Der kommende Winter könnte "für die einfachen Bürger ziemlich kalt werden"

Ukraine rettet sich mit Kohle aus Südafrika vor drohenden Energie-Kollaps

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Der Patriotismus der Ukrainer wird in diesen Wochen mächtig strapaziert. Weil es keine Kohlelieferungen aus den ostukrainischen Bergwerken mehr gibt, müssen die Menschen sich auf kühle Wohnungen einstellen. Weil die Reserven an Gas, Kohle und Heizöl knapp sind, hat die Regierung die Mindesttemperatur für Wohnungen auf 16 Grad herabgesetzt. Die angesehene Kiewer Zeitung "djen", schreibt, dass der kommende Winter, das erste Mal seit 1991 "für die Macht sehr schwierig" und "ziemlich kalt für die einfachen Bürger wird".

Mit 16 Grad in den Wohnungen wird es kalt werden. Bild: day.kiev.ua

Das ukrainische Internetportal korrespondent.net ermittelte bei einer Leser-Umfrage, dass bereits ein Drittel der Ukrainer von mehrstündigen Stromabschaltungen betroffen waren.

Der Aufsichtsratsvorsitzende von Kiewenergo, Iwan Platschkow, meinte, die Kohlevorräte der Elektrizitätskraftwerke reichten "wegen der Ereignisse in der Ost-Ukraine" nur noch "für zehn Tage".

Die Bevölkerung in der Ukraine wird sich nun vermutlich mit dem Einbau von Elektroboilern und kleinen Öfen über den Winter retten, in denen man alles verfeuern kann, was irgendwie brennbar ist, Kohle aus illegalen Schächten und Holz aus den wenigen Wäldern. Die Brandgefahr in den Wohnungen wird dadurch steigen. An all diesen Beschwernissen ist - nach Meinung der ukrainischen Medien - nicht das von Kiew gestartete Kriegsabenteuer in der Ost-Ukraine schuld, sondern Wladimir Putin.

Transportprobleme wegen zerstörter Eisenbahnbrücken

Auch die Kohlevorräte der 15 großen Heizkraftwerke, welche in der Ukraine die Wohnungen mit Warmwasser und Fernwärme versorgen, gehen zur Neige. Der Grund: Ende September arbeiteten in der Ost-Ukraine wegen der Kriegsfolgen nur noch 24 von insgesamt 93 Kohlebergwerken.

Die bereits abgebaute Kohle kann nicht mehr abtransportiert werden. Wie der Moskauer Kommersant berichtete, wurden durch den Krieg in der Ost-Ukraine 17 Eisenbahnbrücken und Bahnübergänge und 77 Gleis-Abschnitte zerstört. Wegen Kriegsbeschädigungen, vermintem Gelände und dem Mangel an Kohle mussten vier der großen ukrainischen Heizkräftewerke abgestellt werden, meldete die russischsprachige Website inform-analitic.com.

Eine Million Tonnen Kohle aus Südafrika

Um den Kohle-Engpass zu überbrücken, beschloss die ukrainische Regierung Anfang September deshalb den Kauf von einer Million Tonne Kohle aus Südafrika, die mit 91 Dollar pro Tonne allerdings um 13 Prozent teurer ist als die Kohle aus Russland. Mitte Oktober wird in einem der drei Häfen des Odessa-Gebietes das erste Schiff mit Kohle aus Südafrika erwartet. Das erste Schiff wird 85.000 Tonnen Kohle liefern. Insgesamt erwartet man drei Schiffe. Die Lieferungen aus Südafrika würden mit Krediten und eigenen Mitteln bezahlt, erklärte der Direktor des Energie-Unternehmens Ukrinterenergo, Wladimir Sinewitsch.

Der ultraliberale ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk konnte dem hohen Preis für die Kohle aus Südafrika noch etwas Positives abgewinnen. Der hohe Preis sei "ein Anreiz" für die Unternehmen, den Energiesektor zu modernisieren, erklärte Jazenjuk.

Polen kann der Ukraine mit seiner Kohle nicht helfen, da die Kohle aus Polen nicht für die ukrainischen Fernwärmekraftwerke geeignet ist.

Nach Berechnungen der größten ukrainischen Energie-Unternehmens DTEK, das dem ost-ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow gehört, hat die Ukraine zur Zeit ein Kohle-Defizit von einer Million Tonnen im Monat. Die drei ukrainischen Häfen im Raum Odessa können jedoch nur 400.000 Tonnen im Monat umschlagen. Deshalb müsse man 600.000 Tonnen Kohle aus Russland kaufen, erklärte DTEK-Chef Maksim Timtschenko.

Verhandlungen über "Gas-Winterfahrplan" gehen weiter

Wegen der Gasknappheit in der Ukraine - Moskau hatte seine Lieferungen an die Ukraine im Juni wegen Zahlungsrückständen eingestellt - rechnet man in Moskau damit, dass die EU und der IWF Kiew mit Krediten für Gaslieferungen während des Winters aushelfen. Denn wenn sich die Verhandlungen zwischen Gasprom und Naftogas Ukraina über einen neuen Gaspreis noch weiter hinziehen, werde das dazu führen, dass die Europäer ihr Vertrauen in die Ukraine als Gas-Transitland verlieren und Gefallen an dem Alternativprojekt South Stream finden, meinte der Leiter des Lehrstuhls für Europäische Integration an der Moskauer Universität für Auswärtige Beziehungen, Nikolai Kaweschnikow.

Die Bereitschaft der ukrainischen Nachbarländer Polen, Ungarn und Slowakei, Gas aus Russland in die Ukraine umzuleiten, ist gering. Ungarn hat seine Gaslieferungen an die Ukraine mit der Begründung eingestellt, man brauche das Gas aus Russland selbst. Der ungarische Ministerpräsident Victor Orban hatte sich gegen Russland-Sanktionen ausgesprochen.

Und was ist mit den Gebieten in der Ost-Ukraine, die unter der Kontrolle der Separatisten stehen? Die könnten Gas aus Russland kaufen, mutmaßt der Kommersant. Der stellvertretende Ministerpräsident der selbsternannten Lugansk-Republik, Waleri Potapow, habe letzte Woche in Moskau über den Kauf von russischem Gas verhandelt. Solche Lieferungen kämen für den Fall in Betracht, dass Kiew die Gaslieferungen an die von den Separatisten kontrollierten Gebiete einstellt. Moskau bestreitet jedoch, dass es derartige Verhandlungen gab, schreibt das Blatt.

Auch die Energiekrise erzwang den Waffenstillstand

Dass die Regierung Kiew sich vor drei Wochen endlich zu einem Waffenstillstand durchgerungen hat, hat auch etwas mit der Energiekrise zu tun, welche zu einer humanitären Katastrophe führen und die politische Stabilität in der Ukraine gefährden kann.

Am 26. Oktober finden in der Ukraine Parlamentswahlen statt. Dass die Energieversorgung zu diesem Zeitpunkt zusammenbricht, Wohnungen, Kindergärten und Krankenhäuser nicht mehr beheizt werden können, das kann sich die neue Regierung nicht leisten. Die Leidensbereitschaft der Bevölkerung ist schon jetzt durch verdoppelte Tarife für Strom, Wasser und Gas, den Einbruch der Industrieproduktion und den Verlust von Arbeitsplätzen strapaziert.