Ernüchternder Blick
Streckenweise menschenfeindliche Arbeitsbedingungen und mobbingträchtige Unternehmensführungen kratzen am Ruf des Silicon Valley. Das reportagehafte Erfahrungsprotokoll von Anna Wiener lenkt den Blick dorthin, wo es weh tut.
Die US-Journalistin Anna Wiener musste in ihrer kurzen IT-Karriere einiges darüber lernen, wie schwer es gerade Frauen haben, im vermeintlichen Innovationsparadies Kaliforniens Fuß zu fassen. Ende der 2000er-Jahre kehrte die damalige Mittzwanzigerin ihrer New Yorker Schreiberszene den Rücken. Aus einer Laune heraus bewarb sie sich auf eine Supportstelle bei einem IT-Start-up in San Francisco. Das war der Anfang einer kurzen, aber turbulenten Quereinsteigerkarriere, in deren Verlauf die Autorin mehrere Unternehmen und deren Kultur kennenlernte.
Sie erlebte eine Welt, in der Risikokapitalgeber sich in aller Öffentlichkeit wie kleine Kinder aufführen. Heillos überlastete Jungunternehmer eifern fragwürdigen Vorbildern nach und beuten eine ganze Generation aus. Frauen halten dafür her, Diversitätsquoten zu erfüllen, dienen aber oft genug eher dekorativen Zwecken.
Als fachfremde Quereinsteigerin erwartete die Autorin nicht, mit den Überfliegern um sich herum konkurrieren zu können. Die allgegenwärtige Geringschätzung verwandelte ihre tägliche Arbeit aber zusätzlich in einen emotionalen Spießrutenlauf. Sie erlebte Egomanie und Selbstherrlichkeit in den Chefetagen. Die vorherrschende Struktur, so ihre Erfahrung, macht den beruflichen Aufstieg in den Teams, die sich gern mit den Attributen „jung“ und „engagiert“ schmücken, vielfach zu einem Glücksspiel.
In ihrem ersten Buch beschreibt Anna Wiener ihre Beobachtungen mit viel Witz und mit einem scharfen Auge fürs Detail. Es gelingt ihr, Akteure plastisch darzustellen, obwohl sie sie auf nur wenige Charakterzüge reduziert. Personen und Unternehmen nennt sie nie beim Namen, aber es ist ziemlich klar, wer gemeint ist.
Sie beschränkt sich nicht auf Erfahrungen am Arbeitsplatz. Wenn es etwa um Drogentrips geht oder um die sozialen Abgründe im Silicon Valley, wird sie sehr konkret. Bisweilen gibt sie in autobiografischen Abschnitten tiefere Einblicke, als es Sachbuchlesern lieb sein kann. Das alles münzt sie sehr sprachgewandt in eine deutliche und lesenswerte Kapitalismuskritik um.
Das Buch zielt nicht auf IT-Insider, kann aber dazu beitragen, Illusionen vom gelobten Start-up-Land auch in ihren Köpfen infrage zu stellen. (Maik Schmidt/psz@ct.de)