Mehr Frequenzen für digitales Radio

Nach Abschluss der Wellenkonferenz 2006 sind 25 oder mehr Programme machbar

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Digital-Radio DAB ist in Bayern seit 1995 zu empfangen. Auch wenn die meisten Hörer das noch gar nicht mitbekommen haben, scheint mittlerweile Bewegung in die Sache zu kommen, und zwar durch das Fernsehen.

Über Satellit hat sich die digitale Übertragung von Radio (Von oben kommt was Gutes auf die Ohren) und Fernsehen per DVB-S innerhalb weniger Jahre durchgesetzt, ohne dass hierfür besonderer Druck erforderlich war: die höhere Programmanzahl mit vielen neuen Sendern war ausschlaggebend dafür, sich einen weiteren, teureren Satellitenempfänger zuzulegen und gegebenenfalls auch die LNBs in der Schlüssel zu modernisieren, wenn diese nur die alten, analogen Kanäle empfangen konnten. Die Sender sparen so deutlich Kosten, argumentieren jedoch mittlerweile, dass sich der Zuschauer an der längst erfolgten Umstellung auf die Digitaltechnik finanziell beteiligen solle (Gleiche Bildungschancen gesucht) – was er eigentlich mit dem Kauf des neuen Empfängers bereit getan hat.

Auch beim terrestrischen Fernsehen läuft die Umstellung auf Digitaltechnik, wobei die Erfolge je nach Region unterschiedlich sind: in Berlin, wo alle analogen Fernsehsender abgeschaltet wurden und noch etliche private Stationen digital auf Antenne gegangen sind, wurden recht viele Empfänger verkauft, in anderen Teilen Deutschlands, wo sich angesichts der durch die EU-Verfügung gestrichenen Subventionen nur noch die öffentlich-rechtlichen Sender an DVB-T beteiligen, ist das Interesse schon deutlich geringer. Dies jedoch nur, weil viele schon auf Kabel und Satellit umgestiegen sind.

Beim Radio ist die Digitaltechnik schon viel eher verfügbar gewesen als beim Satellitenfernsehen, doch das Interesse war gering: Herkömmlicher Radios gibt es ab fünf Euro am Wühltisch, für die Nachrichten reichen sie alle Mal und Digitalradio wurde kaum vermarktet. Es fanden sich für den normalen Hörer folglich keine zwingenden Gründe für eine Umstellung, da die neuen Programme kaum bekannt gemacht wurden, anders als bei der BBC, die sehr konsequent Digitalradio bewirbt und damit zum dessen Erfolg in England beigetragen hat: Es wurden dort drei Millionen DAB Empfänger verkauft, davon eine Million nur in den letzten fünf Monaten, obwohl DAB dort wegen zu großer Sparsamkeit bei der Bandbreite (zu viele Programme in einem Paket) mittlerweile klanglich schwer zu wünschen übrig lässt.

Warten auf den Bus – oder auf Hartz IV? (Bild: Watcha.de)

In Deutschland stehen sich jedoch alle gegenseitig im Weg: die privaten Radiosender sind nach anfänglicher Euphorie teils wieder vom Digitalradio abgerückt, weil es zwar eine Investition in die Zukunft ist, doch für die Bilanz nur der jetzige Gewinn zählt. Solange man die Hörer per Handschlag begrüßen kann, ist eine Ausstrahlung im neuen Medium unrentabel, weil den Mehrausgaben keine entsprechenden Werbeeinnahmen gegenüberstehen. Viele Sender spielen nur solange mit, wie die Kosten subventioniert werden. Lediglich wenige Privatsender wie Antenne Bayern mit der Rockantenne (Großer Radau in Bayern) sind seit mittlerweile 11 Jahren aktiv.

Die öffentlich-rechtlichen Sender halten sich wiederum in vielen Bundesländern zurück, weil DAB aus Bayern gefördert wurde oder weil sie befürchten, dass die spätere kostengünstigere Ausstrahlung der privaten Konkurrenz zugute kommt (Politik und Fernsehen: DDR im Himmel und GEZ fürs Internet). Stattdessen wird mit DVB-H-Radio (Taschenfußball) versucht, die für schnelle Fahrzeuge ungeeignete digitale Fernsehtechnik doch noch auch im Auto durchzusetzen. Doch auch DAB hat sich weiterentwickelt: neben 5-Kanal Surround-Sound (Lautsprecherstimmen im Kopf und Lautsprecher im Kopfhörer) sollen auch hier MPEG 4-Codecs kommen, mit denen später die Kanalanzahl verdoppelt oder verdreifacht werden kann.

