Klebefrei
Besser schneidern mit App und Beamer
Wer an Nähen denkt, dem fallen Dinge wie Schneiderkreide und Maßband ein. Moderne Näher ergänzen diese Hilfsmittel durch Augmented Reality, Vektorgrafikprogramm und Beamer.
Der Pullover ist zu kurz, aber die Ärmel zu lang? Wie wäre es dann mit selbst schneidern? Selbst Anfänger nähen mit ein wenig Geschick ihre ersten eigenen Kleidungsstücke – und setzen dabei auf allerlei technische Hilfsmittel wie Augmented-Reality-App und Beamer. Schnell einreißendes Schnittmusterpapier gehört damit der Vergangenheit an. Aufrüsten kann man später immer noch, beispielsweise auf eine computergesteuerte Nähmaschine. Solche Geräte unterstützen einen mit verschiedenen voreingestellten Nähprogrammen, die sich je nach Modell an eigene Vorlieben anpassen lassen. Mitunter kann man auch dekorative Nähstiche, mit denen man zum Beispiel Pulloversäume absteppt, so miteinander kombinieren, dass echte Unikate entstehen.
Viele Schnittmuster gibt es als E-Books, die zusätzlich zum Schnitt eine bebilderte Anleitung mitbringen. So lassen sich auch knifflige Schritte problemlos nachvollziehen. Das Schnittmuster verteilt sich auf diverse DIN-A4-Seiten, die Sie zunächst drucken und dann aneinanderkleben müssen. Zusammengesetzt entspricht das Format solcher Bögen häufig einem DIN-A0-Format. Wir zeigen Ihnen drei Wege, wie Sie einfacher zum fertigen Schnittmuster und damit zu Ihrem Kleidungsstück kommen. Die kostenlose Smartphone-App Pattarina (Android/iOS) kommt ganz ohne Drucken aus, eignet sich jedoch nicht für jeden Schnitt. Mit dem kostenlosen Desktop-Programm Inkscape (macOS, Linux, Windows) erstellen Sie aus den vielen A4-Seiten eines E-Books eine einzige plottbare PDF-Datei im A0-Format. Alternativ lässt sich diese Datei auch mit einem Beamer auf den Stoff projizieren.
Für den Anfang benötigen Sie übrigens auch keine große Ausstattung: Nähmaschine, Stoffschere, Markierstift, Schnittmuster und ein paar Stecknadeln oder Stoffklammern reichen völlig, dazu den gewünschten Stoff samt passendem Nähgarn. Etwas komfortabler funktioniert es mit einer speziellen Schneidunterlage und einem Rollschneider für Stoff.
Augmented Reality statt Schnittmusterpapier
Pattarina funktioniert mit Android und iOS und nutzt Augmented Reality (AR), um die Schnittlinien auf Ihrem Smartphone anzuzeigen, die Sie mit einem Markierstift auf den Stoff übertragen. Wie das im Detail funktioniert, erklären wir im nächsten Schritt. Diese Methode eignet sich vor allem für Kinderbekleidung oder kleinere Accessoires. Bei größeren Teilen schleichen sich schnell zu große Ungenauigkeiten ein, sodass das fertig genähte Kleidungsstück aus der Form gerät.
Die App bringt drei kostenlose Schnitte mit, sodass Sie direkt loslegen können. Weitere finden Sie über die integrierte Suche. Für unser Beispiel haben wir die kostenlose Pumphose für Kinder gewählt. Im Bereich „Beschreibung“ erfahren Sie wie bei konventionellen Schnittmustern, welche Materialien sich für die Hose eignen und wie viel Sie für die jeweilige Kleidungsgröße besorgen müssen.
Die Hose besteht aus Rückteil, Vorderteil, Saumbündchen und Bund. Bis auf den Bund soll man laut App jedes Teil zweimal gegengleich zuschneiden. Eine Nahtzugabe von 1 Zentimeter ist bereits enthalten. Wenn Sie mit einer anderen Nahtzugabe arbeiten wollen, müssten Sie dies im Zuschnitt berücksichtigen, App-seitig verändern lässt sich diese Vorgabe nicht. Die bebilderte Nähanleitung enthält viele für Anfänger nützliche Tipps, beispielsweise dass Sie dehnbare Stoffe am besten mit einem Zickzackstich der Nähmaschine nähen.
