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EU-Parlament: Pegasus-Untersuchungsausschuss will NSO-Chef vorladen

Stefan Krempl

(Bild: T. Schneider/Shutterstock.com)

EU-Abgeordnete wollen etwa mit Verboten ein klares Zeichen gegen das AusspÀhen von Oppositionellen, AnwÀlten und Journalisten mit Spyware wie Pegasus setzen.

Am Dienstag hat der Untersuchungsausschuss des EU-Parlaments zum Einsatz von Pegasus und Ă€hnlicher SpĂ€hsoftware in Europa seine Arbeit aufgenommen. "Wir mĂŒssen das Problem sehr ernst nehmen", betonte Philippe Lamberts (GrĂŒne), VizeprĂ€sident des Abgeordnetenhauses, vor der konstituierenden Sitzung. Eine ganze Reihe von Mitgliedsstaaten verstießen gegen die Rechtsstaatlichkeit und die Grundrechte. Er erwarte von ParlamentsprĂ€sidentin Roberta Metsola und der EU-Kommission, entschieden dagegen vorzugehen.

Die Volksvertreter riefen den Untersuchungsausschuss Anfang MĂ€rz [1] nach Berichten ins Leben, dass Ungarn und Polen das von der israelischen NSO Group entwickelte Spionageprogramm Pegasus missbrauchten [2], um im großen Stil Journalisten und OppositionskrĂ€fte ins Visier zu nehmen. Angesichts der jĂŒngsten EnthĂŒllungen aus Spanien [3] ĂŒber die Überwachung katalanischer Politiker hat der Ausschuss an Gewicht gewonnen.

"Was wir bisher vor allem aus autoritĂ€ren und diktatorischen Regimen kannten, sehen wir jetzt zunehmend in europĂ€ischen Demokratien", monierte die grĂŒne EU-Abgeordnete Hannah Neumann. Das AusspĂ€hen von Abgeordneten unterwandere nicht nur deren demokratische ImmunitĂ€t, sondern sei auch ein Tabubruch und ein unverhohlener Angriff auf das Parlament: "Wenn einer von uns im Visier ist, sind wir alle im Visier." Es gelte daher, diese "und die vielen anderen Attacken auf die Grundrechte lĂŒckenlos" aufzuklĂ€ren. Dabei erwarte man die "volle Kooperation" der EU-Staaten: "Wir fordern den sofortigen Stopp des Einsatzes der Spionagesoftware."

Mit der Untersuchung wollen die Volksvertreter Neumann zufolge "ein klares Zeichen setzen, dass das Einmischen in die politische Arbeit nicht akzeptabel ist". Sie planten, unter anderem den Chef der NSO Group, Shalev Hulio, vorzuladen. Die Berichterstatterin des Parlaments fĂŒr Menschenrechte geht davon aus, dass am Ende der Ruf nach einem Verbot des Einsatzes von Spionagesoftware [4] insbesondere gegen Politiker, AnwĂ€lte und Journalisten steht. Dass mindestens sechs EU-Abgeordnete betroffen seien, stelle einen "europĂ€ischen Skandal" dar. Es gelte, die IT-Sicherheit der Parlamentarier zu stĂ€rken. Parallel mĂŒsse der Ministerrat eine Aussprache fĂŒhren und das Vorgehen verurteilen.

"Wir brauchen einen Rechtsrahmen, um uns gegen massives Ausspionieren wehren zu können", verlangte die vom "Catalan Gate" betroffene EU-Abgeordnete Diana Riba i Gener. Die publik gewordene Spionage gegenĂŒber den demokratischen Systemen in Europa stelle nicht nur einen schweren Eingriff in die Meinungsfreiheit und politisches Engagement dar, sondern sei auch eine Straftat, die sich letztlich gegen alle 450 Millionen EuropĂ€er richte. Dies dĂŒrfe nicht ungestraft bleiben.

FĂŒr Riba i Gener bilden die aufgedeckten FĂ€lle nur die Spitze des Eisbergs. Das Mitglied der GrĂŒnen-Fraktion will als Angehörige des Ausschusses unermĂŒdlich daran arbeiten, dass die VorgĂ€nge aufgeklĂ€rt und die nötigen rechtlichen Schritte unternommen werden. Mitgliedsstaaten wie Spanien mĂŒssten offenlegen, ob sie Software wie Pegasus gekauft und gegen wen sie diese gegebenenfalls eingesetzt hĂ€tten.

Spanische Behörden stehen im Verdacht, die Mobiltelefone von ĂŒber 60 AnfĂŒhrern der katalanischen Separatistenbewegung gehackt zu haben. "Wir sind alle in einer massiven und illegalen Weise ĂŒber Software ausspioniert worden, die nur Staaten besitzen können", beklagte der frĂŒhere katalanische RegionalprĂ€sident [5] Carles Puigdemont auf Twitter. "Politiker, AnwĂ€lte und Aktivisten sind alle Opfer von Spaniens schmutzigem Krieg gegen eine legitime Idee." Seine Frau soll abgehört worden sein.

