Verriss des Monats: Die kosmische Spießer-Maschine

Paradox: Ein Gerät, das uns hinausschicken will in die unendlichen Weiten des Weltraums - und uns zugleich ganz kleinbürgerlich beschränkt.

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Von
  • Peter Glaser

Paradox: Ein Gerät, das uns hinausschicken will in die unendlichen Weiten des Weltraums – und uns zugleich ganz kleinbürgerlich beschränkt.

Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: Den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.

Was tut man, wenn man ein kleines, hintergrundbeleuchtetes LC-Display hat, ein relativ langweiliges 16-Knopf-Keyboard, einen PIC16F877A-Mikrocontroller und ein paar ältere Kleinteile? Man baut eine Uhr für extraterrestrische Reisende. Diejenigen unter den Lesern, die gerade einen Ausflug zu anderen Planeten planen, wird ein Blick auf Alexander Avtanskis wohldokumentiertes "Mars Clock"-Projekt zweifellos interessieren.

Schaltplan, Konstruktionsanleitung, Quellcode und Betriebshinweise sind sorgfältig auf Avtanskis Website ausgebreitet. Man erfährt, wie man die Uhr beispielsweise auf die Zeit auf dem Mars oder auf dem Mond stellt. Man kann die Timer vorwärts und rückwärts laufenlassen und bestimmte Sounds oder Aktionen konfigurieren, und neben verschiedenen planetaren Uhrzeiten kann man mit Siderischer Zeit, den Mondphasen oder den Durchgangsphasen des Großen Roten Flecks auf dem Jupiter arbeiten. Das Ganze geht sogar ohne externen Computer. Man kann das Ding auch als Küchenuhr verwenden ("Ich bin sicher, ihr findet selber heraus, wie man dafür die Zeit einstellt").

Die Uhr zeigt die Zeit auf beliebigen Planeten auf der Basis ihrer Umlaufzeit an. Auch wenn man beispielsweise ein Wettrennen auf dem Mars plant, hilft das vorausschauend konstruierte Gerät, da es über 16 voneinander unabhängige Timer verfügt. Es steht, mit Avtanskis Worten: "ganz oben auf der Geekness-Skala". Mal sehen.

Da das Gerät in einem Modem-Gehäuse untergebracht ist, hat es gewissermaßen einen Anhauch von Zeitreise – a sentimental journey. Der Inhaber dieses Multi-Chronometers weiß je nach Bedarf die Zeit auf dem Merkur, dem Mars, dem Jupiter oder beyond. Man kann auch Weckzeiten für verschiedene Planeten einstellen – sieben Uhr früh, Saturn, raus zum Wolkenordnen!

Leider will sich bei der Vorstellung, sogar auf dem Saturn früh raus zu müssen, das eingangs erwähnte, nette Zeitreisegefühl nicht mehr weiter einstellen. Es ist auf eine merkwürdige Art nicht cool, Phänomene wie Weckappelle, Bürozeiten und so weiter noch bis in interplanetare Fernen nachgetragen zu bekommen. Die Planetenuhr ist bei weitem nicht so aufregend wie alte Chemiekästen oder drehbare Sternenkarten mit phosphorenzierenden Punkten, die im Dunklen grünlich leuchteten.

Warum man eine solche Uhr haben oder nachbauen sollte, ist unklar. Als geekiges Gadget macht sie einfach nicht genug her, vor allem ist sie nicht unsinnig genug. Wenn ein einigermaßen erwachsener Mensch eine Diskettenstation dazu veranlasst, dem modulierten Summen des Zeilentrafos und dem rhythmischen Klackern des Schrittmotors ganze Musikstücke zu entlocken, dann ist das auf jene virtuose Weise komisch, die man einen guten Hack nennt.

Wenn einem jemand in der interessanten, eskapistischen Welt der Science Fiction, in der doch ein gewisser Wert auf möglichst unbeschränkte oder kühne Fantasie gelegt wird, plötzlich mit Ordnung und Pünktlichkeit ankommt, oder jedenfalls mit einer Maschine, die nichts anderes produziert als das, dann ist das, finde ich, spießig. Die Uhr für extraterrestrische Uhrzeiten erinnert auch ein bisschen an die angeberische Werbung für Armbanduhren, die auch in vielen Hundert Metern Meerestiefe noch wasserdicht bleiben.

Man muss vielleicht noch hinzufügen, dass einige der klassischen Science Fiction-Environments wie etwa Star Trek oder Perry Rhodan ihrerseits ziemlich spießig sind mit ihren stets staubgesaugten Raumschiffen und Lebewesen, die zum Teil vor Anständigkeit kaum noch laufen können. Dort sehe ich die sonderbare interplanetarische Uhr noch am ehesten zur Einrichtung passend.

Für Menschen, die nicht wollen, dass sich die subtile Form der Versklavung durch die Rhythmen der Uhr, die das Zeitalter der Industrialisierung mit sich gebracht hat, nun auch noch hinaus in die freie Unendlichkeit exportiert werden, ist der sechzehnfältige Wecker nichts. Das Ding leidet unter einem Mangel, der technischen Geräten heutzutage manchmal zum Verhängnis wird: Er ist nicht komisch genug. ()