Smartphone im Blick
Bevor Sie das erste Schnittteil auf den Stoff übertragen können, benötigen Sie einen AR-Tracker, in der App als „Anker“ bezeichnet. Diesen erhalten Sie kostenlos als Druckdatei auf der Pattarina-Website. Dabei handelt es sich um ein gemustertes Quadrat mit 15 Zentimeter Kantenlänge, das die App als Referenz benötigt, um die Schnittmuster richtig anzeigen zu können. Den ausgedruckten und zugeschnittenen AR-Tracker legen Sie auf den glatt ausgebreiteten Stoff, und zwar so, dass der aufgedruckte Pfeil in Richtung des Fadenlaufs liegt. Das bedeutet im Falle von Jersey, dass der Fadenlauf in der Richtung verläuft, in der Sie den Stoff schlechter dehnen können.
Wählen Sie in der App das Rückteil aus und bewegen Sie das Telefon so, dass die Kamera den Tracker erfassen kann. Das Schnittteil erscheint auf dem Smartphone. Nun können Sie noch die exakte Position bestimmen, indem Sie den Tracker auf dem Stoff hin- und herschieben, beispielsweise um das Rückteil näher an die Stoffränder zu bringen, um weniger Verschnitt zu produzieren. Falls die Linien einmal vom Smartphone verschwinden sollten, fangen Sie einfach den Tracker wieder mit der Kamera ein.
Zeichnen Sie nun mit einem Stoffmarkierstift entlang der angezeigten Linie einzelne Punkte oder kleine Striche auf den Stoff. Ihre Hand und die Position des Stiftes sehen Sie auf dem Smartphone-Display. Das klappt nach kurzer Gewöhnung recht gut. Arbeiten Sie so sorgfältig wie möglich! Abweichungen sollten im Millimeter- statt im Zentimeterbereich bleiben. In der Standardeinstellung ist die Linienfarbe des Schnittteils Schwarz und damit auf dunklen Stoffen schlecht zu erkennen. Wenn Sie unten rechts auf das Farbtropfensymbol klicken, können Sie die Farbe in Pink, Gelb, Hellgrün oder Hellblau ändern.
Sie können sich mit dem Smartphone in der Hand auch um den Tisch oder Stoff herumbewegen, solange die Kamera den Tracker oder zumindest Teile davon erfasst. Der Tracker selbst muss jedoch auf jeden Fall an ein und derselben Stelle bleiben, während Sie die Linien übertragen. Nachdem Sie alle Teile aufgezeichnet und ausgeschnitten haben, folgen Sie den Nähanweisungen in der beigefügten Anleitung, um die Hose zu nähen.
Der Vorteil gegenüber Papierschnittmustern ist, dass die App nur das gerade benötigte Schnittmuster in genau der Größe anzeigt, die man benötigt. Allerdings funktioniert das Smartphoneschneidern vor allem mit kleineren Schnittmustern, und zwar nicht nur wegen der bereits erwähnten Abweichungen bei größeren Schnitten. Irgendwann reicht die Armlänge nicht mehr aus, um das Smartphone im Blick zu behalten und gleichzeitig mit dem Stift auf dem Stoff zu zeichnen.
Drucken im Großformat
Für größere Kleidergrößen sollten Sie besser zum E-Book greifen. Anstatt nun aber unzählige Seiten zu drucken, bei denen Sie die Druckränder wegschneiden und die Blätter dann aneinanderkleben, können Sie die Seiten digital zusammenpuzzeln. Dazu können Sie etwa den kostenlosen Vektorgrafikeditor Inkscape benutzen, den es für Windows, Linux und macOS gibt (siehe ct.de/yvwa). Wie das funktioniert, erklären wir gleich.
Das Ergebnis lassen Sie auf einem speziellen Großformatdrucker, auch Plotter genannt, im DIN-A0-Format drucken, sodass Sie einen einzigen großen Schnittmusterbogen erhalten, ganz ohne lästige Klebekanten. Farbdrucke sind zwar teurer, insbesondere für Anfänger aber deutlich übersichtlicher, da jede Größe in einer eigenen Farbe dargestellt ist. In einigen Schnittmustern können Sie die einzelnen Größen anhand unterschiedlicher Linienstile erkennen, sodass unter Umständen auch ein einfarbiger Druck ausreicht.
Fragen Sie im örtlichen Copyshop nach, ob ein entsprechender Druck möglich ist. Eine DIN-A0-Seite kostet dort ab 5 Euro (schwarz) beziehungsweise 10 Euro (farbig). Für einen Großformatdrucker, der auch A0-Formate bewältigt, müssen Sie 2000 Euro und mehr einkalkulieren – nur für Schnittmuster keine lohnende Ausgabe. Alternativ vergeben Sie den Auftrag bequem an einen speziellen Dienst wie „Die Plotterei“ oder „Best Plot“. Hier kostet die Seite nur etwa 1,50 Euro (schwarz) beziehungsweise 4 Euro (farbig). Allerdings kommen noch die Versandkosten obendrauf.
