Hartz IV-Software: Bug oder Feature?
Die webbasierte Software A2ll löscht selbststÀndig unvollstÀndige DatensÀtze. Die mit der Bearbeitung von Alg-II-AntrÀgen zustÀndigen Fallmanager sind beunruhigt.
Die mit der Bearbeitung von AntrĂ€gen auf Bewilligung des Arbeitslosengelds II (Alg-II) befassten Fallmanager [1] sind beunruhigt, dass die webbasierte Software A2ll unvollstĂ€ndige DatensĂ€tze von sich aus löscht. Von der Löschung sollen DatensĂ€tze betroffen sein, bei denen die Falldaten eines Antrages eingegeben und die Leistungen berechnet werden, bei denen aber die kassentechnische Anordnung (Abschluss des Falles) nicht erfolgt. Solche aus der Sicht der Software unvollstĂ€ndigen DatensĂ€tze sollen nach zwei bis drei Wochen vom System gelöscht werden. Sowohl im internen Forum der A2ll-Nutzer wie in öffentlichen Foren von kĂŒnftigen Alg-II-Beziehern wird nun darĂŒber diskutiert, ob diese Form eines Garbage Collectors ein Fehler oder ein sinnvolles Feature ist.
SchlieĂlich zwingt die vermutete Löschung Sachbearbeiter wie Antragsteller dazu, möglichst vollstĂ€ndige Daten einzugeben oder vorzulegen, so der Tenor. Eine Minderheitenmeinung deutet an, dass mit den möglichen Löschungen die Personen bestraft werden, die frĂŒhzeitig ihre AntrĂ€ge abgegeben, aber nicht alle Fragen im 16-seitigen Fragebogen beantwortet haben. Unter den Betroffenen stöĂt die Nachricht von möglichen Löschungen angesichts knapper Zeitvorgaben auf UnverstĂ€ndnis. Zum Start der Software wurde angegeben, dass ein Antrag in einer Stunde in das System eingepflegt werden kann. Nach Darstellung der Bundesagentur fĂŒr Arbeit sind keine DatensĂ€tze gelöscht worden. "Es gibt einen solchen Fehler nicht. Es liegt keine derartige Fehlermeldung vor. Die Kommentare in den Internet-Foren entsprechen nicht der RealitĂ€t", sagte ein Sprecher von T-Systems, einer der Entwickler der Software A2ll.
Unterdessen hat Wirtschaftsminister Wolfgang Clement einen Ombudsrat berufen, der sich zunĂ€chst ein Jahr lang um die "Sorgen und Nöte" der Antragsteller kĂŒmmern soll. Das Gremium ist mit dem ehemaligen sĂ€chsischen MinisterprĂ€sidenten Kurt Biedenkopf (CDU), der ehemaligen Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) und dem ehemaligen IG-Chemie-Vorsitzenden Hermann Rappe prominent besetzt und agiert auĂerhalb der regulĂ€ren Widerspruchs- und Klageverfahren. "Der Rat soll Schlussfolgerungen fĂŒr die Weiterentwicklung des Verwaltungshandelns und der gesetzlichen Regelungen (SGB II) ziehen und entsprechende Empfehlungen geben", heiĂt es im Wirtschaftsministerium. FĂŒr den Ombudsrat wird eine GeschĂ€ftsstelle eingerichtet, die unter www.ombudsrat.de auch im Internet erreichbar sein soll. Derzeit ist unter dieser Adresse noch die Firma Init [2] erreichbar, die das interne Netzwerk der Fallmanager betreut. Die unverbindliche Arbeit des Ombudsrates wird von der dort nicht vertretenen FDP als mögliche Verschwendung von Haushaltsmitteln kritisiert [3].
Neben der EinfĂŒhrung des Ombudsrates hat das Wirtschaftsministerium gestern beschlossen, die Informationskampagne ĂŒber Hartz IV und das Alg-II weiter fortzusetzen. Der Reformprozess verlange stĂ€ndig nach Information, KlĂ€rung und Motivation und erfordere ein Umdenken in vielen Teilen der Gesellschaft, nicht nur bei Betroffenen, sondern auch bei VerbĂ€nden, Unternehmen und Verwaltung, erklĂ€rte eine Sprecherin in Berlin. Bisher hat die Informationskampagne 2,8 Millionen Euro gekostet. Im nĂ€chsten Jahr sollen rund 11 Millionen Euro in die Kampagne flieĂen. FĂŒr diese Summe sollen neue Plakate und BroschĂŒren gestaltet werden und vor allem ein aktuelles Internet-Portal fĂŒr alle Betroffenen errichtet werden. Die Eil-Ausschreibung zur Kampagne endete am Mittwochabend, als Favorit gilt die Firma Ahrens&Bimboes [4], die das unlĂ€ngst gestartete Internet-Angebot TeamArbeit fĂŒr Deutschland [5] entwickelt hat.
Siehe zu dem Thema auch:
- Hartz IV-Software: Erste Bescheide verschickt [6]
- Wirtschaftsministerium sichert mehr Datenschutz beim Arbeitslosengeld II zu [7]
- Big Brother Awards: Die Stimme der Stimmlosen [8]
- Hartz IV-Software: Dateneingabe zeitweise gestört [9]
- Hartz IV-Software: 2. Stufe gezĂŒndet [10]
- Hartz IV-Software: Das Baby strampelt [11]
- Hartz IV-Software: Reibungsloser Start in prekÀrem Zustand? [12]
- Hartz IV-Software: EinschrÀnkungen bei der Erfassung [13]
- Hartz IV-Software: Nur noch 20 Fehler [14]
- Hartz IV-Software: Die Alternativen [15]
- Hartz IV-Software kommt nicht termingerecht [16]
(Detlef Borchers) / (anw [17])
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Links in diesem Artikel:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Fallmanagement
[2] http://www.init.de/initag/Init_20AG/rootNavi,index=2,detail=.html
[3] http://www.liberale.de/portal/?presse=1&id=39333&PHPSESSID=2a93b4262d14c3a389598cc978dc8031
[4] http://www.f2n.de/
[5] http://www.teamarbeit.de
[6] https://www.heise.de/news/Hartz-IV-Software-Erste-Bescheide-verschickt-113761.html
[7] https://www.heise.de/news/Wirtschaftsministerium-sichert-mehr-Datenschutz-beim-Arbeitslosengeld-II-zu-111926.html
[8] https://www.heise.de/news/Big-Brother-Awards-Die-Stimme-der-Stimmlosen-111887.html
[9] https://www.heise.de/news/Hartz-IV-Software-Dateneingabe-zeitweise-gestoert-Update-111398.html
[10] https://www.heise.de/news/Hartz-IV-Software-2-Stufe-gezuendet-110843.html
[11] https://www.heise.de/news/Hartz-IV-Software-Das-Baby-strampelt-110100.html
[12] https://www.heise.de/news/Hartz-IV-Software-Reibungsloser-Start-in-prekaerem-Zustand-109582.html
[13] https://www.heise.de/news/Hartz-IV-Software-Einschraenkungen-bei-der-Erfassung-109039.html
[14] https://www.heise.de/news/Hartz-IV-Software-Nur-noch-20-Fehler-106133.html
[15] https://www.heise.de/news/Hartz-IV-Software-Die-Alternativen-105925.html
[16] https://www.heise.de/news/Hartz-IV-Software-kommt-nicht-termingerecht-105877.html
[17] mailto:anw@heise.de
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