Für die Russen ist Stalin die herausragendste Persönlichkeit

Stalin und Lenin 1919. Vladimir_Lenin_and_Joseph_Stalin,_1919.jpg:Bild: gemeinfrei

Seit 2008 hat Stalin Lenin überrundet, Putin holt auf

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Die Russen schätzen nicht Putin als die herausragendste Persönlichkeit ein, sie ziehen nach einer repräsentativen Umfrage des staatlich unabhängigen Levada-Instituts dem seit Ende 1999 mit einer symbolischen vierjährigen Unterbrechung amtierenden Präsidenten Stalin vor. Man sehnt sich in die große Zeit zurück, als Russland noch kommunistische Großmacht war. Dass unter Stalin Millionen von Menschen umkamen, vertrieben und in Straflager verbannt wurden, scheint da nicht so wichtig zu sein.

Bei der Umfrage sollten die russischen Bürger in einer offenen Frage, die 10 für sie herausragendsten Persönlichkeiten nennen. Es gab mithin keine auf nur eine bestimmte Auswahl gesteuerte Frage. Offen muss auch bleiben, was die Befragten als herausragend betrachten. Das muss keineswegs eine positive Person sein, sondern kann eben auch eine sein, die wie Stalin das Geschick des Landes geprägt hat. Ob die Deutschen hier wohl Hitler an die erste Stelle setzen würden, der auch das Land der Dichter und Denker nachhaltig mit rassistischer Massenvernichtung, grausamen Kriegen und extremen Personenkult geprägt hat?

Damit sollen Hitler und Stalin nicht irgendwie relativierend verglichen werden, aber man wundert sich doch, dass Stalin von den Russen so sehr geschätzt wird, während Lenin nach Putin, der sozusagen als Nachfolger oder Surrogat Stalins erscheint, und dem Schriftsteller Puschkin nur auf dem vierten Platz landet. Beide haben allerdings gleiche Prozentzahlen. Interessant ist für die russische Psychologie, dass Lenin 1989 noch weit vorne an erster Stelle mit 72 Prozent war und Stalin mit 12 Prozent deutlich weniger geachtet wurde. Ab 2008, dem Georgien-Krieg und dem offenen Konflikt mit der Nato scheint sich bei den Russen etwas verändert zu haben. Seitdem liegt Stalin vor Lenin.

An der Liste fällt überdies auf, dass die Russen sehr auf sich konzentriert sind und kaum als Weltbürger gelten können. Auf den ersten 20 Plätzen landen nur drei Nicht-Russen, schon abgeschlagen auf Platz 14 Napoleon, also auch wieder ein starker Mann, immerhin schaffen es Einstein auf Platz 16 und Newton auf Platz 19. Wichtiger als Wissenschaftler wird jedoch der russische Naturwissenschaftler, Aufklärer und Dichter Michail Wassiljewitsch Lomonossow auf Platz 11 und der Erfinder des chemischen Periodensystems Dmitri Iwanowitsch Mendelejew auf Platz 13 gesehen.

Gagarin, der erste Weltraumreisende, der für anhaltenden Ruhm der Sowjetunion Zeugnis ablegt, die kurzzeitig den USA überlegen war, kommt nach Peter I. auf den sechsten Platz. Gorbatschow schafft es zwar auch auf die Liste der ersten 20, aber nur auf die letzte Stelle. Er hat zwar die Sowjetunion geöffnet, aber auch deren Zusammenbruch eingeleitet.