Nichtmehrimbetriebssystem: Was wurde aus Windows Automotive?
"Powered by Microsoft" stand auf Fords Sync-System. Man konnte sich das jedoch nach kurzer Benutzung schon denken ...
(Bild: Ford)
Wenige Autofahrer wissen es: Microsoft verkaufte eine Zeitlang eine Automotive-Version von Windows fĂŒr den Einsatz in Infotainment-Systemen. Eine Ausgrabung
"Was wurde eigentlich aus Windows Automotive?" Diese Frage stellte sich im Rahmen der Recherche zu Infotainment-Betriebssystemen in Autos. Sie erwies sich als erstaunlich schwierig zu beantworten fĂŒr jemanden, der damals das Kommen und Gehen dieses Betriebssystems nicht live mitbekommen hat. Die Fossilienfunde deuten auf einen Clusterfuck erster GĂŒte und oberster GröĂenordnung hin.
Was Microsoft mit einem Betriebssystem fĂŒr die KFZ-Mittelkonsole vorhatte, war wohl schon damals selbst in Redmond niemandem wirklich klar. Es begann mit dem Projekt "Auto PC" [1]. Der Auto PC sollte in einer Linie mit dem "Handheld PC" und dem "Palm PC" stehen, frĂŒhe Vorfahren heutiger Smartphones mit hakeliger Stiftbedienung und regelmĂ€Ăigen AbstĂŒrzen alle 30 CPU-Minuten. Auf all diesen GerĂ€ten lief Windows CE, ein Embedded-Betriebssystem, bei dem nicht einmal definiert war, was "CE" nun konkret heiĂen soll. Man kann sich einfach selber etwas Passendes vorstellen. "Windows Clusterfuck Ebola" oder so.
Ohne StabilitÀt, ohne Ersatzrad
Als Embedded-BS war Windows CE nie besonders beliebt. FĂŒr Hardcore-Anwendungen in der Industrie fehlte eine vernĂŒnftige Echtzeit-FĂ€higkeit; fĂŒr die Verwendung in Fahrkartenautomaten (oder einem "Pocket PC") fehlte StabilitĂ€t und Benutzerfreundlichkeit. Mit ein Grund, warum Pocket PCs sofort nach Erscheinen des ersten iPhones 2007 ins kollektive Vergessen fielen, war der Umstand, dass iOS fast alle Rechenzeit ins User Interface investierte und obendrein vergleichsweise stabil lief. Ein Infotainment-System braucht kein Echtzeit-Betriebssystem, Nutzerfreundlichkeit ist optional, doch StabilitĂ€t braucht es unbedingt. Microsofts Automotive-Zweig startete also schon mit undichten Reifenventilen ohne Ersatzrad. Was ihm an StabilitĂ€t und Einsatzeignung fehlte, glich er mit NamensquantitĂ€t aus.
Von "Microsoft Auto PC" ĂŒber "Windows CE for Automotive", "Windows Automotive", "Microsoft Auto" bis zu "Windows Embedded Automotive" vergingen gut zehn Jahre. Mir fĂ€llt ad hoc kein Betriebssystem ein, das öfter neue Kaiserkleider erhielt. Mit "Windows Embedded 8 Automotive" schubste Microsoft noch die Versionsnummer an eine andere Position, bevor dieses letzte AufbĂ€umen eingestellt wurde, bevor es ĂŒberhaupt ausgeliefert wurde â vielleicht zum GlĂŒck. Gehen wir davon aus, dass Microsoft und die Autohersteller das Produkt inkrementell verbesserten. Doch die Zyklenzeiten der Automobilindustrie sind so lang, dass Probleme sehr lange herumfahren. Vor allem die InstabilitĂ€t war dem System nicht vollends auszutreiben, sodass sie Kunden auf die Nerven fiel. Dazu kam eine vergleichsweise schlechte Performance und eine zu eingeschrĂ€nkte Hardware-Auswahl.
Schande! Schande!
Heute möchte Microsoft nicht ĂŒber "Windows Automotive" sprechen, unter welchem Namen ich hier einmal alle seine Namensvarianten zusammenfassen möchte, um Verwirrung zu minimieren. Die Presseabteilung verweist auf den neuen, glitzernden Automotive-Bereich, der zur hauseigenen Cloud-Lösung Azure gehört: Seht! Selbst die Volkswagen AG benutzt unsere Produkte in ihrer Auto-Cloud! Dass Volkswagen mit Windows Automotive experimentierte und am Ende das tat, was Ford sich spĂ€ter wĂŒnschte, es getan zu haben (nĂ€mlich schreiend wegrennen), das erzĂ€hlt Microsoft nicht. Microsoft sagte selbst nach mehrmaligem Nachbohren, Betteln, Insistieren einfach gar nichts mehr dazu. Microsofts Infotainment-Betriebssystem und die zugehörige Software-Plattform gibt es nicht mehr â GrĂŒnde unbekannt, aber vermutbar.
