Der Stein der Wikis

Ein Ex-Administrator der deutschen Wikipedia will es besser wissen – und hat einen Ableger mit eigener Software und neuen Regeln gestartet

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Mit über 1,5 Millionen Artikeln in mehr als 100 Sprachen hat das Wikipedia-Projekt unter Beweis gestellt, dass Freiwillige mit Leichtigkeit einen gigantischen Informationsberg anhäufen können. Doch sowohl die Qualität der Artikel als auch die Skalierbarkeit der freien Enzyklopädie werden immer wieder in Frage gestellt. Da die Inhalte der Wikipedia frei verfügbar sind, liegt die Idee einer Spaltung nahe (Spaltet die Wikipedia). Ein deutsches Projekt wagt nun einen Neuanfang.

"Die Wikipedia war ein großartiges Projekt", sagt Ulrich Fuchs gegenüber Telepolis, als ob das Online-Projekt längst Geschichte sei. Lange Zeit war er bei Wikipedia Administrator und mit 15.000 Edits einer der aktivsten Benutzer. Auf seiner Benutzerseite findet sich nun nur noch der Text: "Machts gut, viel Spaß mit Eurem neuen Spielzeug."

Eingeleitet wird der Abschiedsgruß durch ein unscheinbares Zitat von Ward Cunningham. Der hatte 1995 die Wiki-Technologie offen editierbarer Seiten erfunden (vgl. Das Wiki-Prinzip), auf der Wikipedia basiert. Das Zitat ist nicht ganz korrekt wieder gegeben; es entstammt einer Seite des von Cunningham gestarteten "Ur-Wikis". Dort hatte Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia, einen Kommentar hinterlassen: "Meine Frage an diese geschätzte Wiki-Gemeinde lautet so: Glaubt Ihr, dass ein Wiki eine nützliche Enzyklopädie erzeugen könnte?" Von Cunningham kam die ominöse Antwort: "Ja, aber am Ende wäre es keine Enzyklopädie. Es wäre ein Wiki."

Auf der Wikipedia-Mailing-Liste hat Ulrich Fuchs nun seinen schon im Sommer 2004 angekündigten Wiki-Ableger Wikiweise vorgestellt - eine komplette Eigenentwicklung. Fuchs, EDV-Berater und Software-Entwickler, ist mittlerweile zu einem der schärfsten Kritiker der Wikipedia geworden. Durch Offenheit und Definitionslosigkeit sei das Projekt zugrunde gegangen:

Die Wikipedia hat nie deutlich genug gemacht, was sie sein will. Eine Enzyklopädie? Ein Lehrwerk? Eine Sammlung freier Texte? Ein Reiseführer? Ein soziales Experiment? Letztlich wollte sie alles sein, jeder kann alles hineininterpretieren, und so ist sie gar nichts.

Tatsächlich gibt es eine Seite mit dem Titel Was Wikipedia nicht ist, die jedoch die Breite und Tiefe des Projekts nur minimal beschränkt.

Vergabelte Inhalte

In Insider-Kreisen wird ein Ableger wie Wikiweise als Fork bezeichnet, was nicht nur "Gabel" heißt, sondern auch "Abzweigung" ("fork in the road"). Forks sind im Bereich offener Software ein bekanntes Phänomen (Beispiele kann man bei Wikipedia nachlesen: XFree86/X.org, Emacs/Xemacs, GCC/EGCS). Nur selten werden die nebenläufigen Software-Projekte wieder vereint. Manchmal werden durch Forks schwere Fehler der Projektführung umgangen, wie etwa im Falle des Fenstersystems X.org. Dank der Open-Source-Lizenzierung kann jeder einen solchen Fork starten.

