Grundsatzprogramm: CDU will DSGVO-Vorgabe zur Datenminimierung in Rente schicken
(Bild: CDU, Tobias Koch)
"Datenschutz darf nicht zum TĂ€terschutz werden", schreibt die CDU in ihrem Grundsatzprogramm. Darin zeigt sie sich auch technikoptimistisch.
Die CDU will Datenschutz "neu denken". Das geht aus ihrem vierten Grundsatzprogramm hervor, den sie am Dienstag auf ihrem 36. Parteitag in Berlin einstimmig beschlossen. Anstelle des in der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO [1]) verankerten Grundsatzes der Datenminimierung sollen die Prinzipien "DatensouverĂ€nitĂ€t und Datensorgfalt" treten. Ganz so neu sind diese aber nicht. Derlei vage Begriffe sehen die Datenschutzbeauftragten von Bund und LĂ€ndern schon seit 2017 mit Skepsis: Sie befĂŒrchten, dass damit das informationelle Selbstbestimmungsrecht unterlaufen wĂŒrde [2]. Eigentlich hĂ€lt aber auch die CDU dieses fĂŒr eine "Grundvoraussetzung", um DatenschĂ€tze zum Wohle aller zu heben.
"Jeder muss selbst bestimmen können, wann, wo und wozu Daten von ihm erhoben und genutzt werden", heiĂt es im Programm "In Freiheit leben. Deutschland sicher in die Zukunft fĂŒhren [3]". "Datenerheber und Datenverarbeiter mĂŒssen Sorgfaltsstandards erfĂŒllen." Trotzdem will die CDU die DSGVO reformieren und die auf Bund und LĂ€nder verteilte hiesige Datenschutzaufsicht "bĂŒndeln".
Sicherheit vor Datenschutz
Unter dem Punkt "Sicherheit fĂŒr alle" wird der Ton schĂ€rfer. "Datenschutz darf nicht zum TĂ€terschutz werden", ist dort erneut [4] zu lesen. "Der Schutz der Menschen und die Sicherheitsinteressen unseres Staates mĂŒssen Vorrang vor Datenschutzinteressen des Einzelnen haben." Befugnisse der Sicherheitsbehörden in der analogen Welt sollten gleichwertig auch im digitalen Bereich zur VerfĂŒgung stehen. Diese mĂŒssten "maĂvoll und rechtsstaatlich kontrolliert eingesetzt werden".
"Niemand, der gegen unsere Gesetze verstöĂt, darf durch die AnonymitĂ€t des Netzes falschen Schutz erlangen [5]" fordert die CDU und wirbt erneut fĂŒr die Vorratsdatenspeicherung [6]. "Im Kampf gegen schwerste Straftaten wie sexuellen Kindesmissbrauch oder um TerroranschlĂ€ge zu verhindern, muss es möglich sein, Verbindungsdaten fĂŒr eine Mindestdauer zu speichern und nach richterlicher Anordnung auszulesen". "Intelligente Videosicherheitstechnik" an Gefahrenorten soll ausgebaut werden.
"Deutschland muss besser vor Cyber-Angriffen geschĂŒtzt werden", schreibt die CDU weiter. "Wir wollen unsere Sicherheitsbehörden bei der Cyber-Sicherheit mit den notwendigen Befugnissen, mit Fachpersonal und moderner Infrastruktur ausstatten." PrĂ€vention, Gefahrenabwehr und Strafverfolgung mĂŒssten im Cyber-Raum genauso effektiv möglich sein wie im analogen Leben.
Sorgen vor Deepfakes trotz Technologie-Optimismus
Einen Ruf nach Hackbacks [7] enthĂ€lt das Programm ebenfalls: "ZusĂ€tzlich zu den Gefahrenabwehrkompetenzen der LĂ€nder wollen wir die FĂ€higkeiten des Bundes stĂ€rken [8], mit den erforderlichen Ressourcen auch hochspezialisierte und gemeingefĂ€hrliche Cyber-Angriffe durch aktive GegenmaĂnahmen abzuwehren." Der Bund mĂŒsse die LĂ€nder bei der inneren Sicherheit unterstĂŒtzen können, denn Bedrohungen durch Extremismus, Terrorismus, Cyberattacken oder KatastrophenfĂ€lle nĂ€hmen keine RĂŒcksicht auf Grenzen.
"Wir bekĂ€mpfen Manipulationen im digitalen Raum", sagt die CDU zudem an. "Wir mĂŒssen uns besser schĂŒtzen vor Desinformationskampagnen von jeglichen, insbesondere auslĂ€ndischen staatlichen Akteuren und Terrororganisationen, die unsere Demokratie destabilisieren wollen. Von KĂŒnstlicher Intelligenz (KI) generierte Deepfakes seien gefĂ€hrliche Instrumente.
"Wir sind Technologie-Optimisten" erklĂ€ren die Christdemokraten mit Blick etwa auf Datenökonomie, Automatisierung, KI, Robotik und Genmedizin allgemein. Sie wollen daher auch "RĂ€ume fĂŒr Sprunginnovationen schaffen" und die Digitalisierung vorantreiben. Letztere sei ein SchlĂŒsselfaktor fĂŒr den Standort Deutschland. Mit neuen Technologien könnten nicht nur Arbeitsprozesse optimiert, sondern auch neue MĂ€rkte erschlossen und zukunftsfĂ€hige ArbeitsplĂ€tze geschaffen werden.
(anw [10])
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[3] https://www.grundsatzprogramm-cdu.de/sites/www.grundsatzprogramm-cdu.de/files/downloads/240507_cdu_gsp_2024_beschluss_parteitag_final_1.pdf
[4] https://www.heise.de/news/Nach-Halle-Attentat-CDU-fordert-umfangreiches-Ueberwachungspaket-fuers-Internet-4555401.html
[5] https://www.heise.de/news/Kindesmissbrauch-CDU-und-CSU-wollen-anonyme-Chats-untersagen-6260512.html
[6] https://www.heise.de/news/Vorratsdatenspeicherung-CDU-CSU-Minister-dafuer-Bundesrat-eher-dagegen-4913404.html
[7] https://www.heise.de/news/Cyberangriffe-Ex-BND-Chef-fordert-Hackbacks-und-Knacken-von-Kommunikation-9709880.html
[8] https://www.heise.de/news/Nationale-Sicherheitsstrategie-Keine-Hackbacks-aber-aktive-Cyberabwehr-9189367.html
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