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Was war. Was wird. Von komplexen Fragen und unzulÀssigem Infragestellen.

4W Hal Faber
Was war. Was wird. Von komplexen Fragen und unzulÀssigem Infragestellen.

"Man muss Gesetze kompliziert machen. Dann fÀllt das nicht so auf." (Horst Seehofer, leicht ironisch)

(Bild: seehofer-direkt.de / bearbeitet)

In der Politik werden "komplexe Fragestellungen" gewÀlzt und Gesetze möglichst kompliziert gemacht, wundert sich Hal Faber. Und Kritik wird "unzulÀssig".

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick fĂŒr die Details schĂ€rfen: Die sonntĂ€gliche Wochenschau [1] ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist RĂŒck- wie Vorschau zugleich.

Was war. Was wird. Von komplexen Fragen und unzulÀssigem Infragestellen

Eine "komplexe Fragestellung" bewegt sich offenbar in erster Linie um sich selbst. Es sei denn, man hat es mit einem Seehofer-Gesetz zu tun: Bei dem ist die KomplexitĂ€t zielfĂŒhrend fĂŒrs Durchflutschen im Bundestag.

*** "Hallo Alexa, mach ein Date mit dem Dealer, ich brauch ein paar Linien." Irgendetwas in der Art muss im Kopf eines Referenten der Abteilung CI im Bundesinnenministerium gewesen sein, als er oder sie sich mit der Antwort auf die Anfrage plagte, ob die Sicherheitsbehörden den Zugriff auf Daten von Alexa und Co. [2] planen. Im besten Beamtengenuschel erfolgte dann die Antwort: "Die mit diesem Thema verbundenen rechtlichen Fragestellungen sind komplex und werden derzeit geprĂŒft." Hach, wie dĂŒrfte diese schwabbelige Antwort seinen Chef Horst Seehofer erfreut haben, der doch gerade davon schwĂ€rmte, dass man Gesetze möglichst kompliziert [3] machen muss, dann wĂŒrden sie besser durchflutschen. Dank der Sprachspielchen war die Aufregung groß und Alexagate in der Welt, komplett mit Reaktionen der ĂŒblichen Warner [4]. Dabei wollte die Innenministerkonferenz [5], die nĂ€chste Woche in Kiel stattfindet, doch nur beraten, wie gut die Sicherheitsbehörden aufgestellt sind, um bei Ermittlungen digitale Spuren zu behandeln. Tagesordnungspunkt 27, auf Antrag von Schleswig-Holsteins Innenminister Hans-Joachim Grote formuliert, ist sprachlich unzweideutig. Die Sicherheitsbehörden mĂŒssen "in der Lage sein, digitale Spuren zu erkennen, zu sichern und auszuwerten. Soweit noch nicht erfolgt, sollen in den LĂ€ndern spezielle Dienststellen die vorhandenen Kompetenzen in Kompetenzzentren bĂŒndeln und weiterentwickeln." Die Rede ist also vom umstrittenen Kompetenzzentrum Cybercrime, das im letzten Jahr vorgestellt [6] wurde. Schon damals war von Alexa die Rede, doch bis auf eine Handvoll Kommentatoren im Heiseforum beschĂ€ftigte das Szenario nicht die Öffentlichkeit, die nun mit Alexa den großen Empörungsgrund hat: "Ein Staubsaug-Roboter, der einen nĂ€chtlichen Einbrecher mit seiner Kamera ĂŒberfĂŒhrt, ein 'mithörender' Sprachassistent, der ein Alibi widerlegt?"

*** Vielleicht liegt es an der Nachricht, dass bei Amazon Mitarbeiter Alexa-Befehle abtippen [7], um die FĂ€higkeiten der Sprachassistenten zu verbessern, weswegen jetzt erst die Diskussion ĂŒber die Sicherung digitaler Spuren in Gang kommt. Neu ist es jedenfalls nicht, dass bei Ermittlungen alle speichernden GerĂ€tschaften analysiert und ausgelesen werden, vom Navi im Auto bis zum Staubsaugroboter in der Wohnung. Vielleicht liegt es aber auch an unserem Innenministerium fĂŒr Satzbau und Heimat, das ganz bewusst Aufreger und Phrasen produziert. Man denke nur an die Nachricht, dass Messengerdienste zur EntschlĂŒsselung gezwungen [8] werden sollen oder an Überlegungen, wie Journalisten und Redaktionen ĂŒberwacht werden können. Dementieren [9] kann man ja immer noch, wenn man Seehofer heißt und "durch das dĂŒnne Eis der Aura des Amts gebrochen" [10] ist. Oder man spricht bei der Debatte zum Hau-ab-Gesetz [11] von einem unzulĂ€ssigen Infragestellen [12], wenn Kritik aufkommt. Die Verachtung fĂŒr demokratische Prozesse kann man so kaum deutlicher demonstrieren. Vielleicht bĂŒrgert sich so das Verb seehofern als Synonym fĂŒr spöttisches LĂŒgen in die deutsche Sprache ein. Ja, die mit diesem Thema verbundenen rechtlichen Fragestellungen sind komplex.

