ€hrt ein GerĂ€t mit, das die Grundlage fĂŒr eine bemannte Mission zum Roten Planeten legen könnte. MOXIE, das Mars Oxygen In-Situ Resource Utilization Experiment gewinnt aus der dĂŒnnen Mars-AtmosphĂ€re den Stoff des Lebens: Sauerstoff.

Michael Hecht ist der Chefentwickler des Sauerstoffexperiments und erlÀutert im GesprÀch mit heise online, was es damit auf sich hat und was sich sein Team von Moxie [1] erwartet.

Das Experiment Moxie soll Sauerstoff auf dem Mars produzieren. Welche Bedeutung hat das GerÀt?

Moxie soll die bemannte Erforschung des Mars möglich machen, und zwar schon bald. Als realistisch gelten die spĂ€te Dreißiger- oder frĂŒhe Vierzigerjahre. Um Astronauten zu beherbergen, benötigt man aber eine große Infrastruktur auf dem Mars. Es muss zuerst eine Basis gebaut werden, noch bevor eine Crew dorthin startet.

Was ist denn das wichtigste auf dem Mars?

Die Crews brauchen einen Ort, an dem sie leben können, also ein Habitat. Sie brauchen eine Kraftquelle, einen Reaktor mit etwa 25 bis 30 Kilowatt Leistung. Und sie mĂŒssen womöglich mobil sein, beispielsweise mit einem Rover. Am wichtigsten und schwierigsten ist es, mit einer Rakete wieder abzuheben – von der NASA MAV genannt, fĂŒr Mars-Aufstiegs-Vehikel.

Was macht einen Raketenstart von dem Mars so besonders?

Das grĂ¶ĂŸte Einzelteil, das zum Mars fliegen muss, ist ein Tank, der 30 metrische Tonnen Sauerstoff aufnehmen kann. Denn Astronauten benötigen nur relativ wenig Sauerstoff. Viel mehr braucht eine Rakete, um mit ihm den Treibstoff zu verbrennen, etwa Wasserstoff oder Methan. Das Gleiche machen auch Autos auf der Erde. Hier ist Sauerstoff jedoch frei verfĂŒgbarer Teil der Luft, wir denken gar nicht drĂŒber nach. Wenn eine Rakete in den Weltraum fliegt, braucht sie aber enorm große Sauerstoff-Tanks.

Diesen Tank also mit dem Sauerstoff auf den Mars zu transportieren, wĂŒrde mehrere Starts erfordern, mehrere Rendezvous-Operationen und dann mĂŒssen alle Missionen noch am gleichen Ort landen. Dazu mĂŒsste man den flĂŒssigen Sauerstoff handhaben, damit er nicht in den Weltraum abdampft. Sauerstoff ist so der grĂ¶ĂŸte Einzelfaktor bei den Missionskosten.

Und Moxie ist die Lösung?

Ja. Wir mĂŒssten keinen Sauerstoff mitbringen, sondern wĂŒrden ihn mit GerĂ€ten wie Moxie dort produzieren. Damit könnte man die Gesamtmasse an AusrĂŒstung halbieren, die zum Mars transportiert werden muss.

Wie wollen Sie das machen?

Es hat sich herausgestellt, dass es eine einfache Sache ist, dort Sauerstoff aus der AtmosphÀre zu produzieren. So wie BÀume das auch machen. Sie nehmen CO2 auf und atmen Sauerstoff aus. Wir haben also einen Baum zu konstruieren versucht, der in eine kleine Box passt.

Es gibt aber Wassereis auf dem Mars. Ließe sich daraus nicht einfacher Sauerstoff gewinnen?

Nein. Mit Moxie muss niemand irgendwo hingehen, um nach Eis zu suchen. Er muss es nicht ausgraben, prozessieren und hydrolysieren. Das GerĂ€t kann die Mars-AtmosphĂ€re einfach ĂŒberall gewissermaßen einatmen. Das ist das, was wir Low hanging Fruits nennen. Zwar ist nichts auf dem Mars einfach. Aber verglichen mit anderen Ideen und Ressourcen vor Ort ist es die einfachste und praktischste Methode.