Zunächst einmal soll jedoch die gerade laufende Wellenkonferenz 2006 zu mehr Kanälen für DAB im VHF-Bereich führen: Statt der öffentlich-rechtlichen analogen Fernsehsender sollen an jedem Standort drei Frequenzen für DAB zur Verfügung stehen, wo es heute nur eine ist. Außerdem soll die Sendeleistung von einem auf 10 kW angehoben werden dürfen (zum Vergleich: UKW-Sender vergleichbarer Reichweite nutzen heute 100 kW!), damit das neue digitale Radio genauso in der Wohnung und auch noch im Keller funktioniert wie das jetzige analoge. Grund für die bislang massiv eingeschränkte Sendeleistung sind Bedenken des Militärs, das angrenzende Frequenzen verwendet und Störungen befürchtet.

Das glücklose L-Band bei 1400 MHz, das sich für Radioempfang als ziemlich unbrauchbar erwiesen hat, da eine flächendeckende Versorgung sehr viele kleine Sender mit höherer Leistung ähnlich den Mobilfunknetzen erforderlich macht, soll dann von Radioübertragungen geräumt werden – hier kommt stattdessen Handy-TV (Statt Gameboy: Zukünftig Fernsehen unter der Schulbank und im Büro?). Dieses wird als DMB übrigens doch nicht – von den Rundfunkgebühren abgesehen – kostenfrei bleiben; der erste Mobilfunkprovider bietet auch hier bereits ein kostenpflichtiges Angebot, das aber ohne zusätzliche Verbindungsgebühren wie bei UMTS auskommt und dabei helfen soll, die aufwendige Sendertechnik zu finanzieren sowie durch die Verbreitung der neuen Empfangsgeräte auch dem digitalen Radio auf die Sprünge zu helfen. Das digitale Fernsehen soll also das digitale Radio mitfinanzieren – neue Radios kauft keiner, neue Fernseher schon, so der Gedanke.

Acht Videoströme und 25 Hörfunkprogramme sollen auf dem Handy zukünftig geboten sein – rauschfrei, versteht sich. Durch eine Verringerung der Datenrate mit besseren Codecs will man beim Radio von heute 192 oder 160 KBit/s herunter auf 128 KBit/s für Stereoübertragungen – ähnlich wie bei MP3 üblich. Mit MPEG4 sollen es dann nur noch 72 KB/s sein, womit zwölf Programme statt der heute üblichen sieben auf einen Kanal passen. Damit werden 21 bis 27 Hörfunkprogramme flächendeckend möglich, 14 bis 18 davon landesweit und sieben bis neun lokale, womit das digitale Radio erstmals mehr zu bieten hätte als das heutige UKW.

Radio und Fernsehen sind die einzigen Medien, bei denen der Nutzer nicht selbst entscheiden kann, wann er etwas sehen oder hören kann, sondern vom Programm abhängig ist. Die neue digitale Generation der Mediennutzer wird dies nicht mehr akzeptieren.

Leif Lonsmann, Radio Director Danish Broadcasting Company

Natürlich wird ein Problem des heutigen UKW-Radios bleiben: in Großstädten reichen die Frequenzen trotzdem nicht, während auf dem Land möglicherweise gar nicht genügend Anbieter für einen Kanal zusammenkommen. Insgesamt wird jedoch mit neuen Empfangsgeräte wie Handys auch mehr Interaktivität erwartet: die Programme können aufgezeichnet werden und der Hörer oder Zuschauer soll sich aktiver bei den Sendern zurückmelden. Ob der Hörer dies tatsächlich will, ist natürlich eine andere Frage, mit dem interaktiven Fernsehen hat es bekanntlich bis heute nicht geklappt, da derjenige, der interaktiv arbeiten will, lieber ins Internet geht, und jener, der sich vor die Glotze hockt, eben gerade nicht mehr viel tun möchte und sich schon ärgert, wenn er wegen der Werbung zur Fernbedienung greifen muss.

Wenn das drehende und glucksende Farbbild nicht mehr reicht… (Bild: Watcha.de)

Dabei denken die Konzerne längst nicht mehr nur an die klassische Radioübertragung – so will Microsoft beispielsweise bei DAB einsteigen und Office mit Entertainment vereinen. Und natürlich hofft man auf die Weltmeisterschaft, für die sich dann hoffentlich schon mal jemand ein TV-Handy zugelegt, um bloß nichts zu verpassen. Die Geschäftsmodelle erinnern dabei an manche Internetkonzepte; so soll der interaktive Hörer beziehungsweise Zuschauer durch seine Rückmeldungen für Werbekunden transparent werden und individuelle Werbung zugeschickt bekommen. Doch eins ist klar: Auch beim Radio wird die Digitalisierung kommen.