"Telepolis stärker zu einem Referenzmedium entwickeln"

Neuer Chefredakteur von Telepolis: Harald Neuber

Harald Neuber über die Rolle dieses Magazins in der deutschen Presselandschaft, Gefahren der Cancel Culture für den Journalismus und neue Projekte der Redaktion

Harald, Du trittst heute die Nachfolge von Florian Rötzer als Chefredakteur von Telepolis an. Erzähl doch mal, wer bist Du und was hast Du vor Telepolis getan?

Harald Neuber: Also, zunächst verbindet mich mit Telepolis und dem Heise-Verlag eine langjährige Zusammenarbeit. Telepolis war eines der ersten Medien, für das ich geschrieben habe, seit dem Millenniumsgipfel der UNO im Jahr 2000.

Wie ist Deine journalistische Karriere verlaufen?

Harald Neuber: Wie oft, zunächst über die Jugend- und Lokalpresse. Als ich 1998 nach Berlin gekommen bin, habe ich bei der Tageszeitung junge Welt gearbeitet; zunächst als freier Mitarbeiter, dann als Redakteur. Bei einer Tageszeitung zu arbeiten, war eine gute Schule, ich zehre heute noch davon, was mir die strengen Lektorinnen eingebläut haben.

Über die Jahre habe ich für viele Redaktionen gearbeitet, etwa das Deutsche Ärzteblatt, die Jüdische Allgemeine, die Wochenzeitung Freitag, die Gewerkschaftszeitung Publik.

Und für eine kubanische Nachrichtenagentur. Wie kam es denn dazu?

Harald Neuber: Ich habe ja keine klassische journalistische Ausbildung absolviert. Ich bin Regionalwissenschaftler für Lateinamerika, habe mich also mit Literatur, Soziologie und Politologie befasst; und ich habe an der FU Berlin ein ganz konventionelles Studium der Archäologie hinter mir.

Im Zuge dieses Studiums habe ich mich früh auf Kuba spezialisiert. Die Geschichte des Landes und die politische Aktualität hat mich schon früh fasziniert …

Journalisten im sozialistischen Kuba haben einen schweren Stand. Wie bist Du damit umgegangen?

Harald Neuber: Ich habe als Korrespondent der Nachrichtenagentur Prensa Latina vor allem von Berlin aus über Deutschland berichtet. Das war klassischer Nachrichtenjournalismus, vielleicht mit einem stärkeren Fokus auf soziale Themen. Mit den durchaus bestehenden Konflikten um das Verhältnis zwischen Staat und Presse bin ich nur mittelbar in Kontakt gekommen, da hat sich in den letzten Jahren aber auch viel bewegt.

Reizvoll an Prensa Latina fand ich die Geschichte: Die Agentur wurde nach der Kubanischen Revolution auf Initiative von Ernesto Che Guevara gegründet und von dem argentinischen Journalisten Jorge Ricardo Masetti geleitet. Später haben der kolumbianische Romanautor und Nobelpreisträger Gabriel García Márquez, Jean-Paul Sartre und Charles Wright Mills für PL geschrieben. Nicht das schlechteste Umfeld, wie ich finde.

Bei Telepolis sind 1.340 Beiträge von Dir erschienen. Der erste Artikel - zumindest der Erste, den ich gefunden habe - stammt vom 8. September 2000. Wie bist Du zu Telepolis gekommen?

Harald Neuber: Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht mehr so genau. Wahrscheinlich bin ich im Netz auf Telepolis gestoßen. Was ich weiß, ist, dass ich die Mischung aus politischen und wissenschaftlichen Beiträgen von Anfang an spannend fand. Außerdem hat Telepolis schon immer einen Schwerpunkt auf Meinungsjournalismus gehabt, also klar Position bezogen.

Nochmal nachschauen, wie Telepolis das sieht

Und das macht Telepolis für Dich aus? Worin siehst Du die Alleinstellungsmerkmale?

Harald Neuber: Telepolis sieht sich selber und wird aber auch von außen als alternatives Medium gesehen. Das heißt, dass wir zum Beispiel nicht mit Agenturmaterial arbeiten, sondern eigene Akzente setzen. Florian Rötzer, der Telepolis ja seit der Gründung 1996 maßgeblich geprägt hat, nannte das immer "Autorenjournalismus". Florian hat auf diese Weise – gemeinsam mit der Redaktion und den Autorinnen und Autoren – ein für die deutsche Presselandschaft einzigartiges Medium geschaffen, das es nun weiter zu entwickeln gilt.

Die Redaktion hat schon immer einen ganz eigenen Blick auf geopolitische Themen, Freiheitsrechte und das politische Geschehen gehabt. Es ist doch immer langweilig, wenn man das schreibt, was alle berichten. Wenn die Leserinnen und Leser nach der Lektüre, sagen wir mal, etablierter Medien sagen: "Und jetzt schaue ich noch einmal, wie Telepolis das sieht", dann haben wir unser Ziel ein Stück weit erreicht.

Im Gespräch mit Harald Neuber: Dr. Volker Zota ist Chefredakteur von heise online

Und wie möchtest Du Telepolis ausbauen?

