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.dd-Ex = DDR: Die untergegangene Top-Level-Domain

Stefan Mey

Heute vor 24 Jahren wurde die DDR Geschichte. Auch die Top-Level-Domain des realsozialistischen Staates verschwand damit sang- und klanglos. Und eigentlich hatte sie nie richtig existiert. Eine Geschichtsstunde aus Zeiten des Kalten Krieges.

Mitte der 80er Jahre: Jon Postel, Internet-Pionier an einer kalifornischen UniversitĂ€t, trĂ€umt von einem lĂ€nderĂŒbergreifenden Kommunikationsnetz. Seine simple Idee: Mit Hilfe einer LĂ€nderliste der globalen Standardisierungs-Organisation ISO wollte er jedem Land eine eigene Internetendung verpassen. Das Management der jeweiligen Top-Level-Domains, heute großes Business und große Politik, ĂŒbertrug er im „Handshake“-Verfahren Leuten seines Vertrauens. So wurde im Jahr 1986 auch die Endung .de vergeben.

Auch die DDR stand mit dem KĂŒrzel .dd auf der ISO-Liste. Genutzt wurde sie allerdings nicht und noch nicht einmal von Jon Postel delegiert, sprich in die Liste aller Top-Level-Domains eingetragen.

Wolfgang KleinwÀchter auf einem Passbild aus den achtziger Jahren.

Wolfgang KleinwÀchter auf einem Passbild aus den achtziger Jahren.

Das Problem: es war Kalter Krieg. Die Eintragung neuer Top-Level-Domains in die sogenannte Root Zone musste (wie heute noch) vom US-Handelsministerium autorisiert werden. Und die Zusammenarbeit mit dem Ostblock war streng reglementiert. "Die Delegation von TLDs fĂŒr den damaligen Ostblock war eine politisch heikle Geschichte", erzĂ€hlt der Wissenschaftler Wolfgang KleinwĂ€chter, zur Zeit Direktor der Internetverwaltung ICANN [1] und damals Professor fĂŒr Internationale Kommunikationspolitik an der Uni Leipzig.

Klaus Fuchs-Kittowski, ein international gut vernetzter Informatikprofessor an der HU Berlin, hatte Ende '88 auf einem Kongress in den USA vom Domain Name System und dem Handshake-Verfahren Postels gehört und KleinwĂ€chter davon erzĂ€hlt: "Wir hatten diskutiert, wie man so etwas arrangieren könnte, um den 'Vertrauenshandschlag' zu bekommen – ohne dabei staatliche Behörden einzubeziehen."

KleinwĂ€chter beteiligte sich unter anderem am Runden Tisch fĂŒr eine neue Mediengesetzgebung, bevor die historische Entwicklung die PlĂ€ne einer reformierten DDR obsolet machte. "Mit der Wiedervereinigung war die TLD .dd dann endgĂŒltig Geschichte." Die DDR und damit auch das KĂŒrzel .dd wurden aus der ISO-Liste gelöscht. Das ging problemlos, weil .dd noch nicht delegiert war.

Dabei wurde, wie KleinwĂ€chter spĂ€ter recherchiert hat, .dd durchaus in der DDR genutzt, allerdings nur intern: "Das waren isolierte Netze der Rechenzentren von UniversitĂ€ten mit dem Namen .dd, die nur in Jena und Dresden, vielleicht auch in Rostock, intern genutzt wurden." Als dann die Intranets ins Deutsche Forschungsnetz ĂŒbergingen, war auch das passĂ©.

Im Jahr 2011 tauchte die .dd-TLD noch einmal kurz in der öffentlichen Diskussion auf. "Es gab in Dresden kurzzeitige Überlegungen, die Endungen .dd oder .dresden als Internetendung zu verwenden", erinnert sich Heike Großmann, stellvertretende Pressesprecherin der Dresdner OberbĂŒrgermeisterin. Allerdings, gibt KleinwĂ€chter zu bedenken, wĂ€re zumindest aus .dd eh nichts geworden, denn alle neuen TLDs mussten mindestens drei Zeichen haben. Zu einer ernsthaften Vorbereitung einer Bewerbung kam es ohnehin nicht. Die Stadt habe geschaut, ob es Investoren gibt, die die Bewerbung finanzieren wĂŒrden, erzĂ€hlt Hoffmann, es gab aber keine RĂŒckmeldung.

Mit anderen Worten: Anders als zu Zeiten des Kalten Krieges scheiterte eine TLD im Osten Deutschlands diesmal nicht an der Borniertheit in den politischen Blöcken, sondern am Geld. Der Eiserne Vorhang hatte vor 1989 auch das beginnende Internet getrennt, doch auch heute noch fĂ€llt eine digitale Grenze zwischen den beiden Teilen Deutschlands auf. Nimmt man Berlin als Sonderfall heraus, zeigt sich: Alle sieben deutschen TLDs [2] liegen in Westdeutschland. In NRW gibt es mit .nrw, .ruhr, .koeln und .cologne gleich vier Endungen, Ostdeutschland mit seinen fĂŒnf BundeslĂ€ndern hat keine einzige Geo-TLD.

Zusammen mit dem von ihm bereits 1989 gegrĂŒndeten Verein Medienstadt Leipzig [3] hatte KleinwĂ€chter im Jahr 2008 versucht, die Politik vor Ort von einer Art sĂ€chsischem TLD-Paket zu ĂŒberzeugen: .leipzig, .dresden und .sachsen. Als dann bekannt wurde, dass eine BewerbungsgebĂŒhr von 185.000 US-Dollar nötig ist, hat die Politik von dem Projekt Abstand genommen, und es fanden sich auch keine Privat-Initiativen. Bei der nĂ€chsten Runde will er jedoch einen zweiten Anlauf wagen und ein „mitteldeutsches Paket“ schnĂŒren: vielleicht fĂŒr je zwei StĂ€dte der drei mitteldeutschen BundeslĂ€nder eine eigene TLD beantragen, also neben .leipzig und .dresden auch beispielsweise .halle oder .erfurt.

Dann könnte der Eiserne Vorhang im Internet, erst bedingt durch die BeschrĂ€nkungen des Kalten Krieges, dann durch die subtileren BeschrĂ€nkungen der Ökonomie, tatsĂ€chlich endgĂŒltig Geschichte sein.

(jkj [4])


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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.heise.de/thema/ICANN
[2] https://www.heise.de/news/berlin-ruhr-Co-Nutzungskonzepte-fuer-neue-Top-Level-Domains-gesucht-2243239.html
[3] http://www.medienstadt-leipzig.org/
[4] mailto:jkj@ct.de