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"Transmediales ErzÀhlen": Film und Computerspiel sollen weiter verschmelzen

Stefan Krempl

"Computerspiele werden Filme und Filme werden Computerspiele": Auf den Deutschen Gamestagen ging es auch darum, Geschichten parallel fĂŒr verschiedene Plattformen zu schreiben und diese so miteinander zu verknĂŒpfen.

Die australische Medienberaterin Anita Ondine [1] hat auf den Deutschen Gamestagen [2] eine Lanze fĂŒr das "transmediale ErzĂ€hlen" gebrochen, mit dem Geschichten parallel fĂŒr verschiedene Plattformen geschrieben und diese so miteinander verknĂŒpft werden. "Computerspiele werden Filme und Filme werden Computerspiele", erklĂ€rte die studierte Juristin auf der Entwicklerkonferenz in Berlin. Hollywood ist ihrer Ansicht nach derzeit bestrebt, Filmwelten um Elemente aus dem Spieleumfeld zu erweitern. Tom Hanks' Studio Playtone [3] etwa habe gerade genauso wie die Filmschmiede Fourth Wall [4] einen "Transmedia-Ableger" fĂŒr einige Millionen US-Dollar ins Leben gerufen, der Filmproduzent Brian Grazer ein GeschĂ€ft mit einem Spielehaus abgeschlossen.

Auf der anderen Seite versuchen Computerspiele-GrĂ¶ĂŸen wie Ubisoft [5] seit LĂ€ngerem, sich beim Kino abzuschauen [6], wie emotionale Geschichten erzĂ€hlt werden. Sie wollen zudem einen Fuß ins FilmgeschĂ€ft bekommen. Der französische Games-Verleger selbst hat dazu einem Bericht [7] nach gerade die Abteilung "Ubisoft Motion Pictures" gegrĂŒndet. Das Studio soll Stoffe des Konzerns fĂŒr Kino-Streifen und TV-Sendungen adaptieren.

Transmediale ErzĂ€hlungen unterscheiden sich Ondine zufolge von interaktiven Medienentwicklungen, dass sie eine Geschichte noch offener als diese anlegen und dem ins Geschehen hineingezogenen Zuschauer mehr Partizipationsmöglichkeiten an die Hand geben. Um eine einheitliche Story mit möglichst vielen NĂ€hten, Ösen und Haken zwischen unterschiedlichen medialen Plattformen zu schreiben, mĂŒsse man weniger mit einem klassischen Drehbuch als vielmehr "wie bei der Spiele-Entwicklung" beginnen. Es gehe darum, zunĂ€chst das Set und die Regeln der ErzĂ€hlwelt festzulegen und diese auf einen Kern in Form eines Juwels zuzuspitzen, der "alles zum Erstrahlen bringt".

Filmemacher mĂŒssten dafĂŒr von Game-Designern lernen, wie man das Publikum ĂŒber Anreize in eine Story hineinziehe und sie dann mit Bonuspunkten belohne und zum weiteren Erkunden der virtuellen Welten animiere. Die andere Seite könne sich von Drehbuchautoren wiederum abschauen, wie man ein mediales Erlebnis aus der Perspektive einer packenden Geschichte heraus anlegen könne. Wichtig sei es, im Skript bereits AnknĂŒpfungspunkte fĂŒr eine Ausgestaltung der HandlungsstrĂ€nge in anderen Mediengattungen anzulegen. So könnten in einem Film etwa Indizien ausgelegt werden, die einem Nutzer dann im zugehörigen Spiel weiterhĂ€lfen. Als "echten Mehrwert" des transmedialen ErzĂ€hlens bezeichnete die in London tĂ€tige Medienproduzentin die Möglichkeit, das GeschichtenerzĂ€hlen wieder zu einem "sozialen Erlebnis" zu machen. So wie sich frĂŒher die Familie am Abend vor dem Fernseher versammelte, könnten die miteinander verwobenen Spiele- und Filmwelten eine Art "neuen Marktplatz oder Treffpunkt" ĂŒber die Komponente der "sozialen Unterhaltung" schaffen.

Wie stark Hollywood mittlerweile an aufwendigen Spieleproduktionen mit ergreifender Story interessiert ist, wusste Malte Wagener zu berichten, der bei Koch Media [8] fĂŒrs globale GeschĂ€ft verantwortlich ist. Kurz nachdem die MĂŒnchner den in ein klassisches Familienumfeld eingebetteten Trailer [9] fĂŒr das kommende Zombie-Spiel "Dead Island" online gestellt hĂ€tten und dieser innerhalb von zwei Stunden 2,5 Millionen mal angeschaut worden sei, hĂ€tten bereits die ersten Studios aus Kalifornien angerufen, erzĂ€hlte der Marketingexperte. Nun liefen GesprĂ€che ĂŒber eine Filmadaption des noch gar nicht publizierten Games mit GrĂ¶ĂŸen bis hin zu Ridley Scott oder Jerry Bruckheimer. Von transmedialem Design hĂ€lt Wagener aber wenig: "Entweder ist eine Story gut oder schlecht." Sei ersteres der Fall, handle es sich quasi um einen SelbstlĂ€ufer in verschiedenen Mediengattungen.

Die MĂŒnchner Lizenzierungsfirma Beta Film [10], die zur Firmengruppe von Jan Mojto gehört und aus dem Bestand von Kirch Media hervorging, bereitet sich derweil auf den Startschuss des mit dem ZDF koproduzierten Historienspektakel "Borgia" im September vor. Sie hat dabei im Einklang mit dem transmedialen Konzept die Entwicklung eines zugehörigen Adventure-Spiels schon mit in Angriff genommen. Die VerknĂŒpfung hat laut dem Leiter der Game-Abteilung des Unternehmens, Rupert Ochsner, einige Vorteile. Einerseits werde die Medienmarke der Produktion gerstĂ€rkt, andererseits könne ein Computerspiel verlorengegangene Zielgruppen zum Fernsehen zurĂŒckbringen. DarĂŒber hinaus könnten 3D-Animationen, das Set-Design, Charaktere, Musik und AusstattungsgegenstĂ€nde fĂŒr beide Entwicklungsarten verwendet werden. Bei Borgia arbeite Beta Film fĂŒr die Spieleumsetzung mit Daedalic Entertainment [11] in Hamburg zusammen, wobei beide Seiten Kosten und Einnahmen teilten. (jk [12])


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https://www.heise.de/-1237035

Links in diesem Artikel:

  1. http://www.anitaondine.com/
  2. https://www.heise.de/news/Gamestage-Branche-warnt-vor-mehr-Regulierung-1236233.html
  3. http://www.playtone.com/
  4. http://www.fourthwallstudios.com/
  5. http://www.ubi.com/
  6. https://www.heise.de/news/Wann-fliessen-die-ersten-Traenen-beim-Computerspielen-169028.html
  7. http://www.variety.com/article/VR1118036232?categoryid=4076
  8. http://www.kochmedia.de/
  9. http://www.youtube.com/watch?v=0_KBtOVx-x0
  10. http://www.betafilm.com/
  11. http://www.daedalic.de/
  12. mailto:jk@heise.de