Im Darkroom, bekleidet nur mit dem Mantel des Schweigens
Das Schweigen betrifft jedoch nicht nur Microsoft. Die Partner aus der Automobilindustrie möchten auch nichts dazu sagen. Ich fĂŒhlte mich bei der Recherche, als wolle ich erfahren, was denn am letzten Samstag im Darkroom gelaufen ist. Betretenes auf-die-FĂŒĂe-Schauen. Schweigen. Es muss schlimm gewesen sein, alkoholschwanger, dĂŒster, verzweifelt und nĂŒchtern im RĂŒckspiegel betrachtet eine Schande, die alle Beteiligten fĂŒr immer vergessen wollen. Dabei war Windows Automotive durchaus massenhaft auf öffentlichen StraĂen unterwegs.
Partnerschaften
Das bekannteste Beispiel dĂŒrfte Fords Infotainmentsystem "Sync" gewesen sein. Ford hatte sich nach der Jahrtausendwende vorgenommen, bei den UmwĂ€lzthemen Vernetzung und Telematik ganz weit vorne zu spielen. Dazu holten sie sich den IT-Riesen Microsoft ins Bett. Es klebte sogar Microsofts Logo im Innenraum, Teil des Deals. Die aus dieser in vollstem Optimismus eingegangenen Ehe entsprungenen Sync-Kinder kennen wir heute als missratene Waldschrate â abschreckende Beispiele dafĂŒr, wie eine Mittelkonsole nicht aussehen sollte. Irgendwann zog Ford die ReiĂleine, verstieĂ das Windows-Sync-System und prĂ€sentierte 2016 Sync 3 auf Basis des MarktfĂŒhrers in Sachen Mittelkonsole QNX (dazu in einem spĂ€teren Artikel mehr).
BMW verwendete 2002 Windows Automotive sogar im Siebener, ihrem Oberklassemodell. Toyotas "Entune" war dabei. Hyundai-Kia verkĂŒndete 2008 stolz eine "langfristige Partnerschaft" mit Microsoft, fĂŒr Infotainment-Systeme mit Sprachbedienung, "High Performance" und flexiblen Upgrade-FĂ€higkeiten. Eine Rolle spielte auch der "niedrige Preis". Die langfristige Partnerschaft endete nach nicht allzu langer Zeit ganz still.
I'm blue, dabadeedabadii...
Am lĂ€ngsten hielt die Fiat-Chrysler Gruppe Windows Automotive die Treue. Bis 2017 verkaufte der Konzern Fahrzeuge mit Windows. Fiats erstes System "Blue & Me" lief auf schmaler Hardware von Magneti Marelli unter dem Fahrersitz und wurde bis 2014 verbaut, als es vom deutlich Feature-reicheren "UConnect" abgelöst wurde. Blue & Me arbeitete relativ unauffĂ€llig, was daran lag, das Fiat und Marelli es bewusst einfach gestaltet hatten: Bluetooth-Freisprecheinrichtung, Musik ĂŒber USB, Text-to-Speech-Modul fĂŒr SMS, iPod-Anbindung, fertig. Viel mehr schaffte der schmalbrĂŒstige Prozessor unter hohem CE-Overhead sowieso nicht. SpĂ€ter folgte "Eco:Drive", das Fahrern helfen sollte, ihre Fahrökonomie zu verbessern. Da Ecodrive die Fahrdaten auf einen USB-Stick schrieb, den Nutzer dann am PC auswerten sollten, hat das Feature wahrscheinlich nie jemand ernsthaft genutzt.
Fiat Blue & Me (4 Bilder) [2]

(Bild: Clemens Gleich)
Es gab sogar eine Update-Möglichkeit: USB-Stick mit neuem Firmware-Image einstecken. Fiat stellte dafĂŒr ein paar Betriebssystem-Updates zur VerfĂŒgung und lieĂ Kunden in einigen Modellen das spĂ€ter entwickelte Text to Speech nachrĂŒsten. Selbst in dieser einfachen Konfiguration glĂ€nzte Windwos Automotive nicht gerade: Die SprachqualitĂ€t war bĂŒchsig, das System wechselte gern zufĂ€llig zwischen Radio und USB-Musik, es konnte im Stand die Batterie leersaugen, und das BS crashte hĂ€ufig, um automatisch neu zu booten. Der Nachfolger "UConnect" lief teilweise noch auf Windows (auf den Continental-SteuergerĂ€ten), teilweise schon auf QNX (auf den Harman-SteuergerĂ€ten). Das machte es einfacher, Windows heimlich auszuschleichen, als Microsoft (genauso heimlich) den GeschĂ€ftszweig aufgab. Wie wir spĂ€ter am QNX-Uconnect sahen [4], lag die Software-QualitĂ€t zum Teil an Microsoft, zum Teil an Fiat-Chrysler. Microsoft und FCA, der Doppel-Whopper fragwĂŒrdiger Technik. Vielleicht hielt die Partnerschaft deshalb bis zum Ende.
