zurück zum Artikel

Anonymous vs. Scientology: weniger Demonstranten, mehr Stimmung

Gerald Himmelein

International zÀhlten die vierten internationalen Proteste der Internet-Bewegung "Anonymous" gegen die Scientology-Organisation weniger Teilnehmer. In Deutschland nahm die Anzahl der Demonstranten hingegen zu.

Anonymous vs. Scientology in Berlin (0 Bilder) [1]

[2]

Am 10. Mai fanden die vierten weltweiten Anonymous-Demonstrationen gegen Scientology statt. Die Internet-Bewegung Anonymous findet sich seit Februar im Monatsrhythmus vor den Zentralen der Organisation zusammen, um gegen die Methoden von Scientology zu protestieren.

Anonymous wandte sich Mitte MÀrz spontan gegen Scientology, als AnwÀlte versuchten, ein Video mit Tom Cruise aus dem Verkehr zu ziehen. In dem umstrittenen Clip [3] schwÀrmte der Schauspieler unter anderem, ein Scientologe sei bei einem Unfall als einziger wirklich zur Hilfe qualifiziert.

Der anfĂ€ngliche Unmut ĂŒber das verschwundene Video schlug schnell in Empörung ĂŒber die allgemeinen Strategien von Scientology um. Am darauffolgenden Wochenende legte Anonymous die Webserver der Organisation [4] lahm. Kurz darauf besannen sich die anonymen Aktivisten um und beschlossen, weltweit gegen Scientology auf die Straße zu gehen. Der Umschwung wird dem Fernsehjournalisten Mark Bunker zugeschrieben, der seit Jahren kritisch ĂŒber die Organisation berichtet.

Anonymous beschloss, am selben Tag zeitversetzt um jeweils 11 Uhr Ortszeit weltweit vor den Scientology-Zentralen Position zu beziehen – vorzugsweise maskiert. Die Idee fand großen Anklang. Zur ersten Protestwelle am 10. Februar trafen sich ĂŒber 7000 Demonstranten. Der zweite Protest am 15. MĂ€rz [5] war mit ĂŒber 8500 Teilnehmern von den Zahlen her bisher die erfolgreichste Aktion.

Die Demonstrationen verliefen bis auf kleine ZwischenfÀlle friedlich. Zur Koordinationen der Aktionen und Themen nutzen die Teilnehmer Chat-RÀume, Internet-Foren [6] und Wikis [7]. Realnamen sind dabei verpönt; die meisten Demonstranten kennen einander bestenfalls unter ihren Online-Pseudonymen.

Bei den letzten beiden Proteste nahmen die Zahlen deutlich ab: am 12. April [8] zÀhlten die Anonymen nur noch knapp 6000 Teilnehmer. In diesem Monat zeigte sich eine klare Verschiebung: kleinere Demonstrationen wuchsen an, mittlere blieben stabil. Die Veranstaltungen in internationalen Metropolen wie Los Angeles, London und Sydney schrumpften hingegen.

Die internationalen Demonstrationen haben die UnterstĂŒtzung von Scientology-Kritikern und Ex-Scientologen. In San Francisco wurde der Schauspieler Jason Beghe [9] gesichtet, der bis zu seinem Ausstieg vor einigen Monaten zur Scientology-Prominenz gehörte. Mark Bunker [10] und die Ex-Scientologin Tory Christman [11] nahmen in Los Angeles an den Protesten teil.

Mark Bunker verlor vor einigen Wochen [12] seinen YouTube-Account aufgrund einer Copyright-Beschwerde von Viacom. Die Situation auf YouTube ist weiterhin unverÀndert; derweil veröffentlicht Bunker seine Videos auf der Plattform Vimeo [13].

In Deutschland fanden Demonstrationen in Berlin, DĂŒsseldorf, Frankfurt, Hamburg, MĂŒnchen und Stuttgart statt. In Berlin, Frankfurt und Hamburg nahmen deutlich mehr Demonstranten teil als zuvor. In Berlin protestierten diesmal etwa 80 Demonstranten in der Otto-Suhr-Allee gegenĂŒber der "Scientology Kirche". Auch diesmal war die Demo wieder eine Mischung aus Kundgebung und Party.

Abermals hatte die Polizei den Berliner Demonstranten das Tragen von Verkleidungen und Masken gestattet. Grundlage fĂŒr die Entscheidung war der Schutz der Demonstranten vor möglichen Übergriffen. Scientology-Mitarbeiter filmen und fotografieren die Demonstranten routinemĂ€ĂŸig. Im MĂ€rz outete Scientology nachweislich einige Demonstranten auf YouTube, mutmaßlich zur EinschĂŒchterung. Im April und Mai versandten Anwaltskanzleien an die Organisatoren der Demonstrationen in den USA streng formulierte Warnbriefe.

Bei den vergangenen Berliner Demonstrationen hatte Scientology vor seiner Zentrale eine Gegenveranstaltung zur Feier der Menschenrechte angemeldet, bei der bis zu hundert Teilnehmer anwesend waren. Neben VortrÀgen und Tanzdarbietungen hatte Scientology auch zwei Rapper bestellt, deren Texte die Bedeutung der Menschenrechte thematisierten.

Dieses Mal standen ein knappes Dutzend Leute vor der Scientology-Zentrale, deren schlichte Schilder fĂŒr religiöse Toleranz und gegenseitigen Respekt warben. GegenĂŒber heise online erklĂ€rte Sabine Weber, PrĂ€sidentin der "Scientology Kirche [14]" Berlin, die Organisation veranstalte ihre Aktionen diesmal an einem anderen Ort der Stadt, an dem sich das Publikum eher fĂŒr Menschenrechte interessiere.

Einige der anonymen Demonstranten waren als Hasen, Schweine oder Helge Schneider verkleidet. Die meisten trugen Guy-Fawkes-Masken, wie sie durch den Film "V fĂŒr Vendetta" bekannt wurden. Schilder forderten vorbeifahrende Autofahrer dazu auf, ihre Meinung ĂŒber Scientology durch Hupsignale kundzutun. Die Anwohner ertrugen die LĂ€rmkulisse mit Fassung. Die nĂ€chsten Anonymous-Demonstrationen gegen Scientology sollen am 14. Juni stattfinden. (ghi [15])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-752663

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/bilderstrecke/279879.html?back=752663;back=752663
[2] https://www.heise.de/bilderstrecke/279879.html?back=752663;back=752663
[3] http://gawker.com/5002269/the-cruise-indoctrination-video-scientology-tried-to-suppress
[4] https://www.heise.de/news/DDoS-Angriffe-fuer-Redefreiheit-183012.html
[5] https://www.heise.de/news/Weltweite-Demonstrationen-gegen-Scientology-190784.html
[6] http://forums.enturbulation.org/
[7] http://partyvan.info/index.php/Project_Chanology/Portal
[8] https://www.heise.de/news/Internet-Bewegung-gegen-Scientology-geht-auf-die-Strasse-751517.html
[9] https://www.heise.de/news/Scientology-Kritiker-weiterhin-von-YouTube-ausgesperrt-202202.html
[10] http://xenutv.wordpress.com/
[11] http://www.torymagoo.org/
[12] https://www.heise.de/news/YouTube-als-Schlachtfeld-fuer-Anonymous-gegen-Scientology-201099.html
[13] http://www.vimeo.com/xenutv
[14] http://www.berlin.scientology.de/home.html?locale=de
[15] mailto:ghi@ct.de