Expo-Besucher, wo bleibt ihr?
Expo-Besucher, wo bleibt ihr?
Wir Hannoveraner sind ein wenig enttĂ€uscht. Jahrelang haben wir Stauvermeidungsstrategien geĂŒbt, Schleich- und Umwege ausbaldowert, ubiquitĂ€re Baustellen erduldet. Tausende von Pendlern haben Absprachen mit Arbeitgebern und LebensgefĂ€hrten getroffen: Sie nehmen es auf sich, tief verinnerlichte ZeitablĂ€ufe des Alltags fĂŒr fĂŒnf Monate aufzugeben.
Das tut der Hannoveraner nicht nur aus Selbstlosigkeit, sondern weil ihm ein Verkehrsaufkommen avisiert wurde, das das bei einer typischen CeBIT um das Zwei- bis Dreifache ĂŒbersteigt. Folglich will er auch nicht lĂ€nger als nötig im Stau stehen, aber gleichzeitig sorgt er so dafĂŒr, dass die Staus vielleicht gar nicht erst entstehen.
Nun, bisher sind diese in der Tat erfolgreich vermieden worden, aber vor allem deshalb, weil der groĂe Besucheransturm ausblieb. Und mittlerweile hat man auch herausgefunden, warum so wenige zur Expo kommen: Das Marketing ist schlecht.
Dann lag es also wohl doch am Totschweigen, dass nur ein paar hundert Besucher zu BAP in die BeatBox gefunden haben, obwohl das Konzert im Eintrittspreis drin war. Bisher dachten nĂ€mlich alle, dass Big-Sabrina den Markt fĂŒr rheinlĂ€ndische Folklore auf Jahre ruiniert hĂ€tte.
Wenns lediglich um besseres Marketing geht, da können wir helfen. Dazu muss die Expo-Gesellschaft nur das Killer-Argument, das auch den letzten Zauderer aufs Expo-GelĂ€nde treiben dĂŒrfte, hinreichend offensiv an die Ăffentlichkeit tragen. Rechnen Sie mit:
Den offiziellen Zahlen der Expo-Gesellschaft zufolge mĂŒssen 263 000 zahlende GĂ€ste pro Tag zur Expo gehen, damit nur die 400 Millionen Mark "voraussichtlicher betriebswirtschaftlicher Verlust", die bereits durch Steuergelder abgesichert sind, auflaufen. Damit allein wird jeder der 27 Millionen deutschen Steuerzahler schon mit 14,81 Mark zur Kasse gebeten.
Deutlich teuer wird es aber, wenn sich der Durchschnitt bei rund 100 000 Besuchern einpendelt. An jedem Besucher gedenkt die Expo-Gesellschaft nĂ€mlich rund 45 Mark zu verdienen, und wenn dann 163 000 nicht kommen, fehlen nicht 400 Millionen, sondern 1,5 Milliarden Mark - erste öffentlich-rechtliche SchĂ€tzer haben gar schon auf 2 Milliarden erhöht. Doch egal, ob nun 55 Mark pro Steuerzahler fĂŒr die zaghafte oder 74 Mark fĂŒr die pessimistische SchĂ€tzung herauskommen, eingedenk eines Eintrittspreises von 69 Mark lautet das ResĂŒmee ganz simpel:
Wer wegbleibt, bezahlt trotzdem - der Fiskus wirds schon richten.
Ja, wir sind ein bisschen enttĂ€uscht, doch wenn uns das Chaos, das 300 000 Besucher tĂ€glich hervorrufen wĂŒrden, erspart bliebe, wĂ€ren wir nicht wirklich unglĂŒcklich. Warum auch? Die generalsanierten StraĂen und Autobahnen in und rund um Hannover, das zugehörige Verkehrsleitsystem MOVE, viele Neubauten und Neuanschaffungen im öffentlichen Nahverkehr, der renovierte Hauptbahnhof, das dritte Flughafenterminal, die neuen Messehallen - das alles nimmt uns keiner mehr weg. Ob Sie das nun bar oder per Kreditkarte bezahlen, kann uns eigentlich egal sein.
(gr [2])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-287722
Links in diesem Artikel:
[1] mailto:gr@ct.heise.de
[2] mailto:gr@ct.de
Copyright © 2000 Heise Medien