*** Noch ist Deutschland nicht Australien, nach Ansicht der New York Times nunmehr die "geheimnistuerischste Demokratie der Welt". Denn dort hat die Justiz den polizeilichen Ermittlern Durchsuchungsbefehle ausgestellt, mit denen die BĂŒros des Nachrichtensenders ABC [13] auf den Kopf gestellt wurden. Der Polizei war es dabei erlaubt, "auf ABC-Computern Dateien hinzuzufĂŒgen, zu kopieren zu löschen und zu verĂ€ndern", um auf diese Weise Beweise fĂŒr die "unautorisierte Weitergabe von Informationen zur nationalen Sicherheit" zu bekommen. Es ging um mutmaßliche widerrechtliche Tötungen von Zivilisten in Afghanistan, ausgefĂŒhrt von australischen Elitetruppen. Beweise fĂŒr diese Tötungen soll der Whistleblower David William McBride den ABC-Journalisten zugespielt haben. Der Frontalangriff auf die Pressefreiheit [14] wurde immerhin live ĂŒbertragen und so konnte man sehen, wie Beamte in aller Ruhe Dateien auf USB-Sticks kopierten, aber womöglich auch Programme von den Sticks auf die Computer der Journalisten installierten. In Seehofers neuer Behörde ZITiS [15] mĂŒssen sie staunend und neidisch zugesehen haben.

*** Am Donnerstag war es soweit. Die UniversitĂ€t TĂŒbingen [16] stellte offiziell das wissenschaftliche Fehlverhalten der Hirnforscher Niels Birbaumer und Ujwal Chaudhary fest. Damit ist klar, dass Fake News nicht nur bei der Erforschung von Social Bots [17] im Spiel sind, sondern auch in der Medizin eine trĂŒbe Rolle [18] spielen. Nach der ÜberprĂŒfung der Forschungsdaten durch den Informatiker [19] Martin SpĂŒler [20] hat sich die Hoffnung von ALS-Patienten [21] verflĂŒchtigt, sich mit einem Brain Computer Interface verstĂ€ndigen zu können. Das ist traurig. Noch trauriger ist dieses Fazit [22] eines Journalisten, der den Fall mit seinen Kollegen recherchierte: Vieles von dem, was man in dieser AffĂ€re zu hören bekam, erinnerte an Recherchen in repressiven Systemen; an GesprĂ€che mit Menschen, die Angst haben, ihre Meinung zu sagen, weil sie Nachteile befĂŒrchten – in diesem Fall versiegende Fördergelder oder die Verachtung der Kollegen.

*** Vor einem Jahr war sie noch Bloggerin des Jahres 2017 [23], nun ist die bei Intel arbeitende Marie Sophie Hingst als Person enttarnt worden, die sich eine fiktive jĂŒdische Biographie zugelegt hatte. In ihrem Blog hat sie von einer fiktiven jĂŒdischen Großmutter erzĂ€hlt und auch sonst "ein erhebliches Maß an kĂŒnstlerischer Freiheit fĂŒr sich in Anspruch genommen", wenn sie ĂŒber die Stolpersteinputzkolonnen schimpfte, die "unsere Toten nicht in Ruhe lassen". Bei manchen Nachkommen der TĂ€tergeneration [24] regten sich Zweifel, doch die Kontaminierung der Wahrheit [25] wurde schließlich entdeckt. Die goldenen Blogger [26] sind erschĂŒttert und fĂŒrchten sich vor dĂŒsteren und traurigen Antworten auf die komplexe Fragestellung: Warum? Die Antwort ist schlicht: Es gibt einen großen Bedarf an Medienjuden, besonders an weiblichen. Frau Hingst tritt damit in die Fußstapfen von Binjamin Wilkomirski [27] und Misha Defonseca [28], von Edith Lutz [29] und Irena Wachendorff [30]. Man wird sicher bald wieder von ihr hören oder lesen [31].

Anders gesagt: Eine Frage stellen nur um des Fragenstellens willen ist ziemlich inhaltsleer. Wenigstens hat man dann mal gefragt – sofern es nicht verboten war.

