MIT Technology Review 1/2021
S. 46
Horizonte
Künstliche Intelligenz

Das neue Bild des Alten

Software wandelt historische Fotos und Filme in gestochen scharfe Bilder und ruckelfreie Videos. Bringt uns das die Geschichte wirklich näher?

Von Wolfgang Stieler

General Sherman hält seine rechte Hand unter die Jacke wie Napoleon. Der Mann, der wegen seiner Strategie der verbrannten Erde im Amerikanischen Bürgerkrieg genauso berühmt wie berüchtigt war, gibt den harten Eroberer – der rötliche Bart, der schon etwas grau wird, ist sorgfältig gestutzt, die tiefbraunen Augen blicken finster Richtung Horizont. Das Foto, um 1860 entstanden, wirkt geradezu beängstigend lebensecht, denn die brasilianische Grafikerin Marina Amaral hat ihm mit digitalen Mitteln Farbe und damit neues Leben eingehaucht.

Kinder liefern Gemüse, das auf einem Markt in Boston verkauft werden soll. Das von DeOldify restaurierte und nachkolorierte Bild wirkt in Farbe nahezu idyllisch. Tatsächlich wurde es zwischen 1908 und 1912 von dem amerikanischen Soziologen Lewis Hine verdeckt aufgenommen, um das Aus-maß der Kinderarbeit in den USA zu dokumentieren und den Kongress zu einem Gesetz gegen Kinder­arbeit zu bewegen.
Fotos: DeOldify

Amaral ist einer der Stars in der Gruppe Living History auf der Online-Plattform Reddit. Profis wie sie, aber auch engagierte Amateure posten dort seit Jahren liebevoll am Computer restaurierte und kolorierte historische Fotos. Doch rapide Fortschritte beim maschinellen Lernen könnten diese Arbeiten schon bald in den Schatten stellen: Unternehmen wie DeOldify oder neural.love verwenden neuronale Netze, um nicht nur Fotos, sondern auch historische Filme von Kratzern, Flackern und Wackeln zu bereinigen, sie auf bis zu 60 Bilder pro Sekunde und 4K-Auflösung hochzurechnen und vollautomatisch nachzukolorieren.