Japan sucht im Ausland um Rat fĂŒr AKW-Ruine Fukushima
Beinahe tĂ€glich lösen neue Hiobsbotschaften aus der Atomruine Fukushima neue Besorgnis aus. Die Probleme sind inzwischen so groĂ, dass die Regierung nun bereit ist, verstĂ€rkt RatschlĂ€ge aus dem Ausland anzunehmen.
Je lĂ€nger sich die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima hinzieht, desto mehr wĂ€chst im Ausland das UnverstĂ€ndnis, warum Japan keine internationale Hilfe annimmt. Jetzt, zweieinhalb Jahre nach dem Super-Gau in Folge eines Erdbebens und Tsunamis [1], scheint Japan dazu endlich bereit zu sein. Hatten die Regierung und der Betreiber Tepco [2] auslĂ€ndischen Experten bislang kaum Einblick in Fukushima gewĂ€hrt, erklĂ€rte MinisterprĂ€sident Shinzo Abe nun kĂŒrzlich auf einer Tagung in Kyoto vor zahlreichen anwesenden Forschern aus dem Ausland: "Wir brauchen Ihre Weisheit und Expertenwissen".
Die Probleme, mit denen die rund 3000 Arbeiter im AKW Fukushima Daiichi tĂ€glich zu kĂ€mpfen haben, sind enorm. Da sind zum einen die gigantischen Mengen verseuchten Wassers, die durch die zerstörte Atomanlage schwappen und zum betrĂ€chtlichen Teil in den Pazifik sickern. Jeden Tag lĂ€sst Tepco Hunderte Tonnen Wasser in die beschĂ€digten Reaktoren 1 bis 3 pumpen, um die geschmolzenen BrennstĂ€be zu kĂŒhlen. Wo die sich befinden, weiĂ bis heute jedoch niemand.
Zudem dringen weitere rund 400 Tonnen Grundwasser pro Tag in die GebĂ€ude ein und vermischen sich dort mit dem verseuchten KĂŒhlwasser. Daher pumpt Tepco stĂ€ndig Wasser ab und lagert mittlerweile mehr als 300.000 Tonnen davon in rund 1000 teils hastig zusammengenieteten Tanks. Diese reichen jedoch bald nicht mehr aus und fangen bereits an zu lecken. Tepco will nun den Bau neuer Tanks beschleunigen und bis Ende MĂ€rz 2015 Platz fĂŒr zusĂ€tzlich 800.000 Tonnen Wasser schaffen. Dabei geht das Unternehmen jedoch davon aus, dass ein Filtersystem zur Beseitigung radioaktiver Substanzen normal funktioniert. Doch das ist eben nicht der Fall, das System ist in jĂŒngster Zeit immer wieder ausgefallen.
Um den andauernden Zufluss von Grundwasser zu bremsen, plant die Regierung zudem, mit Hunderten Millionen an Steuergeldern einen gefrorenen Schutzwall im Erdreich um die Reaktoren zu errichten, wie er auch beim Tunnelbau zum Einsatz kommt. Zu diesem Zweck sollen Rohre mit chemischen KĂŒhlmitteln um die GebĂ€ude der Reaktoren 1 bis 4 im Erdreich verlegt werden. Der auf diese Weise entstehende Schutzwall aus gefrorenem Boden wird voraussichtlich eine LĂ€nge von 1,4 Kilometern haben. Kritiker sehen jedoch auch dieses gigantische Unterfangen lediglich als weiteres störanfĂ€lliges Provisorium an.
Die zunehmenden Wassermassen umspĂŒlen die schwer beschĂ€digten GebĂ€ude auf dem AKW-GelĂ€nde, darunter auch die Mauern zur AbstĂŒtzung des Abklingbeckens von Reaktor 4. Von hier geht nach Meinung vieler Experten mit die gröĂte Gefahr in Fukushima aus. Das Dach des in 30 Meter Höhe gelegenen Beckens war bei dem Erdbeben und Tsunami vor zweieinhalb Jahren durch eine Explosion zerstört worden â der Reaktor selbst war zum Zeitpunkt des Tsunamis abgeschaltet. Mehr als 1500 abgebrannte BrennstĂ€be lagern hier oben. Zwar wurde das schwer beschĂ€digte GebĂ€ude laut Regierung verstĂ€rkt. Doch es steht schief, droht abzusinken und könnte bei einem schweren Erdbeben einstĂŒrzen oder durch ein kollabierendes NachbargebĂ€ude beschĂ€digt werden.
Sollte es in diesem Becken zu einem weiteren Unfall kommen, könnten die Hunderte von Tonnen an Brennstoff laut Experten das Zigtausend-Fache an RadioaktivitĂ€t der Atombombe von Hiroshima freisetzen. Die Folge wĂ€re eine Katastrophe globalen AusmaĂes, warnte eindringlich der frĂŒhere japanische Botschafter in der Schweiz, Mitsuhei Murata. Um die Gefahr zu bannen, will Tepco Mitte November damit beginnen, die BrennstĂ€be herauszuholen. Zu diesem Zweck ist man dabei, TrĂŒmmerteile um das Abklingbecken und das ReaktorgebĂ€ude herum zu beseitigen und das beschĂ€digte GemĂ€uer abzudecken. ZunĂ€chst soll das Wasser im Pool laut japanischen Medienberichten gereinigt werden, damit die Arbeiten mit einer Unterwasserkamera ĂŒberwacht werden können. Sie sollen etwa bis Ende kommenden Jahres andauern.
Kritiker sehen jedoch den Atombetreiber Tepco weder wissenschaftlich, noch technisch und auch in finanzieller Hinsicht nicht in der Lage, ein solch gefĂ€hrliches Unterfangen allein zu bewerkstelligen. Das gelte auch fĂŒr die Regierung. Die Lage um das Abklingbecken des Reaktors 4 erfordert nach Meinung der Kritiker vielmehr das geballte Know-how der besten Experten und Ingenieure der Welt. Doch ist fraglich, ob es tatsĂ€chlich zu global koordinierten Anstrengungen kommt. Auch wenn die Regierung von MinisterprĂ€sident Shinzo Abe offener fĂŒr Hilfe aus dem Ausland zu sein scheint: Geht es nach ihr, so ist die Lage in Fukushima trotz aller Probleme unter Kontrolle. (anw [3])
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