Der Feldzug der deutschen Dschihadisten in Syrien

Eine Übersicht über die Menschen, die sich von Deutschland aus auf den Weg nach Syrien gemacht haben

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Nach Schätzungen der deutschen Sicherheitsbehörden beteiligen sich rund 200 Islamisten aus Deutschland am Bürgerkrieg in Syrien bzw. sind auf dem Weg dorthin. Damit ist die Zahl der "deutschen" Kämpfer schon heute rund viermal größer als früher in Waziristan. Rund ein Dutzend Kämpfer sind bereits gefallen. Wenn die überlebenden Dschihadisten nach Deutschland zurückkommen, könnten sie ein enormes Sicherheitsproblem darstellen.

Aus einem Propagandavideo: "Mein Name ist Abu Osama, ich komme aus Deutschland. Und ich bin vor circa vier Jahren Muslim geworden. (…) Ich bin nach Syrien ausgewandert, um das Wort meines Schöpfers das Höchste zu machen."

Beteiligung am Bürgerkrieg: Steigende Zahlen

Im März 2011 begann in Syrien ein Aufstand gegen das autoritäre Regime von Bashar al-Assad, der sich zu einem Bürgerkrieg ausweitete. Während sich im Jahr 2011 nur circa zehn Personen aus der Bundesrepublik nach Syrien aufmachten, um sich am Dschihad zu beteiligen, waren es im folgenden Jahr rund fünfzig weitere Personen. 2013 sollen sich mindestens 150 Dschihadisten aus der Bundesrepublik auf den Weg nach Syrien gemacht haben. So erklärte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Hans-Georg Maaßen im Oktober 2013: "Weit über 210 Leute, die wir kennen, sind nach Syrien gegangen. Das Dunkelfeld kennen wir nicht."

Damit stellen die "Deutschen" ein erhebliches Kontingent der Kämpfer aus Europa, die derzeit auf rund 1.200 Mann geschätzt werden. So soll es in Syrien mittlerweile sogar ein "German Camp" geben, vielleicht sogar ein deutsches Kommando, berichtete im Oktober 2013 der Spiegel.

Allerdings können die deutschen Sicherheitsbehörden nicht wirklich einschätzen, wie viele davon tatsächlich in Syrien angekommen sind, was sie dort machen, in welchem Umfang sie an Kampfhandlungen und Kriegsverbrechen beteiligt sind und ob sie bereits die Heimreise angetreten haben oder nicht. Mindestens vierzig Deutsche (Stand: 2012) sollen von den syrischen Sicherheitsdiensten gefangengenommen worden sein, weil sie beim Waffenschmuggel erwischt wurden. Mindestens acht Dschihadisten aus Deutschland sind bereits in Syrien umgekommen. Allerdings ist die Informationslage der bürgerlichen Presse erbärmlich.

Die deutschen Rekruten lernen in Syrien nicht nur den Umgang mit Waffen und Munition sowie Taktiken der Guerillakriegführung, sie knüpfen auch internationale Kontakte, die dauerhaft Bestand haben. Ein Teil der Kämpfer wird durch die Kriegshandlungen brutalisiert, ein anderer Teil durch die Grausamkeit des Feindes selbst schwer traumatisiert. Sie alle können zu einer Gefahr für die öffentliche Sicherheit in der BRD werden, insbesondere dann, wenn sie mit konventionellen oder gar chemischen Waffen zurückkehren. Die deutschen Sicherheitsbehörden sind daher höchst alarmiert, stehen aber der Entwicklung ziemlich hilflos gegenüber.

Die meisten der deutschen Kampfrekruten kommen aus Nordrhein-Westfalen, der Rest vor allem aus Hessen, Berlin (insbesondere aus der tschetschenischen Gemeinde), Bayern und Hamburg. Die Kämpfer wohnten in Dinslaken, Düsseldorf, Euskirchen, Hamburg, Kassel, Offenbach, Pforzheim, Karlsruhe, etc.. Mehr als die Hälfte der Rekruten besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft, der Rest sind die Kinder von Arbeitsimmigranten.

Wie schon in Waziristan zeigt sich auch in Syrien, dass sich nicht alle Kriegsfreiwilligen aus der reichen deutschen Wohlstandsrepublik zum Guerillakämpfer eignen. So erklärte Sabri Ben Abda in einem Dschihadisten-Video vom Frühjahr 2013 von zehn Freiwilligen seien "drei oder zwei prädestiniert für den Kampf". Der Rest habe sich "mehr oder weniger in die Hosen geschissen", denn der Bürgerkrieg sei nichts für "Weicheier".

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch der Verfassungsschutz: Mehrere Kriminelle wären nach Syrien gereist, um dort in Kampfmontur mit einem echten Sturmgewehr zu posieren. Anschließend würden die vermeintlichen Guerillakämpfer in die Bundesrepublik zurückkehren und die gefakten "Kriegsfotos" auf ihren Webseiten im Internet posten, um sich als gefährliche Männer darzustellen. Ein Verfassungsschützer sagte dazu: "Wir beobachten einige Personen, die in Syrien nur Dschihad spielen wollen. (…) Sie erzählen dann daheim, sie hätten gekämpft und getötet. Syrien ist ein idealer Spielplatz für alle, die gerne Gotteskrieger wären."