Harald Neuber: Telepolis soll sich stärker zu einem Referenzmedium entwickeln, indem wir eigene Inhalte recherchieren und präsentieren. Das Brand Telepolis soll stärker als bisher nach außen vertreten und zentrale Inhalte akzentuiert werden.

Ich war die letzten sieben Jahren im Bundestag tätig und dort vor allem mit dem parlamentarischen Fragewesen und parlamentarischen Initiativen befasst; diese Erfahrung bringe ich mit. In dieser Zeit habe ich erlebt, wie wichtig der Einsatz für Transparenz im Regierungshandeln ist. Ich freue mich, diese Arbeit nun wieder journalistisch fortzuführen.

Telepolis bleibt ein reines Online-Magazin?

Harald Neuber: Ja, wir möchten aber auch mit einem Podcast in den Markt einsteigen und die Berichterstattung stärker auf das Geschehen im politischen Berlin orientieren. Nicht zuletzt geht es darum, Telepolis auf- und auszubauen. Wir werden noch mehr überzeugende Inhalte anbieten, für die die Leserinnen und Leser auch bereit sind, etwas zu bezahlen. Angesichts der Fülle von Junk- und Fake-News im Netz, setzten wir auf eine wichtige Erkenntnis: Guter Journalismus kostet etwas, nämlich Zeit, Mühe, Geduld - und Geld.

Welche Herausforderungen siehst Du für eine kontroverse Berichterstattung, etwa zur Corona-Pandemie?

Harald Neuber: Das ist in der Tat ein ganz schwieriges Thema, das mich unmittelbar in Beschlag genommen hat. Telepolis - und da bin ich mir mit den Kolleginnen und den Kollegen in der Redaktion sowie dem Verlag einig - ist kein politisch einseitiges, sondern ein pluralistisches Medium. Natürlich haben auch wir Grenzen: Rassismus, Sexismus und jede Art von menschenverachtendem Gedankengut haben bei uns keinen Platz.

Bei der Corona-Berichterstattung hilft uns das aber nicht viel. Dadurch, dass wir viel entschiedener als andere Medien verschiedene und auch dissidente Meinungen zu Wort kommen gelassen haben, wurden und werden wir heftig kritisiert. Beachtlich dabei, wenn das bewusste Ausbrechen aus Meinungskorridoren inzwischen als "Verschwörungstheorie" abgetan und dem entsprechenden Medium damit die Diskursberechtigung aberkannt wird.

Gefahren der diskursiven Verengung

Inwiefern?

Harald Neuber: Es gab da mal einen entsprechenden Aufsatz eines Akademikers aus Süddeutschland, den man durchaus kritisch diskutieren könnte. Wir merken das vor allem aber im Forum, das bei Telepolis traditionell offen gehandhabt wird. Bei Beiträgen von Kritikern der Corona-Politik mehren sich Postings, die Autor oder Redaktion mitunter persönlich und aggressiv angehen. Beachtlich ist, dass Inhalte dabei immer weniger eine Rolle spielen.

Ich halte diese diskursive Verengung wirklich für besorgniserregend. Das betrifft ja nicht nur uns als Medium, sondern auch Wissenschaftler, die den teilweise kritikwürdigen Kurs von Bund und Ländern in dieser Notlage beanstanden. Da wirkt die Cancel Culture in ihrer schlimmsten Form. Nur wird uns das nicht von unserer Redaktionslinie abbringen, weder nach rechts noch nach links.

Der Umgang mit dem Forum wird uns sicherlich weiter intensiv beschäftigen. Wir werden die Gratwanderung bewältigen müssen zwischen einer offenen Debatte und der Abwehr gezielter und mitunter offenbar organisierter Versuche, das Forum für eigene Zwecke zu kapern.

Welche Erwartungen hast Du an Berichterstattung, die die heutigen komplexen gesellschaftlichen Prozesse abbilden soll?

Harald Neuber: Wenn wir beim Beispiel der aktuellen Pandemie bleiben, so muss ein professionelles Medium aufgeschlossen auf die Entwicklung und die Themen schauen. Unsere Aufgabe als Journalisten ist es, die politischen Entscheidungsträger, wenn nötig, zu korrigieren. Diese Aufgabe ist in der deutschen Presselandschaft durch verschiedene Mechanismen zu oft ins Hintertreffen geraten. Die Rolle des Heise-Verlags, der mit Telepolis über so viele Jahre hinweg ein wirklich unabhängiges Medium unterhalten hat, ist nicht genug wertzuschätzen.

Wo siehst Du die Zukunft von Telepolis?

Harald Neuber: Zunächst in der Gegenwart: in einem Online-Magazin, das auf einzigartige Weise hintergründigen politischen Journalismus mit Wissenschaftsjournalismus verbindet. Und das dem Essay im Genre-Mix eine vorrangige Rolle zugesteht.

Das Thema Nachhaltigkeit wird sicherlich eine wichtigere Rolle spielen, Umwelt- und Klima-Politik sowie die damit zusammenhängenden Fragen gesellschaftlicher Freiheit und Gerechtigkeit. Diese Fragen wird Telepolis wie bisher von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten und damit, wie ich hoffe, weiter anecken.