Digitalisierung der Gefühle?

Firmen und Forscher arbeiten mit Macht daran, einerseits Computer mit Emotionen zu entwickeln, andererseits menschliche Gefühle zu computerisieren

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An der Innovationsuniversität Stanford in Silikon Valley wird derzeit die Digitalisierung der Gefühle diskutiert. Stanford ist in Informationstechnologie weltweit führend und interpretiert sie als "Befreiungstechnologie" (liberation technology). Forscher stellen seit Januar 2017 den baldigen Zusammenschluss des menschlichen Gefühls mit Technik als unvermeidlich dar - wenn auch nicht notwendigerweise als wünschenswert.

Firmen und Forscher arbeiten mit Macht daran, einerseits Computer mit Emotionen zu entwickeln, andererseits menschliche Gefühle zu computerisieren. Beide Entwicklungen sollen sich, so die Absicht, gegenseitig verstärken und im Idealfall vereinigen. Milliardengelder werden investiert, um die technische, ökonomische und menschliche Zukunft kurzzuschließen und damit die sogenannte Mensch-Maschine-Konvergenz zu erreichen.

In der Tat gilt für den Zusammenfluss technischer, wirtschaftlicher und anthropologischer Zukunft - die sogenannte Mensch-Maschine-Konvergenz - die Entwicklung von Computern mit Emotion als wesentlicher Trend. Umgekehrt steht zugleich die Computerisierung von menschlichen Gefühlen im Mittelpunkt. Beide Trends - von Mensch zu Maschine und von Maschine zu Mensch - wirken zusammen und erzeugen zunehmend Austausch. Ein Teil des Spekulationskapitals fließt bereits jetzt in ihren Schnittpunkt - für baldige Verwirklichung in einer Vielzahl von Breitenanwendungen.

Gefühlscomputing

So schilderte etwa Jonathan Gratch, Direktor für "virtuelle Forschung" am Institut für Kreative Technologien der Universität von Südkalifornien, ehemaliger Präsident der Vereinigung für Gefühlscomputing und Forschungsprofessor für Computerwissenschaft und Psychologie, im Januar 2017 zum neuen Mensch-Technik-Hybridfeld des "Gefühlscomputing" (Affective Computing)1.:

Affektives Computing ist ein Forschungsfeld, das darauf ausgerichtet ist, Technologie zu erschaffen, die menschliche Gefühle erkennt, interpretiert, simuliert und stimuliert. [Bereits heute gibt es] reiche interdisziplinäre Verbindungen zwischen computerisierten und wissenschaftlichen Zugängen zum Gefühl. Kann eine Maschine menschliches Gefühl verstehen? Zu welchem Zweck? Und kann eine Maschine selbst Gefühl "haben", und wie würde sich das auf die Menschen auswirken, die mit ihr interagieren?

Jonathan Gratch

So künstlich und unvermittelt diese Fragen zunächst klingen mögen, so haben sie doch einen weiteren, konkreteren und unmittelbareren Anwendungsfokus, als zunächst vielleicht vermutet würde:

Diese Fragen erscheinen im Kontext sehr verschiedener Domänen, einschließlich Medizin und Gesundheitsversorgung, wirtschaftlicher Entscheidungsfindung und des Trainings zwischenmenschlicher Fähigkeiten. [Was sind zum Beispiel] die Folgen dieser Entdeckungen für die Theorien der Intelligenz, das heisst: welche Funktion hat das Gefühl für die menschliche Intelligenz, und wie könnte das Maschinen zugute kommen?

Jonathan Gratch

Dasselbe gelte für die praktischen Implikationen von (noch zu entwickelnden) "Menschen-Computern", computervermittelter Interaktion und Mensch-Roboter-Interaktion. Insgesamt mache das laut Gratch eine interdisziplinäre Partnerschaft zwischen den sozialen, den humanistischen und den Computerwissenschaften rund um das Thema Gefühl notwendig.

Gratch versucht - wie inzwischen viele andere -, Computermodelle kognitiver und sozialer Prozesse des individuellen und sozialen Menschen zu entwickeln, darunter vor allem im Bereich des Gefühls. Denn dieses gilt ihm und vielen anderen als das "Innerste" des Menschen - und damit auch das Nächste am "Selbst"-Prozess der Intelligenz. Um wirklich intelligente Maschinen herzustellen - und darum geht es Gratch und anderen letztlich - muss er also, so glaubt er, "Technik mit Gefühlen" schaffen.

Daraus will Gratch zunächst "gefühlsbetonte" Mensch-Computer-"Interaktionen" in künstlichen Umgebungen ableiten. Ziel ist langfristig, Computern Gefühle zu geben, vor allem aber umgekehrt, menschliche Gefühle zu computerisieren - und zwar sowohl zu Zwecken der "Aufbewahrung" von Qualitätserfahrungen wie zu ihrer "Erforschung" und Vervielfältigung zwecks Verkauf.

Man stelle sich vor, so diese Forscher, man könne die inneren Qualitätserfahrungen von individuellen Gefühlen mittels Gehirnimplantaten oder anderen direkten Zusammenschlüssen zwischen Computern und menschlichen Gehirnen wie etwa Gehirn-Computer-Schnittstellen (Brain Computer Interfaces, BCI’s) oder Gehirn-Maschine-Schnittstellen (BMI’s), die heute bereits zum Standard werden, in einem virtuellen, nicht- oder hybridbiologischen Substrat aufbewahren und dann an andere weitergeben! Das wäre das Geschäft des Lebens - im wahrsten Sinne des Wortes.

Die "Digitalisierung der Gefühle" stößt in erster Linie in diese "Verwertungs"-Richtung vor, obwohl sie vorgibt, an einer Vertiefung von Erkenntnis interessiert zu sein. Gratch hat dazu Zeitschriften wie die "Emotion Review" und das "Journal of Autonomous Agents and Multiagent Systems" gegründet.

Vor allem der Titel des letzteren ist für die Blickrichtung des Gesamtunternehmens entscheidend: Es geht um die Verschmelzung von menschlichen mit artifiziellen, technologischen "Agenten" zu "multiagierenden Systemen" im innersten Bereich dessen, was Menschen als "Selbst" identifizieren: nämlich im Bereich des Gefühls. Dabei wird allerdings die Erfahrung von Ichheit, die beim Menschen im Wirklichkeitsprozess empirisch jedem Gefühl vorausgeht, stark vernachlässigt oder in ihrer Bedeutung für das Gesamtereignis menschlichen Gefühls gar ganz ignoriert.