Die Experimente von Perseverance

(Bild: NASA)

Wie funktioniert Moxie?

Moxie funktioniert in zwei Schritten. ZunĂ€chst muss es Kohlendioxid, CO2, sammeln. Die AtmosphĂ€re des Mars ist 100-mal dĂŒnner als die der Erde. Daher benötigt Moxie eine Pumpe und einen Kompressor, um die AtmosphĂ€re einzusaugen und zu verdichten.

Im zweiten Schritt verwandelt es das CO2 in Sauerstoff. Dabei trennt es das CO2 nicht in reinen Kohlenstoff und Sauerstoff auf. Elementarer Kohlenstoff ist schwierig zu bearbeiten, er macht in Maschinen Probleme. Wir machen daraus Kohlenmonoxid, CO, und Sauerstoff. Normalerweise versuchen wir Kohlenmonoxid aus unseren HÀusern herauszuhalten. Aber es ist ein Gas, das wir sammeln, speichern und ablassen können. Wir können es sogar als Treibstoff verwenden.

Als Treibstoff?

Um aus Kohlendioxid Kohlenmonoxid und Sauerstoff zu machen, benötigen wir Energie. Der Prozess lĂ€sst sich auch rĂŒckwĂ€rts laufen lassen, wobei Energie freigesetzt wird. CO und O2 erzeugt CO2 und ElektrizitĂ€t. Das bezeichnet man normalerweise als Brennstoffzelle. Moxie lĂ€sst also eine Brennstoffzelle andersherum laufen.

Wie wĂŒrde so eine Mission ablaufen?

Wir bekommen etwa alle 26 Monate Gelegenheit, in nur sieben bis acht Monaten zum Mars zu fliegen, wenn die Planeten in einer gĂŒnstigen Konstellation [2] zueinanderstehen. Wenn zuerst die Sauerstoff-Anlage zum Mars startet und dann die Crew, ließe sich mit einem Kraftwerk Sauerstoff vorproduzieren, bis die Astronauten eintreffen.

Wie viel Strom braucht denn eine solche Sauerstoff-Anlage?

Ich hatte schon erwĂ€hnt, dass die Crew etwa 30 Kilowatt benötigt. Das ist ungefĂ€hr auch die Leistung, die man braucht, um in diesem Zeitraum den Sauerstoff-Tank fĂŒr die RĂŒckkehrrakete aufzufĂŒllen. Moxie hat aber das Problem, dass der Perseverance-Rover [3] in der GrĂ¶ĂŸe eines Mini Cooper nur mit 110 Watt lĂ€uft. Wir haben also ein sehr herunterskaliertes Modell fĂŒr Perseverance gebaut. Moxie ist etwa 200-mal kleiner als das, was spĂ€ter eine Mars-Crew braucht.

Wie groß wĂ€re ein Riesen-Moxie: Reichte ein Start aus, um es zum Mars zu transportieren?

Da gibt es verschiedene PlĂ€ne. Eine Überlegung ist, das Habitat, das Kraftwerks-System und das Aufstiegsmodul gleichzeitig dorthin zu transportieren. Wir erwarten, dass das GerĂ€t zur Sauerstoff-Produktion zukĂŒnftig ungefĂ€hr einen Kubikmeter Raum einnimmt. Das wĂŒrde noch auf die gleiche Rakete passen. Es wĂ€re zwar ungefĂ€hr eine Tonne schwer. Aber das ist nicht viel, denn es spart ja ungefĂ€hr 30 Tonnen.

Was war die grĂ¶ĂŸte Herausforderung beim Bau?

