Gaia-X: "Wir brauchen niemand aus dem Silicon Valley oder China"
(Bild: RUKSUTAKARN studio / Shutterstock.com)
Hyperscaler wie Amazon und Microsoft sind beim europĂ€ischen Cloud-Projekt Gaia-X dabei, sollen bei den geplanten DatenrĂ€umen aber keine groĂe Rolle spielen.
Hubert Tardieu, Chef der nach belgischem Recht gegrĂŒndeten Verwaltungsgesellschaft fĂŒr das europĂ€ische Cloud-Projekt Gaia-X, hat die strategische Ausrichtung der von Deutschland und Frankreich gestarteten Initiative am Mittwoch auf der Konferenz "Masters of Digital" des IT-Dachverbands Digital Europe erlĂ€utert. Der Franzose betonte: "Wir brauchen niemand aus dem Silicon Valley oder China, um unsere DatenrĂ€ume zu organisieren."
Sorge vor zu viel Macht
Zuvor hatte die Tatsache fĂŒr Erstaunen gesorgt, dass bei dem Prestigevorhaben fĂŒr die digitale SouverĂ€nitĂ€t Europas neben GrĂŒndungsmitgliedern [1] wie Atos, BMW, Bosch, De-Cix, Deutsche Telekom, Fraunhofer-Gesellschaft, Orange, OVH, SAP und Siemens auch Cloud-Giganten wie Amazon, Alibaba, Google und Microsoft [2] sowie die eng mit US-Geheimdiensten kooperierende Big-Data-Firma Palantir von Anfang an dabei sind [3]. Diese Konzerne aus den USA und China gelten nicht als klassische Vertreter europĂ€ischer Werte.
Wer genau bei Gaia-X zum Zuge kommen und tragende Infrastrukturdienste ĂŒbernehmen soll, "werden unsere Vorstandsmitglieder regeln", unterstrich Tardieu. DatenportabilitĂ€t und InteroperabilitĂ€t seien die wichtigsten Prinzipien bei dem Projekt [4] und derzeit auch die gröĂten Hindernisse, wieso viele europĂ€ische Firmen noch vor Diensten aus den Rechnerwolken zurĂŒckschreckten. Der 75-JĂ€hrige erlĂ€uterte: "Sie wollen nicht Gefangene ihrer Cloud-Anbieter werden."
Gemeinsame DatenrÀume
Derzeit nutzen laut Tardieu 26 Prozent der europĂ€ischen Firmen Cloud-Services, in den USA und Asien lĂ€gen die Anteile viel höher. Aber auch in skandinavischen LĂ€ndern wie Schweden, Finnland und DĂ€nemark erreiche die Quote bis zu 50 Prozent. Auf diese Marke wolle man die Wirtschaft mit Gaia-X in der gesamten EU binnen vier bis fĂŒnf Jahren bringen, den Nutzungsanteil also verdoppeln.
Gemeinsame DatenrĂ€ume zum Teilen von Informationen und Messwerten seien das A und O, um dieses Ziel zu erreichen, meinte der Atos-Berater. Es mĂŒssten Ăkosysteme fĂŒr Sektoren wie Energie, Industrie oder Handwerk entstehen, die "sich selbst organisieren können". Es werde aber niemand zum Teilen von Daten gezwungen.
Wahrung der DatensouverÀnitÀt
Vertreter von sieben Wirtschaftsbereichen sollten bis MĂ€rz nun entsprechende Konzepte vorlegen. Als ĂŒbergreifendes Modell könnten etwa semantische Strukturen dienen, wie sie die von Fraunhofer initiierte International Data Space Association [5] (IDSA) bereits erarbeitet habe. Die IDSA veröffentlichte Anfang der Woche ein Positionspapier [6], mit dem sie nach eigenen Angaben "in ihrem Referenzarchitekturmodell Software-Komponenten fĂŒr das Teilen und den Austausch von Daten unter Wahrung der DatensouverĂ€nitĂ€t spezifiziert". Damit soll es einfacher werden, mit Gaia-X eine verteilte Dateninfrastruktur als Basis sicherer DatenrĂ€ume fĂŒr verschiedene AnwendungsdomĂ€nen wie MobilitĂ€t, Industrie 4.0 und das Gesundheitswesen zu entwickeln.
EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton will parallel ein Förderinstitut fĂŒr "Vorhaben von gemeinsamem europĂ€ischem Interesse" (IPCEI) vorantreiben, berichtete Tardieu. Dazu habe er eine Allianz fĂŒr Cloud und Daten mit 27 Chefs von Firmen ins Leben gerufen, von denen die meisten bereits Gaia-X-Mitglieder seien. Auch hier lĂ€gen die Schwerpunkte auf DatenrĂ€umen und den dafĂŒr benötigten Infrastrukturen.
Nationale Hubs
Bei Gaia-X selbst seien mittlerweile fast alle Cloud-Anbieter weltweit an Bord. Es werde dort nun darum gehen, den Fokus bei weiteren Mitgliedern auf Aspekte wie deren Expertise fĂŒr IT-Sicherheit und die NĂ€he von Datenzentren zu den Kunden zu legen. Bis Ende 2021 sollten 24 nationale Hubs fĂŒr das Projekt entstehen, die nicht unbedingt in der EU liegen mĂŒssten. Christiane Canenbley, Vizekabinettschefin von Digitalkommissarin Margrethe Vestager, erinnerte daran, dass die BrĂŒsseler Regierungsinstitution bereits einen Entwurf fĂŒr einen Data Governance Act [7] vorgelegt habe. Sie wolle damit auch Investitionen in Dateninfrastrukturen wie Gaia-X und die erforderliche Computerleistung beflĂŒgeln und TreuhĂ€nder einrichten. Beteiligte inklusive des öffentlichen Sektors mĂŒssten sich sicher sein können, "dass sie die Kontrolle ĂŒber ihre Daten behalten".
Belgien werde einen wichtigen Beitrag zu Gaia-X leisten, versicherte Bart Steukers vom dortigen Beratungshaus Agoria. Man wolle nicht von einer US-amerikanischen und chinesischen AbhÀngigkeit in eine deutsch-französische geraten. Flandern habe bereits eine eigene Initiative gestartet und eine Art "Datenversorgungsbetrieb" ins Spiel gebracht analog etwa zu Wasserversorgern. Der Vorteil dabei sei: "Man kann einfach den Hahn aufdrehen und Vertrauen haben, dass das Wasser sauber ist." Gezahlt werde nach Nutzung.
Echter digitaler Binnenmarkt
Europa mĂŒsse den Anspruch haben, bei DatenrĂ€umen globale Standards zu setzen, forderte die EU-Abgeordnete Liesje Schreinemacher von den Liberalen. Im Digitalbereich lasse sich eine Zusammenarbeit mit LĂ€ndern, die ganz andere Ziele und Regeln hĂ€tten, nicht einfach vermeiden. Die nĂ€chste Welle der "Datenexplosion" werde von vernetzten GerĂ€ten und Maschinen getrieben, erklĂ€rte Gilles Thiebaut von Hewlett Packard. Nötig sei daher ein echter digitaler Binnenmarkt fĂŒr Daten. Vor allem der Mittelstand brauche fĂŒr deren Nutzung geeignete Lösungen, ergĂ€nzte Andreas Cleve von Corti.ai. Sonst fehlten in diesem Bereich etwa Trainingssets fĂŒr KĂŒnstliche Intelligenz.
(kbe [9])
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[2] https://www.heise.de/news/Gaia-X-Grosse-US-Hyperscaler-wollen-in-EU-Cloud-kraeftig-mitmischen-4965630.html
[3] https://www.heise.de/news/Gaia-X-Big-Data-Firma-Palantir-aus-den-USA-ist-bei-EU-Cloud-vorn-mit-dabei-4995921.html
[4] https://www.heise.de/news/Bundeswirtschaftsminister-Gaia-X-als-weltweiter-Goldstandard-fuer-Cloud-Dienste-4774826.html
[5] https://www.heise.de/news/Industrial-Data-Space-Fraunhofer-entwickelt-sicheren-Datenraum-3361495.html
[6] https://www.internationaldataspaces.org/wp-content/uploads/2021/01/IDSA-Position-Paper-GAIAX-and-IDS.pdf
[7] https://www.heise.de/news/EU-Kommission-will-vertrauensvollen-Datenaltruismus-foerdern-4971093.html
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