Von A4 zu A0 in Inkscape
Nachdem Sie Inkscape installiert und geöffnet haben, richten Sie als Erstes im Menü über Datei/Dokumenteinstellungen/Seitengröße/A0 eine Arbeitsfläche im A0-Format ein. Das Fenster können Sie anschließend schließen, einen Speichern- oder Anwenden-Button gibt es nicht. Auf dieser vorbereiteten Arbeitsfläche können Sie nun zu puzzeln beginnen.
Falls das Schnittmuster nur wenige Seiten umfasst, importieren Sie es seitenweise über Datei/Importieren oder Strg+I. Bei umfangreicheren Mustern gerät das zur Fleißaufgabe. Abhilfe schafft das kostenlose Programm PDF24 (Desktop-Version: Windows/Online-Version: aktueller Webbrowser, siehe ct.de/yvwa), das die Möglichkeit bietet, mehrseitige PDF-Dateien in Einzelseiten zu zerlegen. Markieren Sie alle Dateien und ziehen Sie diese aus dem Windows-Explorer auf den Arbeitsbereich in Inkscape. Das aktiviert den Import-Befehl, den Sie zwar immer noch für jede Seite einzeln mit „OK“ bestätigen müssen. Insgesamt geht das Ganze so aber deutlich komfortabler und schneller.
Die einzelnen A4-Blätter liegen nun wie Kraut und Rüben auf der Inkscape-Arbeitsfläche verteilt. Daher gilt es, hier zunächst Ordnung hineinzubringen. Diese Vorarbeit können Sie das Programm übernehmen lassen. Markieren Sie alle Seiten mit Strg+A und wählen Sie im Menü Objekt/Anordnen. Wie viele Zeilen und Spalten Sie benötigen, entnehmen Sie dem Übersichtsplan, den eigentlich jedes Schnittmuster mitbringt. Fürs Erste geben Sie einen Abstand von je 30 Pixel zwischen den einzelnen Blättern vor, sodass Sie die jeweiligen Seiten leichter erkennen.
Weil Inkscape das nicht automatisch übernimmt, müssen Sie die Seiten jetzt noch im so entstandenen Raster in die richtige Reihenfolge bringen. Die „Einrasten-Funktion“ des Programms unterstützt Sie dabei, die Seiten passgenau anzufügen: Mit gedrückter Maustaste aneinanderschieben, bis ein rotes X sowie die Meldung „Spitzer Knoten an spitzer Knoten“ erscheinen, Maus loslassen – schon rastet eine Seite an der anderen ein. Das geht bereits nach kurzer Zeit flüssig von der Hand, sodass Sie Ihr Schnittmuster schnell zusammengepuzzelt haben. Zum Schluss können Sie es als PDF-Datei speichern und an einen Druckdienstleister übermitteln.
Problemfälle meistern
Einige Schnittmuster haben Klebekanten eingezeichnet und die Schnittteile liegen aus Platzspargründen gedreht auf den Druckseiten. Richten Sie zunächst zusammengehörige Elemente zueinander passend aus. Zur besseren Orientierung können Sie Hilfslinien einfügen: Klicken Sie auf eines der seitlichen Lineale und ziehen Sie mit gedrückter Maustaste eine Hilfslinie aus dem Lineal auf die Arbeitsfläche. Ein Doppelklick auf das zu drehende Schnittteil aktiviert den „Drehen-Modus“. Schieben Sie das Objekt so zurecht, dass es sich später an das andere Teilstück anpuzzeln lässt. Noch stört die Klebekante, die das andere Teilstück überlappen würde, wenn Sie beide zusammenschieben. Um diese zu entfernen, ziehen Sie ein Rechteck über dem Schnittteil auf, das die Klebekante jedoch ausspart. Markieren Sie das gesamte Objekt und das soeben erstellte Rechteck und wählen Sie im Menü „Objekt/Ausschneidepfad setzen“. Die Kante verschwindet und Sie können die beiden Teile zusammensetzen sowie das Projekt als PDF speichern.
Schnittmuster projizieren
Wenn Sie Ihre A0-Vorlage nicht ausdrucken lassen wollen, können Sie sie auch mit einem Beamer auf den Stoff projizieren. Dann entfällt auch noch der Schritt, die benötigte Kleidergröße vom großen Druckbogen abzupausen.