Die Temperatur. Einige Teile mĂŒssen auf bis zu 800 °C aufgeheizt werden. Es ist schwierig, so eine hohe Temperatur zu halten. Hitze ist wertvoll, weil Energie wertvoll ist. Eine andere Herausforderung war, dass Moxie ĂŒber Jahre hinweg autonom lĂ€uft. Außerdem musste es robust genug sein, um den Start zu ĂŒberstehen. Wir bauen normalerweise keine Brennstoffzellen, um sie auf einer Rakete zum Mars zu schicken.

Zudem muss es in einer sehr dĂŒnnen AtmosphĂ€re arbeiten. Ein GerĂ€t bei diesen hohen Temperaturen luftdicht abzuschließen, ist sehr schwierig. Dann ist es auf der Erde sehr feucht. Wenn man diesen Prozess unter feuchten Bedingungen laufen lĂ€sst, funktioniert er sehr viel besser. In einer extrem trockenen Umgebung wie dem Mars ist es dagegen eine Herausforderung.

Ist Moxie schon auf der Erde gelaufen? Quasi unter Marsbedingungen?

Ja, viele, viele Male.

Sie sind also sicher, dass es laufen wird?

Das tun wir jedes Mal, wenn wir etwas in den Weltraum schießen. Und dann funktioniert es hĂ€ufig doch nicht. Das ist der Grund, weshalb wir Moxie zum Mars schicken. Die Frage ist ja, warum wir es nicht einfach nur im Labor testen. Die Antwort ist, dass wir von den Überraschungen dort lernen wollen. Einer unserer Wissenschaftler, ein ehemaliger Astronaut, pflegt zu sagen, der Unterschied zwischen, etwas zu testen und es tatsĂ€chlich im Weltraum zu tun, lĂ€ge darin, dass die Tests dort zum Erfolg verdammt seien.

Moxie soll insgesamt nur ein paar Stunden laufen. Warum so kurz?

Wenn Moxie lĂ€uft, benötigen wir die Energie fĂŒr einen ganzen Tag. Wir teilen Perseverance aber mit sechs anderen wissenschaftlichen Instrumenten. Das Hauptziel des Rovers ist ja, Proben zu sammeln, damit diese eines Tages abgeholt und zur Erde transportiert werden. Vereinbart ist, dass wir zehn Tage eines Marsjahres fĂŒr unser GerĂ€t bekommen. Das bedeutet, dass wir alle paar Monate einen Tag fĂŒr Moxie bekommen, denn ein Marsjahr dauert fast zwei Erdjahre.

Das ist eine Art wissenschaftliches Car-Sharing?

Genau. Es wird sicher passieren, dass etwas mit dem Rover nicht so lÀuft wie geplant. Dann brauchen die Ingenieure ein paar Tage, um nachzuschauen, warum. Dann wird Moxie bereitstehen, daher werden wir wohl hÀufiger testen.

Gibt es in der Mars-AtmosphÀre noch irgendetwas Brauchbares?

Neben dem produzierten Sauerstoff lassen sich zwei weitere nĂŒtzlich Gase extrahieren. Das bereits erwĂ€hnte Kohlenmonoxid lĂ€sst sich als Treibstoff speichern. Denn es wĂ€re sehr einfach, das Kohlenmonoxid in die Brennstoffzelle zurĂŒckzufĂŒhren und mit Sauerstoff einen Rover anzutreiben, oder die Gase als Energie-Notfallreserve zu nutzen.

Außerdem: Wir Menschen können nicht in einer reinen SauerstoffatmosphĂ€re leben, wir brauchen Stickstoff. UngefĂ€hr 5 Prozent der MarsatmosphĂ€re bestehen aus Stickstoff und Argon, der Rest sind Kohlendioxid und einige Spurengase. Daher wĂ€re es sinnvoll, auch diese inerten Gase einzufangen, um damit das Habitat zu befĂŒllen und den Sauerstoff zu verdĂŒnnen.

Gibt es dafĂŒr schon Experimente?