"Alle Abhöraktionen erfolgen auf richterliche Anordnung und unter voller Beachtung der LegalitĂ€t", erklĂ€rte das spanische Innenministerium dagegen. Auch Quellen des spanischen Geheimdienstes Centro Nacional de Inteligencia (CNI) erklĂ€rten gegenĂŒber dem Radiosender Cadena Ser, dass jegliche Bespitzelung im Einklang mit dem Gesetz durchgefĂŒhrt werde.

Andrzej Halicki von der konservativen Fraktion der EuropĂ€ischen Volkspartei (EVP) erinnerte daran, dass in Polen etwa ein Anwalt des Ex-PrĂ€sidenten des EU-Rats, Donald Tusk, eine StaatsanwĂ€ltin und ein wichtiger Oppositionspolitiker mit Pegasus ausspioniert worden seien. Bis jetzt habe es noch kein nationales Verfahren deswegen gegeben. Es sei daher ĂŒberfĂ€llig, dass der Ausschuss seine Arbeit aufnehme. Die FĂ€higkeit Europas, die Demokratie zu schĂŒtzen, stehe auf dem Spiel.

In Ungarn wolle die Regierung von Viktor OrbĂĄn nach ersten EingestĂ€ndnissen die dortige Pegasus-AffĂ€re totschweigen, gab Anna JĂșlia DonĂĄth von der liberalen Renew-Fraktion zu bedenken. In dem EU-Land könne "jeder ausgespĂ€ht werden ohne Konsequenzen". Der Justizminister dĂŒrfe jede Art von Überwachung anfordern, ohne sich rechtfertigen zu mĂŒssen. Auch sie plĂ€dierte daher dafĂŒr, die damit verknĂŒpfte "Krise der Rechtsstaatlichkeit" europĂ€isch anzugehen sowie die Presse- und Informationsfreiheit zu stĂ€rken.

Das EU-Parlament hatte die Kommission bereits im MĂ€rz aufgefordert, eine Liste illegaler Spyware zu erstellen und stĂ€ndig zu aktualisieren [6]. Die EU-LĂ€nder sollen dieses Verzeichnis fĂŒr ExportprĂŒfungen heranziehen. Es gelte, eine "umfassende menschenrechtliche Sorgfaltspflicht" zu gewĂ€hrleisten. Nach dem Vorbild des Citizen Lab in Toronto soll eine vergleichbare Institution in der EU geschaffen werden, die einschlĂ€gige Malware per Reverse Engineering entschlĂŒsseln und ihren Einsatz fĂŒr illegale Zwecke aufdecken kann.

Mitglieder der Kommission, wie der fĂŒr Justiz zustĂ€ndige Ressortleiter Didier Reynders, sind laut Berichten bereits ebenfalls mit Spyware angegriffen worden [7]. Der Belgier betonte nun auf Anfrage von Renew-Mitgliedern [8]: "Die Kommission verurteilt aufs SchĂ€rfste jeden illegalen Zugang zu Kommunikationssystemen oder jede Form des unrechtmĂ€ĂŸigen Abhörens der Kommunikation von Nutzern. Alle Versuche der nationalen Sicherheitsdienste, illegal auf Daten von BĂŒrgern, einschließlich Journalisten, Aktivisten der Zivilgesellschaft oder politischen Gegnern, zuzugreifen, sind inakzeptabel."

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(olb [10])


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[1] https://www.heise.de/news/NSO-Spyware-Europaparlament-untersucht-Einsatz-von-Pegasus-genauer-6536909.html
[2] https://www.heise.de/news/Pegasus-Spaehsoftware-Ein-Monstrum-das-ausser-Kontrolle-geraten-ist-6291255.html
[3] https://www.heise.de/news/Madrid-in-Verdacht-Pegasus-Spyware-gegen-Kataloniens-Unabhaengigkeitsbewegung-6740901.html
[4] https://www.heise.de/news/Beispiellose-Risiken-EU-Datenschuetzer-fordert-Verbot-der-Spyware-Pegasus-6475488.html
[5] https://twitter.com/KRLS/status/1516009879500201986
[6] https://www.heise.de/news/Informationskrieg-EU-Parlament-fordert-Sanktionen-gegen-Russland-und-China-6544812.html
[7] https://www.heise.de/news/Dynamit-Spyware-Angriff-auch-auf-EU-Kommissar-und-EU-Angestellte-6668016.html
[8] https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-9-2022-000440-ASW_EN.html
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