Der Beamer sollte unter der Zimmerdecke hängen und auf den Tisch gerichtet sein, auf dem Sie den Stoff zuschneiden. Bezüglich der Halterung müssen Sie ein wenig kreativ werden, da gängige Halterungen die Geräte für eine vertikale Projektion an eine Wand ausrichten. Wichtig ist zudem der Abstand zwischen Linse und Tisch oder Boden. Ein Mini-Beamer sollte in fast allen Fällen gut funktionieren. Diese gibt es neu bereits für unter 100 Euro, zum Beispiel den Leisure 430 von Vankyo für rund 90 Euro. Noch komfortabler wird es mit einem Ultrakurzdistanz-Beamer. Diese Geräte kann man mitunter senkrecht auf den Tisch stellen. So benötigt der Epson EB-485WI nur 40 Zentimeter Abstand, um eine Bilddiagonale von 60 Zoll zu erreichen. Allerdings sind solche Geräte deutlich teurer. Gebrauchte Exemplare gibt es bei eBay ab 300 Euro.
Damit der Beamer das Schnittmuster unverzerrt und in der richtigen Größe darstellt, müssen Sie das Gerät zunächst kalibrieren. Dazu projizieren Sie ein im PDF-Betrachter geöffnetes Raster mit verschieden großen Rechtecken auf Ihren Tisch oder Boden. Ein solches finden Sie in unserer Beispieldatei – sogar mit einzelnen Ebenen. So können Sie nicht benötigte Rechtecke ausblenden (download unter ct.de/yvwa).
Verändern Sie so lange die Einstellungen am Beamer beziehungsweise den Zoomfaktor im PDF-Betrachter, bis alle projizierten Linien stimmen. Sollten Sie eine Zuschneidematte aus dem Nähbedarf besitzen, können Sie die dort eingezeichneten Linien zur Kontrolle verwenden. Andernfalls messen Sie einfach nach. Die meisten Schnittmuster enthalten ein Kontrollquadrat. Vor jedem Zuschnitt sollten Sie kontrollieren, dass die Projektion die richtige Größe anzeigt.
Diese Lösung bietet sich vor allem dann an, wenn man das Equipment dauerhaft aufgebaut lassen kann. Damit erspart man sich nicht nur die Kleberei der Schnittmuster, sondern auch das wiederholte Kalibrieren des Beamers.
Ebenen in Inkscape
Sollten Sie Gefallen daran gefunden haben, Ihre Schnittmuster ins beamertaugliche A0-Format zu bringen, können Sie noch einen Schritt weiter gehen: Legen Sie jede Größe auf eine eigene Ebene, indem Sie die Linien mit dem Zeichenwerkzeug nachzeichnen und jeder Größe eine eigene Ebene zuweisen. Allerdings kann Inkscape keine PDF-Dateien mit Ebene abspeichern. Das gelingt jedoch mit dem kostenlosen Seitenlayoutprogramm Scribus (macOS/Linux/Windows, siehe ct.de/yvwa). Um vernünftig mit Ebenen arbeiten zu können, benötigen Sie mindestens die Beta-Version 1.5.x.
Zunächst speichern Sie Ihr mit Ebenen versehenes Schnittmuster als SVG-Datei und öffnen diese anschließend in Scribus. Falls Ihnen noch Fehler auffallen sollten, wechseln Sie zurück zu Inkscape und bearbeiten die Datei dort erneut. Wenn alles passt, dann können Sie die Datei als PDF exportieren. Im Speichern-Dialog wählen Sie „PDF 1.5 (Acrobat 6)“ und „Ebenen exportieren“ aus. Solche Ebenenspielereien eignen sich auch hervorragend, wenn Ihre Maße zwischen zwei Kleidungsgrößen liegen. Dann können Sie genau diese beiden im PDF-Betrachter einblenden und so spielend leicht Anpassungen an Ihre eigene Körperform vornehmen.
Digitales Nähreich
Mit unseren Tipps schneidern Sie effizienter. Für kleinere Schnittmuster greifen Sie zum Smartphone, größere Muster bringen Sie am PC ins A0-Format und wenn Sie den vollen Komfort wünschen, setzen Sie einen Beamer ein.
Falls Sie mit dem gedruckten A0-Bogen arbeiten wollen, schauen Sie im Keller nach. Vielleicht finden Sie noch festere Malerplane vom letzten Renovieren. Diese eignet sich zusammen mit einem wasserfesten Stift hervorragend als reißfeste Alternative zum dünnen Schnittmusterkopierpapier, mit dem Sie die jeweils benötigte Größe vom Bogen übertragen. Die beiden papierlosen Varianten bringen die größte Ordnung und Platzersparnis. Nutzen Sie diese zum Beispiel für Ihr eigenes kleines Stofflager. (abr@ct.de)
Links zur verwendeten Software und Beamer-Kalibrierungsdatei: ct.de/yvwa