Das gleiche gilt auch für Wikipedia. Demzufolge ist es nicht verwunderlich, dass Wikiweise nicht der erste Wikipedia-Ableger ist. Bereits im Februar 2002 spaltete sich von der spanischen Wikipedia das Projekt Enciclopedia Libre Universal en Español ab. Grund war eine vage Verlautbarung von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, womöglich auch Werbung in der Enzyklopädie zulassen zu wollen. Der Fork hat vor allem das Wachstum der spanischen Wikipedia beeinträchtigt; mittlerweile hat sie allerdings einen Vorsprung von fast 20.000 Artikeln und der Ableger dümpelt nur langsam dahin.

Verglichen mit Wikinfo kann Enciclopedia Libre jedoch noch als großer Erfolg gewertet werden. Das im Juli 2003 gestartete Projekt unterscheidet sich von Wikipedia vor allem durch eine Abkehr vom "neutralen Standpunkt". Statt dessen soll der "wohlwollende Standpunkt" gelten; im Hauptartikel darf Kritik nur einen untergeordneten Platz einnehmen, sie kann allerdings in Nebenartikeln ausgeführt werden. Dank einer einfachen Import-Schnittstelle hat das Projekt zwar Tausende von Artikeln aus Wikipedia importiert, die Wikinfo-Gemeinde ist aber niemals in den zweistelligen Bereich aktiver Benutzer vorgedrungen.

Wikiweise kann sicherlich bereits jetzt als deutlich besser geplantes Projekt gelten. Fuchs hat dafür eine neue Software entwickelt, die einige Funktionen aufweist, welche der Wikipedia-Software noch fehlen. Dazu zählt insbesondere die Funktion zum Export von Artikeln als PDF-Dateien. Die einfache Drucklegung ist eines der Hauptziele des Projekts. Im Gegensatz zu MediaWiki ist die Wikiweise-Software "Wikipresto" jedoch proprietär.

Erste Ansätze für eine Druckversion gibt es auch im Wikipedia-Umfeld. So werden schon seit geraumer Zeit so genannte WikiReader zu diversen Themen angeboten. Ein externes Skript namens wiki2pdf soll langfristig bei der Erstellung helfen, befindet sich aber noch in einemfrühen Entwicklungsstadium.

Relevanz und Struktur

Fuchs will für Wikiweise klarer als bei Wikipedia definieren, was erlaubt ist und was nicht. Durch die Zulassung von banalen Artikeln etwa über Computer-Spiel-Charaktere verschlechtere sich die Zusammensetzung der Autorengemeinde, so Fuchs:

Der inhaltliche Schwerpunkt eines Wikis und die Struktur der Teilnehmer beeinflussen sich gegenseitig. Verschiebt sich der Schwerpunkt hin zu Computerspielen und anderen Trivia, so entsteht eine Teilnehmerstruktur, die die anderen Bereiche gar nicht mehr bearbeiten kann.

Akademiker kämen mit einem Umfeld, das zunehmend aus "'nerdigen' Studienanfängern und Schülern" bestehe, nicht zurecht.

Eine Abschreckungsmaßnahme gegen Vandalen und Trolle soll die Registrierungspflicht mit Realnamen und E-Mail-Bestätigung sein. In Foren gang und gäbe setzen die meisten Wikis auf eine vollkommen offene Editierbarkeit, was sicherlich zum rasanten Wachstum der Wikipedia beigetragen hat. Fuchs will dagegen die Artikelqualität in den Vordergrund stellen und hat sogar zunächst auf einen Artikelzähler verzichtet: "Den Artikelzählfetischismus der Wikipedia muss Wikiweise ja nicht unbedingt mitmachen."

In den bisher formulierten Regeln sind die Unterschiede geringer, als man vermuten könnte. Der neutrale Standpunkt soll auch bei Wikiweise Anwendung finden, allerdings verfolgt das Projekt stärker einen aufklärerischen Anspruch als Wikipedia und will Pseudowissenschaft, Esoterik und religiöse Vorstellungen klar als solche benennen – gerade in diesem Umfeld gibt es in Wikipedia die meisten Konflikte.