Nein. Vor Moxie hat die NASA nur sehr wenig in diesem Bereich investiert, obwohl vor einem bemannten Marsmission unglaublich viele Dinge getestet werden mĂŒssen. Wir haben die Internationale Raumstation mit Astronauten. Das ist derzeit der Bereich, in den das Geld fließt.

Können wir etwas von Moxie fĂŒr den Mond lernen, selbst wenn er keine AtmosphĂ€re besitzt?

Moxie ist selbstverstĂ€ndlich völlig nutzlos auf dem Mond, weil ihm die AtmosphĂ€re fehlt. GrundsĂ€tzlich wĂŒrde die NASA das fĂŒr die Mondmission bejahen und sagen, der Mond sei der nĂ€chste Schritt zum Mars. Ich persönlich glaube nicht, dass man dort etwas fĂŒr den Mars lernen kann. Der Staub auf dem Mond ist deutlich gefĂ€hrlicher als auf dem Mars. Auch die Landung ist ganz anders, denn auf dem Mars lassen sich Fallschirme benutzen, auf dem Mond nicht. Zudem ist die Schwerkraft auf dem Mond deutlich kleiner als auf dem Mars, daher ist eine Landung auf dem Mond fast ein Rendezvous.

Das Wetter auf dem Mars ist sehr wichtig. Die AtmosphĂ€re es dĂŒnn, aber es gibt Wetter. Das gibt es auf dem Mond natĂŒrlich gar nicht. Auf dem Mond ist es entweder heiß oder kalt, je nachdem, ob ein Ort im Sonnenlicht liegt oder nicht. Der Mars liegt irgendwo zwischen dem Mond und der Erde.

Wird Wassereis daher eher auf dem Mond abgebaut werden?

Ja. Allerdings wird es auf dem Mond sehr viel schwerer. GrĂ¶ĂŸere Mengen Wasser werden an sehr isolierten Orten gefunden und abgebaut werden können. In diesen permanent beschatteten Kratern gelangt keine Sonne. Es gibt dort also keine Solarenergie, das macht es schwierig. Wie gesagt, etwas mit Robotern auszugraben und zu extrahieren ist aufwendig – aufwendiger als es einfach einzuatmen.

Was ist der nÀchste Schritt?

Das wissen wir nicht. Das ist noch nicht definiert. Der nÀchste Schritt im Programm wÀre eine Art internationaler Kollaboration, um Proben vom Mars zur Erde zu transportieren [4], die der Perseverance-Rover eingesammelt hat.

Aber das ist ein Wissenschaftsexperiment.

Ja, aber was anderes steht nicht im Programm. Erst vor zwei Jahren hat das Raumfahrtprogramm eine Wende zum Mond vollzogen. Vorher war er kein Thema. Die NASA sollte laut der Regierung Trump schon 2024 landen. Das wird zwar nicht passieren [5], auch wenn es schon die ersten VertrĂ€ge fĂŒr die Module und Fahrzeuge gibt. Aber das verbraucht alle Ressourcen. Der Mars ist im Moment vergessen.

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(mho [7])


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https://www.heise.de/-5056149

Links in diesem Artikel:
[1] https://mars.nasa.gov/mars2020/spacecraft/instruments/moxie/
[2] https://www.heise.de/news/NASA-Rover-Perseverance-Schwierigkeiten-nach-Start-Sonde-im-Sicherheitsmodus-4859900.html
[3] https://www.heise.de/news/Bereit-zur-Marslandung-NASA-Rover-Perseverance-vor-der-Ankunft-5044781.html
[4] https://www.heise.de/news/Unabhaengige-Pruefung-NASA-und-ESA-koennen-Bodenproben-vom-Mars-zur-Erde-bringen-4954164.html
[5] https://www.heise.de/news/Trump-muss-Traum-von-US-Mondlandung-2024-begraben-4957516.html
[6] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[7] mailto:mho@heise.de