Wohlfühl-Trigger-Warnung statt Spoiler-Warnung

Die Netflix-Serie Stranger Things ist Zitatpornografie

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Es kommt nicht häufig vor, dass eine Serie sehenswert ist, obwohl der Plot eher zu wünschen übrig lässt. David Lynchs Twin Peaks war vor mehr als einem Vierteljahrhundert so ein Fall - die neue Netflix-Serie Stranger Things ist ein weiterer. Sie liefert beim Ansehen Wohlgefühle, deren Auslöser man seit ein paar Jahren inflationär mit dem Begriff "Pornografie" umschreibt, auch wenn sie mit Sexualität gar nichts zu tun haben: Essenspornografie ("Food Porn") für reizvoll angerichtete Mahlzeiten, deren Fotografien in Sozialen Medien Appetit machen, oder Landschaftspornografie ("Landscape Porn") für Aufnahmen von Bergen, Tälern und Flüssen, die Ruhe und Entspanntheit suggerieren.

Für Stranger Things hat BoingBoing gestern den Begriff Typografiepornografie ("Typographic Porn") geprägt, weil schon die verwendeten Schrifttypen im Vorspann die Zuschauer dort hin versetzen, wo ein großer Teil von ihnen prägende Erfahrungen gemacht haben dürfte: in die späten 1970er und frühen 1980er Jahre.

Was für die Schriftoptik gilt, gilt auch für die heute sparsam (und damals oppulent) wirkenden Synthesizerkaskaden, von denen der Stranger-Things-Vorspann begleitet wird und die man aus Horrorfilmen wie Halloween kennt.

Stranger-Things-Trailer

Auch der Rest der diegetischen und nicht diegetischen Musik zeigt, was möglich wird, wenn man den Produzenten von Serien nicht (wie im deutschen Gebührenfernsehen) von früh bis spät in die Ideen hineinredet, sondern ihnen freie Hand lässt: Dann gelingt mit Stücken von Echo & The Bunnymen oder Modern English eine Balance aus Bekanntheit und Vergessenheit, die den November 1983 - die Zeit, in der die Serie spielt - ausgesprochen präsent wirken lässt. Darüber hinaus setzt man die Stücke auch leitmotivisch ein und untermalt die sozialen Rollen der Figuren mit einem Spektrum vom Toto bis The Clash.

Die Sorgfalt, die man bei der Musikauswahl walten ließ, zieht sich auch durch die optische Ausstattung der Serie, die sich in ihrer historischen Akribie mit Mad Men messen kann. Nicht nur die Autos, Fahrräder, Inneneinrichtungen und Kleider passen perfekt in die Zeit - auch die Frisuren, das Make Up und die Sprache: Drei Bereiche, die in anderen Serien häufig vernachlässigt werden und dadurch das Regressionsvergnügen schmälern.

Stranger-Things-Trailer

Das Setting von Stranger Things ist eines, das man unter anderem aus Stephen-King-Romanen gut kennt: Teenager in einer amerikanischen Kleinstadt, die sich nach dem bekannten Muster in die Kategorien Sportler, Bullys und Nerds aufteilen. Die am positivsten dargestellten Figuren in der in Indiana angesiedelten Geschichte sind wie üblich die Nerds. Genauer: Eine Gruppe von vier etwa Zwölfjährigen, die unterschiedliche Stigmata aufweisen: Dustin (wohlbeleibt und Sprachfehler), Lucas (schwarz), Will (arm) und Mike (zart). Sie spielen im Keller von Mike - der wohlhabende Eltern hat - Dungeons and Dragons, arbeiten dabei aber nicht gut genug zusammen, um mit dem Demogorgon-Monster fertig zu werden.

Auf dem Heimweg verschwindet Will - und dafür taucht ein kurz geschorenes Mädchen auf, das über telekinetische Kräfte verfügt, die Nummer 011 auf den Arm tätowiert hat und von den vier Helden versteckt wird. Sie stammt aus dem Hawkins National Laboratory, das (offiziell vom US-Energieministerium) in der Nähe der Stadt betrieben wird und dessen Personal so sinister und wenig vertrauenswürdig dargestellt wird, wie das für viele libertär geprägten Hollywood-Produktionen der 1980er Jahre typisch ist.

Die zwölfjährige Engländerin Millie Bobby Brown, die "Eleven" spielt, ist eine schauspielerische Entdeckung, wie es sie in diesem Alter seit Jodie Foster nicht mehr gab - das wird besonders dann deutlich, wenn man ihr Spiel mit dem von Winona Ryder vergleicht, die Wills Working-Poor-Mutter in wesentlich konventionellerer Weise darstellt.

Sie und der örtliche Polizeichef Jim Hopper (der als Vertreter einer lokalen, bürgernahen Verwaltung gegen die bösen Bundesbehörden steht) sind die erwachsenen Hauptfiguren in der Serie. Eine dritte Gruppe sind die bereits geschlechtsreifen Teenager: darunter Wills Bruder Jonathan, Mikes Schwester Nancy, der Sportler Steve und die frühvergreiste Barbara.

Eine Serie, bei der Spoiler den Spaß nicht verderben

Wer sich die Serie jetzt ansehen will und Angst hat, durch Spoiler um seine Spannung gebracht sieht, sollte bedenken, dass es in Stranger Things - wie bereits betont - weniger um den Plot als um die Stimmung geht. Um zu erklären, warum die Serie so großartig ist, sind aber einige Informationen nötig, die vorwegnehmen, was in ihr passiert: Zum Beispiel, dass es ein Monster gibt, dem die Helden (in Ermangelung eines anderen Namens dafür) den Dungeons-and-Dragons-Namen Demogorgon geben. Es lebt in einer Parallelwelt, frisst Menschen und hat statt eines Kopfs eine Knospenfressöffnung, die von H.P. Lovecrafts Antarktiseismonstern inspiriert scheint. Und, dass Eleven mit Spionage und dem MKUltra-Gedankenkontrollprogramm der CIA zu tun hat.

Filmischer Zitatpop in Stranger Things Gegenüberstellung von Ulysse Thevenon auf Vimeo.

Das alles kennt der Zuschauer schon - und das ist auch gut so. Stranger Things lebt nämlich gerade von den Zitaten aus anderen Filmen: Aus E.T., wenn Eleven ein Kleid angezogen und eine Perücke aufgesetzt bekommt oder die radelnden Helden im letzten Moment mit Telekinese vor den Regierungsschergen rettet, aus Poltergeist, wenn es von einer Welt in einer andere geht, aus Alien und Shivers, wenn Monster auftauchen, aus Stand by Me, wenn die Kinder den Eisenbahnschienen folgen, aus den Goonies, wenn der dicke Dustin mit dem Messer bedroht wird, und aus zahlreichen anderen Klassikern.

Dass diese Zitate keineswegs abgestanden, sondern wie Wohlfühl-Trigger wirken, zeigt, dass die Serien der eigentliche Nachfolger der Filme von damals sind - und nicht die zahlreichen Remakes und Fortsetzungen wie der am 4. August anlaufende Ghostbusters-Film, der durch die Milo-Yiannopoulous-Sperre bei Twitter vorab für eine Diskussion darüber sorgte, ob sich Firmen absichtlich gegen schlechte Kritiken immunisieren wollen, indem sie ihre Filme so gestalten, dass Rezensenten leicht in Zeitgeisttabuverletzungsfallen laufen.

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