FDP-Bundestagsfraktion will 2010 noch keine Nacktscanner
Die Liberalen stellen sich gegen PlĂ€ne aus der Union, noch in diesem Jahr eine stĂ€rkere körperliche Durchleuchtung an FlughĂ€fen einzufĂŒhren. Sie drĂ€ngen auf eine einheitliche Lösung fĂŒr die gesamte EU, die BrĂŒssel aber nicht mehr fĂŒr nötig hĂ€lt.
Der nach einem gescheiterten Terrorangriff auf ein Flugzeug in den USA neu erwogene Einsatz [1] von Nacktscannern an FlughĂ€fen entzweit die schwarz-gelbe Koalition. Ein fĂŒhrender Innenpolitiker der FDP-Bundestagsfraktion hat sich gegen die PlĂ€ne der von CDU und CSU [2] gestellt, möglichst bereits in der ersten HĂ€lfte des Jahre 2010 Ganzkörper-Scanner hierzulande zu installieren. Dieses Vorhaben sei nichts weiter als "Wunschdenken" des Koalitionspartners, sagte [3] der Leiter des FDP-Arbeitskreises Recht und Innen, Hartfrid Wolff, der Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung.
Die GerĂ€te werfen Wolff zufolge nach wie vor eine FĂŒlle technischer, rechtlicher und gesundheitlicher Probleme auf, die nicht ansatzweise ausgerĂ€umt seien. Selbst wenn sich alle Bedenken ausrĂ€umen lieĂen, werde es mit der FDP keinen "nationalen Alleingang" beim Scanner-Einsatz geben. Er persönlich bezweifle, ob Nacktscanner eine geeignete technische Lösung bei der Sprengstoffsuche seien und ob die IntimsphĂ€re der FluggĂ€ste bei ihrer Verwendung gewahrt bleibe.
Vertreter der EU-Kommission widersprachen laut dpa derweil der Ansicht der Bundesregierung, dass fĂŒr den regulĂ€ren Einsatz der umstrittenen GerĂ€te in den Mitgliedsstaaten zunĂ€chst eine einschlĂ€gige Verordnung geĂ€ndert werden mĂŒsse. Jedes EU-Land könne sich frei entscheiden. 2008 hatte die Kommission aber selbst einen Stein zur Ănderung der Verordnung fĂŒr Luftverkehrssicherheit ins Rollen gebracht, war dabei auf heftigen Widerstand [4] gestoĂen und hatte letztlich alles beim Alten belassen [5].
Die Situation in Europa sieht derzeit sehr unterschiedlich aus. GroĂbritannien wolle noch im Januar Nacktscanner auf dem Londoner Flughafen Heathrow einfĂŒhren, erklĂ€rte der britische Innenminister Alan Johnson am gestrigen Dienstag. In den Niederlanden hat der Amsterdamer Flughafen Schiphol Agenturmeldungen zufolge zur ErgĂ€nzung der bereits vorhandenen 15 Körperscanner weitere 60 bestellt. Die spanische Regierung will die Technik dagegen vorerst nicht einfĂŒhren. Auch sie drĂ€ngt auf eine einvernehmliche Lösung fĂŒr die EU. Am morgigen Donnerstag wollen sich in BrĂŒssel Innenexperten von Kommission und Rat ĂŒber das weitere Vorgehen absprechen. Dabei soll unter anderem hinterfragt werden, ob die neuartigen Durchleuchtungsmethoden gesundheitsschĂ€dlich sein könnten und ob die IntimsphĂ€re der Betroffenen gewĂ€hrleistet werde.
Das EU-Parlament will zumindest fĂŒr das eigene Haus keine Nacktscanner mehr einsetzen. FĂŒr sechs der GerĂ€te, die seit mehr als acht Jahren ungenutzt in den Kellern der Abgeordnetenkammer lagern, soll laut AFP am 15. Januar die Ausschreibung beginnen. Dies gehe aus einem Schreiben der Parlamentsverwaltung an den CSU-Abgeordneten Markus Ferber hervor. Interessenten könnten das Angebot im Amtsblatt [6] der EU einsehen. Eigene Offerten könnten bis zum 6. Februar eingesandt werden. Die Parlamentsverwaltung hatte die GerĂ€te unter dem Eindruck der TerroranschlĂ€ge vom 11. September 2001 in den USA im Folgejahr fĂŒr insgesamt 720.000 Euro gekauft. Die Volksvertreter wollten aber nicht als Testpersonen fĂŒr die Technik fungieren. Auch hierzulande gab es bereits 2008 VorschlĂ€ge aus Kreisen von Sicherheitsexperten, Nacktscanner zunĂ€chst im Bundestag zu installieren. Sie wurden bislang aber nicht weiter verfolgt.
Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG [7]) hĂ€lt die Verbreitung der Technik indes nicht fĂŒr vordringlich. Ihr Chef, Rainer Wendt, sprach sich gegen eine "Fixierung" auf die Suche nach Sprengstoff oder Waffen aus. Effektiver wĂ€re es seiner Ansicht nach [8], "gezielt auffĂ€llige Personen aus dem Strom der FluggĂ€ste herauszufiltern". Wendt sprach sich dafĂŒr aus, "auf jedem deutschen Flughafen einen Profiler pro 1000 FluggĂ€ste einzusetzen". Die Analytiker könnten Passagiere nach Kriterien wie NationalitĂ€t, Religion, ethnischer Herkunft, Flugziel oder Verhalten herauspicken und nĂ€her unter die Lupe nehmen. Vielfliegern und GeschĂ€ftsreisen sollten die Kontrollen durch eine einmalige Registrierung und ĂberprĂŒfung erleichtert werden.
Die deutschen FlughĂ€fen selbst warnten vor einer ĂŒbereilten EinfĂŒhrung von Nacktscannern. Ralph Beisel, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Flughafenverbands ADV, sagte [9] der Rheinischen Post, die derzeit in der Entwicklung befindlichen GerĂ€te erfĂŒllten noch nicht alle Vorgaben. Ăber kurz oder lang wĂŒrden die Nacktscanner aber wohl zum Einsatz kommen. Die deutsche Bevölkerung steht der Durchleuchtung offenbar abwartend positiv gegenĂŒber. Laut einer Forsa-Umfrage fĂŒr das Magazin Stern sprachen sich 63 Prozent der Befragten dafĂŒr aus, dass Reisende vor allen FlĂŒgen mit den Scannern kontrolliert werden. 31 Prozent waren dagegen, 6 Prozent zeigten sich unentschieden. (anw [10])
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[2] https://www.heise.de/news/Bundespolizei-und-Union-machen-Dampf-bei-Nacktscannern-894377.html
[3] http://www.neue-oz.de/information/noz_print/interviews/20100501-intervie%20w-wolff.html
[4] https://www.heise.de/news/EU-Parlamentarier-protestieren-gegen-Nackt-Scanner-an-Flughaefen-212997.html
[5] https://www.heise.de/news/EU-Kommission-will-Nackt-Scanner-vorerst-nicht-zulassen-217689.html
[6] http://ted.europa.eu/
[7] http://dpolg.de/
[8] http://dpolg.de/front_content.php?idcatart=908&lang=1&client=1
[9] http://nachrichten.rp-online.de/article/politik/Flughafenverband-Nacktscanner-noch-nicht-ausgereift/63582
[10] mailto:anw@heise.de
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