In der Enzyklopädiedefinition des Projekts werden zwei Aspekte in den Vordergrund gestellt: die Notwendigkeit knapper und präziser Überblicksartikel sowie die Anwendung von Relevanzkriterien. So soll sowohl Allgemeinwissen als auch Fachwissen Eingang in das Werk finden, in beiden Fällen muss ein Begriff aber weitere Bedeutung zumindest im entsprechenden Gebiet haben. Als erstes Beispiel wird die Oscar-Würdigung eines Filmes als Relevanzkriterium für dieses Gebiet zitiert. Das deutet auf deutlich strengere Auswahlkriterien als in der Wikipedia hin, wo schon die allgemeine Verfügbarkeit eines Films in der Regel ausreichend ist, um einen Artikel zu rechtfertigen.

Was das Kriterium einfacher Überblicksartikel angeht, macht auch Wikipedia zunehmend Schritte in diese Richtung. Die Stilrichtline Summary Style der englischen Wikipedia sieht es etwa vor, bei längeren Artikeln eine klare Aufteilung in Überblick und Detailartikel vorzunehmen. Ein Beispielartikel, der dieses Prinzip anwendet, ist der Text über die Stadt Singapur. Hier kann der Leser je nach Bedarf fast beliebig ins Detail zoomen. Das wirft die interessante Frage auf, ob es überhaupt Sinn macht, auf verifizierbare Informationen aus "Relevanzgründen" zu verzichten - oder ob diese nicht in einem Detailartikel gut aufgehoben sind.

Fuchs hat bereits sehr langfristige Pläne für das Projekt. Da ist zunächst einmal die Druckversion, auf die der gesamte Editierprozess fixiert ist (so sollen Autoren sogar in hohem Maße Abkürzungen einsetzen). Die Meritokratie, die sich bei Wikipedia teilweise ganz natürlich ergibt, soll bei Wikiweise Software-implementiert werden: Wer viel mitarbeitet, soll automatisch einen höheren Einfluss und Zugriff auf erweiterte Programm-Features erhalten. Und schließlich soll das Projekt sich finanziell tragen - etwa durch Werbung auf der Website oder im ausgedruckten Text. Aktive Mitarbeiter sollen hier ebenfalls eine Sonderbehandlung genießen.

Einige Wikipedianer arbeiten bereits probeweise an dem Projekt mit. Tatsächlich sind Wikiweise wohl größere Erfolgsaussichten beschieden als den meisten anderen Forks - schon allein aufgrund der Leidenschaft am Schreiben, die Ulrich Fuchs bei Wikipedia unter Beweis gestellt hat, und dem nicht unerheblichen Respekt in der Gemeinde, den er sich, trotz häufiger Konflikte, so erworben hat.

Ein Schaden entsteht Wikipedia durch das neue Projekt nur bedingt, da Inhalte dank der freien Lizenz beliebig rückkopiert werden können. Das Ziel einer Druckversion verfolgen beide Projekte, was wohl schon bald einen systematischen Vergleich der Qualitätskontrollprozesse ermöglichen sollte.

Tatsächlich werden sich die Unterschiede erst in der Praxis herauskristallisieren. Sicher ist aber wohl schon jetzt, dass man einen Artikel über Super Marios Freund und Reittier Yoshi in Wikiweise nicht finden wird. In Wikipedia formt die Kultur das Werk - die Wikiweisen dagegen wollen der Kultur ihren Stempel aufdrücken.

Gerade in kontroversen Themenfeldern wird sich zeigen, ob eine Enzyklopädie von einem gewissen Elitismus profitiert oder nicht. In jedem Fall sollte man das Projekt als Bereicherung sehen - schon deshalb, weil es allen Besserwissern ein neues Zuhause gibt.

Von Erik Möller ist unlängst das Buch Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern in der Telepolis-Buchreihe erschienen.