Über die Gruppenstruktur der syrischen Dschihadisten-Szene liegen keine zuverlässigen Angaben vor, weil es sich oft um lokale Kleinstgruppierungen handelt, die wechselnde Fantasienamen benutzen und in wechselnden Kriegskoalitionen kämpfen. Hinzu kommt, dass der Repressionsapparat des Assad-Regimes die dschihadistische Szene im eigenen Land lange Zeit unter Kontrolle hatte. Folglich kommt die Masse der Dschihadisten, die sich heute am Bürgerkrieg in Syrien beteiligen, aus den Nachbarländern - insbesondere aus dem Irak. Dabei handelt es sich vor allem um zwei Gruppierungen, die der Al-Qaida nahe stehen: die Jabhat al-Nusra und die Gruppierung Islamischer Staat im Irak und Levante (ISIS), die erst 2013 gegründet wurde. Bei diesen Organisationen handelt es sich offenbar um syrische Ableger bzw. Nachfolger der früheren irakischen Tanzim Qa'idat al-Dschihad fi Bilad al-Rafidayn/(Jamaat) al-Tawhid wa'al-Dschihad (= Organisation der Dschihad-Basis im Zweistromland/Gruppe für Einheit und Dschihad).

Vorgeschichte

Zwar hatte die syrischen Sicherheitsbehörden die Islamisten-Szene im eigenen Land "unter Kontrolle", dennoch gab es auch dort einen dschihadistischen Untergrund, der z. T. im oder vom Ausland aus operierte. Schon in den Jahren vor Beginn des Bürgerkrieges lebten auch in der Bundesrepublik Dschihadisten mit einem Bezug zu Syrien. Von diesen "traditionellen" Beziehungen profitieren heute die Dschihadisten, die sich am Sturz des Assad-Regimes beteiligen wollen, weil dies ihre Kontaktanbahnung erleichtert. "Wir wissen, dass einige deutsche Islamisten alles daran setzen, in die Al-Qaida aufgenommen zu werden. (…) Wir wissen aber auch, dass die Terrorgruppen sehr misstrauisch sind, was Kämpfer aus dem Westen angeht", erklärte dazu ein deutscher Ermittler.

So waren ein Teil der "deutschen" Dschihadisten syrische Staatsbürger bzw. syrischer Abstammung: Redouan al-Issar ist Mitglied von Ansar al-Islam. Er wohnte eine Zeit lang in Olsdorf (Nordrhein-Westfalen) und war u. a. in Pläne zur Sprengung des Atomkraftwerkes im holländischen Borssele verwickelt. Seit 2004 soll er sich wieder in Syrien aufhalten. Mamoun Darkazanli gehörte zum Umfeld der Attentäter vom 11. September, dennoch reichten die Beweise nie für eine Verurteilung aus. Erst am 19. März 2013 hob die Europäische Union ihre Sanktionen gegen Mamoun Darkazanli als terrorverdächtiger Person auf.

Ibrahim Mohamed Khalil kämpfte 2000/2001 in Afghanistan. Er plante u. a. den Bau einer radioaktiven Bombe, um sie gegen die Stadt Mainz einzusetzen. Am 5. Dezember 2007 verurteilte ihn das Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und versuchten bandenmäßigen Betrugs in 28 Fällen zu sieben Jahre Haft. Louai Sakra stammt aus Aleppo und war an der Vorbereitung der Anschläge vom 11. September beteiligt: "Ich war einer der Leute, die die Täter des 11. September kannten, und ich kannte die Zeit und den Plan der Angriffe im voraus. Ich nahm auch an den Vorbereitungen der Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon teil. Ich besorgte Geld und Pässe", erklärte er 2005 gegenüber der türkischen Tageszeitung Zaman.

Hussam S. ist ein staatenloser Palästinenser aus Syrien. Er betrieb für die Globale Islamische Medienfront (GIMF) mehrere dschihadistische Internetseiten. In einem Revisionsverfahren verurteilte ihn das Oberlandesgericht Koblenz wegen Werbung für eine Terrororganisation in 39 Fällen am 17. April 2013 zu einer Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten. Mohammed Haydar Zammer gehörte mutmaßlich zum Umfeld der Attentäter vom 11. September. Als Zammar am 8. Dezember 2001 nach Hamburg zurückreisen wollte, wurde er von den marokkanischen Behörden in Casablanca verhaftet und an die Amerikaner überstellt. Am 27. Dezember 2001 verfrachtete die CIA Zammar ins Far-Filastin-Gefängnis in Damaskus (Syrien), damit er dort vom syrischen Militärgeheimdienst (Shu'bat al-Mukhabarat al-askariyya) gefoltert werden konnte. Was aus Zammer geworden ist, ist nicht bekannt.

Nicht wenige der "deutschen" Dschihadisten, die in den letzten zehn Jahren nach Waziristan oder in den Irak fuhren, reisten über Syrien. In diesem Zusammenhang betätigte sich Fayez A. als Kurier zwischen Syrien und der BRD. Er wurde im Mai 2007 festgenommen und verbüßt seine Haftstrafe im Rumija-Gefängnis in Beirut. Auch Dana Boluri hielt sich längere Zeit in Syrien auf. Andere Dschihadisten machten früher in Syrien ihre Arabisch-Ausbildung, so Fritz Gelowicz, Zafer Sari, Attila Selek und Adem Yilmaz.

Außerdem gehörten mindestens achtzehn Dschihadisten in der Bundesrepublik zur irakischen Tanzim Qa'idat al-Dschihad fi Bilad al-Rafidayn: Shadi Mohamed Mustafa Abdalla, Abu Ajjub, Mohammed Ghassan Ali Abu Dhess, Osama Ahmed, Ashraf Mohammad al-Dagma, Redouane al-Habhab, Isam Ali Mohamed Alouche, Mohamed A., Mohammad A., Mouldi Ben Ahmed Chaabane, Khalid el-Masri, Ihsan Garnaoui, Yasser H., Sajed Agami Mohawal, Djamel Moustfa, Sayed M., Ismail Abdallah Sbaitan Shalabi und Younes Ben S..