WĂ€hrend der sĂ€chsische Außenminister Michael Kretschmer (CDU) den russischen PrĂ€sidenten Putin trifft und diesen ĂŒberreden will, doch bitte wieder bei der KGB-Außenstelle Dresden die Geschicke von Robotron zu verfolgen, hat der Cyber-Sicherheitsrat ein Ă€hnliches Problem. Auch dort ist man mit Russland verbandelt [32], in Gestalt des CDU-Politikers Hans-Wilhelm DĂŒnn. Er hat einen Kooperationsvertrag mit der russischen Vereinigung fĂŒr internationale Informationssicherheit abgeschlossen, die vom ehemaligen Geheimdienstler Vladislav Sherstyuk geleitet wird. Das geht einem anderen Geheimdienstler zu weit und so kritisiert Gerhard Schindler [33], der ehemalige Chef des BND, die MĂ€nner- und Cyber-Freundschaft. Schließlich ist die deutsche Cybersicherheitspolitik [34] eine echte Herausforderung, die gemeistert werden will. Das gilt nicht nur fĂŒr die Cyber-Kontakte mit Russland. Das US-amerikanische Außenministerium hat in dieser Woche fĂŒr 20,8 Millionen Dollar das Bureau of Cyberspace Security and Emerging Technologies [35] (CSET) gegrĂŒndet, in dem bald die ersten Cyber-Diplomaten daran arbeiten, mit anderen Staaten im Cyberraum friedlich zu koexistieren. Glaubt man den US-Strategen, ist die Gefahr groß, dass China [36] auf einen Hackerangriff zum kinetischen Gegenschlag ausholen will, sollte es Angriffe zum 30. Jahrestag des Tiananmen-Massaker bemerken. (tiw [37])


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[1] https://www.heise.de/meinung/Was-war-Was-wird-24227.html
[2] https://www.heise.de/news/Smart-Home-Innenminister-planen-Zugriff-auf-Daten-von-Alexa-Co-4439526.html
[3] https://twitter.com/ARD_BaB/status/1136652811045941249
[4] https://www.heise.de/news/Justizministerium-warnt-vor-Zugriff-auf-Daten-von-Alexa-Co-4441123.html
[5] https://www.innenministerkonferenz.de
[6] https://www.heise.de/news/Smart-Ort-statt-Tatort-Polizei-geht-im-Norden-digital-auf-Verbrecherjagd-4137859.html
[7] https://www.heise.de/select/ct/2019/10/1557137785871125
[8] https://www.heise.de/news/Angriff-auf-WhatsApp-Co-Seehofer-will-Messenger-zur-Entschluesselung-zwingen-4431634.html
[9] https://www.heise.de/news/Seehofer-Wir-bekaempfen-keine-Journalisten-4435531.html
[10] https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kommentar-zum-nestle-video-kloeckner-im-shitstorm-16226970.html
[11] https://www.heise.de/tp/article/Worum-geht-s-im-Migrationspaket-4442713.html
[12] https://www.fr.de/meinung/horst-seehofer-migrationsgesetz-video-innenminister-antidemokratisch-12361267.html
[13] https://www.abc.net.au/news/about/backstory/investigative-journalism/2019-06-08/federal-police-raid-abc-office-john-lyons-live-tweeting/11192898
[14] https://www.abc.net.au/news/2019-06-07/ita-buttrose-statement-in-full-on-afp-raids-on-abc/11189266
[15] https://www.zitis.bund.de/DE/Home/home_node.html
[16] https://uni-tuebingen.de/universitaet/aktuelles-und-publikationen/pressemitteilungen/newsfullview-pressemitteilungen/article/untersuchungskommission-stellt-wissenschaftliches-fehlverhalten-durch-tuebinger-hirnforscher-fest
[17] https://background.tagesspiegel.de/die-maer-von-social-bots
[18] https://www.heise.de/tp/article/Ein-Intermezzo-zur-Produktion-von-Wissen-in-den-Wissenschaften-4398982.html
[19] https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/als-gehirnkappe-gedankenlesen-locked-in-1.4401270
[20] http://www.ti.uni-tuebingen.de/Martin-Spueler.1087.0.html
[21] https://www.heise.de/hintergrund/Kommunizieren-mit-Gedanken-3616087.html
[22] https://www.sueddeutsche.de/wissen/niels-birbaumer-locked-in-syndrom-als-1.4478914
[23] https://www.heise.de/news/Goldene-Blogger-Preise-fuer-Journalist-Gutjahr-und-Bloggerin-Hingst-3953785.html
[24] https://ankegroener.de/blog/?p=31942
[25] https://www.sueddeutsche.de/kultur/marie-sophie-hingst-holocaust-bloggerin-1.4477558
[26] https://die-goldenen-blogger.de/?p=56811
[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Binjamin_Wilkomirski
[28] https://de.wikipedia.org/wiki/Misha_Defonseca
[29] https://lizaswelt.net/2010/10/05/deutsche-seelenwanderungen/
[30] https://www.jewiki.net/wiki/Diskussion
[31] http://www.dumont-buchverlag.de/autor/marie-sophie-hingst/
[32] https://www.pnn.de/potsdam/umstrittene-russlandbezuege-potsdamer-ex-politiker-wegen-russland-kontakten-in-kritik/24432004.html
[33] https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2019/06/kontraste-recherche-schindler-kritik-cybersicherheitsrat.html
[34] https://www.stiftung-nv.de/de/veranstaltung/cybersicherheitspolitik-deutschland-2019-gesellschaftliche-und-politische
[35] https://www.cyberscoop.com/state-department-proposes-new-20-8-million-cybersecurity-bureau/
[36] https://www.defenseone.com/ideas/2019/06/states-must-explain-when-cyber-attack-might-draw-violent-reprisal/157533/
[37] mailto:tiw@heise.de