Zahlen, bitte! Boltzmanns Konstante â von der Thermodynamik zum Einheitensystem
Ludwig Boltzmann definierte die Thermodynamik neu und öffnete die TĂŒr zur Quantenmechanik. Nun hĂ€lt seine Konstante k Einzug ins Internationale Einheitensystem.
Wenn sich Mitte November das "Buro International des Poids et Mesures (BIPM)" zur Generalkonferenz (CGPM) in Versailles bei Paris trifft, erwartet man zahlreiche wichtige Entscheidungen in der Metrologie. Die spektakulĂ€rste dĂŒrfte wohl der Abschied vom Kilogramm-Prototypen sein, denn das Kilogramm wird aller Voraussicht nach mit Stichtag 20. Mai 2019 auf einer Naturkonstanten, dem Planckâschen Wirkungsquantum fuĂen.
Doch auch drei weitere Grundeinheiten stehen zur Neudefinition an, darunter das Kelvin als MaĂ fĂŒr die thermodynamische Temperatur. Das war bislang ĂŒber den sogenannten Triple-Punkt des Wassers [2] definiert. Solche wohldefinierten Dreiphasenpunkte haben fast alle Stoffe, die fest flĂŒssig und gasförmig sein können. Bei bestimmtem Druck und bestimmter Temperatur gibt es diesen Punkt im Phasendiagramm, bei dem alle drei Phasen gleichzeitig vorkommen und im Gleichgewicht stehen. Bei Wasser liegt der Punkt bei etwa 611,657 ± 0,010 Pa und bei exakt 273,16 K (0,01 °C) â exakt deshalb, weil ja das Kelvin bislang darĂŒber definiert ist.
Nur hat das ganze einen kleinen Schönheitsfehler, denn Wasser ist nicht gleich Wasser. Klar, da gibt es stilles Wasser oder levitiertes Wasser â aber das ist hier eher weniger gemeint â sondern Wasser aus verschiedenen Wasserstoff- und Sauerstoff-Isotopen: Schweres Wasser mit Deuterium: D2O oder (weit hĂ€ufiger) halbschweres Wasser HDO, ĂŒberschweres Wasser mit Tritium: T2O und auch Wasser mit Sauerstoff-18. Die Isotopen-Zusammensetzung variiert dabei sehr je nach geographischer Lage, Höhe und Art (Regen-, Ozean-, Schmelz-, Flusswasser ... All die WĂ€sser haben unterschiedliche Phasen, schweres Wasser zum Beispiel schmilzt erst bei 3,8 °).
Wiener Ozeanwasser
Damit aber alle vom gleichen Wasser reden, legte man fĂŒr die Kelvin-Definition seit 2005 das Vienna Standard Mean Ocean Water (VSMOW) zugrunde, mit einem genau spezifizierten StoffmengenverhĂ€ltnis. FĂŒr eine SI-Basiseinheit ist so etwas allerdings unbefriedigend, weil recht artifiziell und zu materialabhĂ€ngig. Zudem ist das VSMOW nur recht aufwendig von Isotopenlaboren herzustellen (15 ml fĂŒr 580 US-Dollar) und fĂŒr eine Kalibrierung ist das ganze Procedere viel zu unhandlich, vor allem fĂŒr Temperaturbereiche < 1 K und gröĂer 1300 K. Hier hat man dann lieber Tabellenwerke mit zahlreichen Vergleichspunkten geschaffen.
So suchen die Metrologen schon seit langem unter dem Schlagwort Ink (Implementing the new Kelvin [3]) nach etwas Besserem, vorne mit dabei die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig, die auch das Arbeitspanel leitet, das sich mit primĂ€rer Thermometrie fĂŒr niedrige Temperaturen befasst. Schon frĂŒh hatte man die Boltzmann-Konstante als Grundlage ins Auge gefasst, denn diese liegt der allgemeinen Gasgleichung fĂŒr ideale Gase zugrunde, wonach das Produkt aus Druck und Volumen proportional zur Temperatur ist.
(Bild:Â Andreas Stiller)
Allerdings war ihr Wert bis vor einigen Jahren noch zu ungenau bestimmt und fuĂte hauptsĂ€chlich auf nur einem Messverfahren (Schallmessung mit einem akustischen Gasthermometer, AGT). Damit konnte man zwar schon in den geforderten Genauigkeitsbereich von 1 ppm vordringen, die Metrologen verlangen jedoch fĂŒr eine ordentliche Basiskonstante mindestens zwei (möglichst mehr) prinzipiell unabhĂ€ngige Messverfahren.
Die PTB hat dann im Jahre 2017 die gewĂŒnschte unabhĂ€ngige PrĂ€zisionsmessung der Boltzmann-Konstanten mit Hilfe eines DielektrizitĂ€tskonstanten-Gasthermometers (DCGT) [4] erzielt. Hinzu kam ein weiteres prĂ€zises Messverfahren von NIM/NIST mit einem Johnson Noise Thermometer (JNT). All diese Werte sind in den CODATA-Werten von 2017 (Committee on Data for Science and Technology) eingeflossen â da steht einer Verabschiedung des neuen Kelvins nun eigentlich nichts mehr im Wege. Die Boltzmann-Konstante hat die MaĂeinheit J/K, also wird das Kelvin hinfort abhĂ€ngig und zwar von den Grundeinheiten kg, m und s.
Wiener Physiker
Dem österreichischen Physiker Ludwig Boltzmann (1844 -1906) kommt das groĂe Verdienst zu, Mechanik und Thermodynamik auf statistische Fundamente gestellt und damit unter anderem auch den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik begrĂŒndet zu haben: "Analytischer Beweis des 2. Hauptsatzes der mechanischen WĂ€rmetheorie aus den SĂ€tzen ĂŒber das Gleichgewicht" [5] â so lautete der Titel seines Vortrages an der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 13. April 1871. Seine statistische Gaskinetik hat er vor dieser Akademie in mehreren VortrĂ€gen im Jahre 1877 erlĂ€utert.