"Es war nicht alles schlecht damals."
Doch Fiat und Ford waren nicht etwa unbedarft mit ihrer Wahl. Fiats Blue & Me war nicht nur gĂŒnstig, sondern auch frĂŒh dran in Sachen Sprachbedienung, Freisprechanlage und USB-Musik. Ăhnlich sah es bei der Ford Motor Company aus: Man wollte vorn dabei sein, und Microsoft versprach viele Dinge, die zu diesem Plan passten, von der Sprachbedienung bis zur Update-FĂ€higkeit. Es haperte nur an der Umsetzung. Windows Automotive krankte also am selben Problem, an dem auch der Pocket PC krankte: Im PRINZIP waren alle wichtigen Funktionen da. Doch der Benutzer musste ĂŒber zu viele Stöcklein springen, um sie eine zu kurze Zeit bis zum nĂ€chsten Absturz benutzen zu können. Die groĂen Fortschritte beim User Interface sowohl bei Smartphones als auch bei Auto-Infotainment waren nötig, damit Kunden die Systeme kauften.
Microsoft war wie so oft mit einem zu frĂŒhen Entwicklungsstand am Markt. Die daraus resultierenden grundsĂ€tzlichen Probleme löste der Konzern nie. Stattdessen investierte man in Features, bis der Automotive-Embedded-Zweig in der Sackgasse steckte. Heute konzentriert sich Microsoft im Fahrzeug-Bereich auf die Cloud-Lösungen und fĂ€hrt damit gut. Ich hĂ€tte es dennoch persönlich interessant gefunden, wie ein Herr Nadella Windows Automotive angegangen wĂ€re. Dem Rest von Microsoft hat er immerhin sehr gut getan.
Beispielhaft
Windows Automotive ist ein skurriles StĂŒck Auto-IT-Geschichte. Es war sicherlich nicht das einzige fragwĂŒrdige Infotainment-Betriebssystem. Zum so etwas gehören ja auch immer mindestens zwei: ein Autohersteller, ein Software-Hersteller. Windows Automotive steht jedoch mit all seinen Problemen fĂŒr eine ganze Generation von Entwicklungen, die vielleicht einfach nötig waren: ln den Nullerjahren stieg die Nachfrage nach selbstverstĂ€ndlicher Einbindung von Consumer-GerĂ€ten wie Bluetooth-Telefonen oder dem iPod in Autos steil an. Mit der Nachfrage stieg die KomplexitĂ€t. Mit der KomplexitĂ€t stieg die Problemfrequenz.
Die Autoindustrie wuchs an den Anforderungen, denn wenn man sich vom aktuellen Anspruch aus alte Infotainment-GerĂ€te genauer anschaut, fĂ€llt jedes Mal ziemliches Gebastel auf. Viele verschiedene SteuergerĂ€te, viele verschiedene Betriebssysteme, viel fehlgeschlagene Systemintegration, doch auch viele AnsĂ€tze, die sich spĂ€ter als Industriestandards durchsetzten. Der Markt steht heute stark gewandelt da. Wir beleuchten in einem folgenden Artikel den heutigen Status Quo anhand der Produkte des Mittelkonsolen-MarktfĂŒhrers Blackberry QNX. SpĂ€ter folgen Googles neues Android Automotive OS, Automotive Grade Linux und Details zu Volkswagens Software-Plattform "VW.OS", weil Volkswagen sie ja unbedingt verzerrend als "Betriebssystem" vermarkten will.
(cgl [5])
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[1] https://news.microsoft.com/1998/01/08/microsoft-announces-auto-pc-pc-companion-powered-by-windows-ce-2-0/
[2] https://www.heise.de/bilderstrecke/2938116.html?back=4846547
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/2938116.html?back=4846547
[4] https://www.heise.de/news/Hacker-steuern-Jeep-Cherokee-fern-2756331.html
[5] mailto:cgl@ct.de
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