(Bild: UniversitÀt Wien / Wikimedia [6] )
Sein statistischer Ansatz setzte zwingend die Existenz von Atomen und MolekĂŒlen voraus, etwas, das in seiner Zeit allerdings noch heftig umstritten war â die Energetiker wie Ernst Mach und Wilhelm Ostwald zogen heftig gegen diese "Atomisten" zu Felde, auch Max Planck war lange kritisch, bis zu seinem geschichtstrĂ€chtigem Vortrag "Theorie des Gesetzes der Energieverteilung im Normalspektrumâ [7] vor der physikalischen Gesellschaft in Berlin am 14. Dezember 1900, dem sogenannten "Geburtstag der Quantenphysik".
Ausgerechnet Max Planck, der der Boltzmann-Konstanten spĂ€ter ĂŒberhaupt erst ihren Namen gegeben und der wohl als erster die berĂŒhmte Boltzmann-Gleichung in ihrer heutigen Form â so wie sie auch auf Boltzmanns Grabstein steht â aufgeschrieben hat. Das ist die Gleichung, die die makroskopische Entropie (S) proportional zum Logarithmus der Anzahl der mikroskopischen Konfigurationsmöglichkeiten fĂŒr einen bestimmten Zustand (W) verknĂŒpft:
S = k * ln(W)
In einem "Akt der Verzweiflung" griff Planck direkt auf Boltzmanns Gaskinetik aus dem Jahre 1877 zurĂŒck â und so floĂ auch die Boltzmann-Konstante in die Planckâsche Strahlenformel ein. Daraus konnte Planck im Umkehrschluss die Boltzmann-Konstante mit etwa 1 Prozent Genauigkeit zu 1,346. 10-16 erg/grad bestimmen (ebenso das nach ihm benannte Wirkungsquantum zu 6,55*10-27 erg*sec).
Ironie des Schicksals: Der heftig unter Depressionen und einer nachlassenden SehfĂ€higkeit leidende Boltzmann nahm 1888 die Berufung als Nachfolger von Gustav Kirchhoff (âKirchhoffsche Regelnâ) als Professor fĂŒr theoretische Physik an die Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t in Berlin erst an, sagte sie mit Verweis auf seine Sehprobleme wenig spĂ€ter aber wieder ab, um drei Tage darauf per Telegramm die Absage wieder rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Doch da war es zu spĂ€t, inzwischen war Max Planck berufen worden.
Boltzmann hatte in seinem Leben diverse Professuren in Wien und in Graz, auch in MĂŒnchen und Leipzig. Zahlreiche Gesetze und Konstanten sind nach ihm benannt, etwa die Maxwell-Boltzmann-Verteilung, das Stephan-Boltzmann-Gesetz, die Stephan-Boltzmann- und die Boltzmann-Drude-Konstante und so weiter und so fort.
Ob denn die Depression, der Konflikt mit den Atomleugnern, seine schwere Kurzsichtigkeit oder die anderen zahlreichen Erkrankungen ihn 1906 dazu getrieben haben, sich im Alter von 62 zu erhĂ€ngen â darĂŒber kann man nur spekulieren.
Wiener AtomzÀhler
AbhĂ€ngigkeiten zwischen Druck und Volumen von idealen Gasen bei gleicher Temperatur waren schon von Robert Boyle und Edme Mariott im 17. Jahrhundert in ein Gesetz gegossen worden, spĂ€ter kamen dann die Gesetze von Gay-Lussac, Amontons und Avogadro hinzu. In der heutigen Form hat es Ămile Clapeyron im Jahre 1834 ausgedrĂŒckt:
p * V = n * R * T
mit p=Druck, V=Volumen, n=Stoffmenge, R=universelle Gaskonstante, T=Temperatur
Mit der statistischen Boltzmann-Konstanten Kb und der Avogadro-Zahl NA ( Anzahl der MolekĂŒle pro Mol) kann man den empirischen Wert der universellen Gaskonstanten n * R auf NA * Kb zurĂŒckfĂŒhren. Die Avogadro-Konstante (Zahl der MolekĂŒle pro Mol) gab es damals 1877 aber noch nicht, aber Boltzmanns Lehrer und Freund, der Professor fĂŒr Physikalische Chemie an der UniversitĂ€t Wien, Josef Loschmidt, hat eine AbschĂ€tzung fĂŒr die Zahl der LuftmolekĂŒle bei Normalbedingungen pro Kubikzentimeter abgegeben (spĂ€ter Loschmidtsche Zahl genannt).
Allerdings lag dieser etwa um Faktor 3 daneben âso dĂŒrfte dann auch die Boltzmann-Konstante damals noch ziemlich ungenau gewesen sein. Boltzmann selber hat ohnehin nie einen expliziten Wert angegeben, ihm reichte das Prinzip der Statistik und des Gleichgewichts. (mfi [8])
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- http://projects.npl.co.uk/ink/
- https://www.ptb.de/cms/forschung-entwicklung/forschung-zum-neuen-si/ptb-experimente/kelvin-boltzmann-projekt/fachnachrichten-zur-temperatur.html
- http://www.zobodat.at/pdf/SBAWW_63_2_0712-0732.pdf
- https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Boltzmann-Ludwig.jpg
- https://grundpraktikum.physik.uni-saarland.de/GP_Alt/scripts/Planck_1.pdf
- mailto:mfi@heise.de
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