"Reichenfeinstaub"

Symbolbild: Daniel Morrison. Lizenz: CC BY 2.0

Jörg Kachelmann hat eine Debatte über Holzheizungen angestoßen

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"Es stinkt wieder abends in Deutschland" - "nach etwa zehn Jahren der Geruchsfreiheit zwischen 1995 und 2005", twitterte Jörg Kachelmann am Wochenende. Dieser Gestank ist dem ehemaligen ARD-Wettermoderator nach "ein perfekter Marker für den Feinstaubgehalt der Luft". Dass der stieg, führt Kachelmann auf einen "Holzofen-Wahnsinn" zurück.

Ein Beleg dafür ist seinen Ausführungen nach, dass die Feinstaubbelastung jetzt nicht mehr zur "Rush Hour" und an stark befahrenen Straßen, sondern vor allem Abends, an Wochenenden und in Wohngebieten hoch ist, wie er unter anderem mit Tabellen aus Vaduz, Wölfersheim, Konstanz und Mecklenburg-Vorpommern illustriert. Die Ursache dafür sind seinen Ausführungen nach keine Altlastöfen, die es heute fast nur mehr in Bauernhöfen gibt, sondern ein Trend "in Villenquartieren und luxussanierten Wohnungen, wo es die Menschen 'ganz natürlich gemütlich' wollten und der gut situierte Herr sich nochmal spüren kann wie damals bei den Pfadfindern".

Deshalb spricht der nach eigenen Angaben "lebenslange Linke" von "Reichenfeinstaub". Ein Eindruck, den viele seiner Follower bestätigen, wenn sie beispielsweise anfügen: "Hier (in Brandenburg) wurden Anfang der 90er die Kachelöfen überall rausgeschmissen und die Leute freuten sich über eine moderne Gasheizung. Seit 8 Jahren aber will jeder wieder einen 'romantischen' Kamin haben."

"Demokratisierung des Drecks"

Weil sich die "Nichtreichen" in ihren Mietwohnungen keine solchen Modeöfen einbauen können, haben sich die "lufthygienischen Schwerpunkte" Kachelmanns Worten nach umgekehrt: "Vor 50 Jahren hatten die ärmsten Menschen die schlechteste Luft. Heute haben alle fernbeheizten Plattenbausiedlungen Reinluft, in den Villenquartieren herrschen in Sachen Feinstaub chinesische Verhältnisse."

Insofern, so der Wetterexperte sarkastisch, haben Holzöfen "schon Fortschritt gebracht", weil sie "den Dreck demokratisierten" und durch die Umkehrung der feinstaubbelasteten Gebiete innerhalb von 50 Jahren dafür sorgten, dass "alle in ihrem Leben mal Dreckluft hatten". Seine Vermutung. Dass der Holzofen "auch wieder Dioxin in deutsche Wohngebiete gebracht" hat, weil darin Müll verbrannt wird, dürfte jedoch unbegründet sein: Zumindest im Umland von München nehmen Kaminkehrer inzwischen sogar chemische Analysen der Asche vor, um zu kontrollieren, dass das nicht gemacht wird.

Zutreffend dürfte dagegen seine Feststellung sein, dass die Zahl der Holzöfen nicht nur deshalb so stark zunahm, weil sie eine behagliche und angenehme Wärme ausstrahlen, sondern auch, weil man sie mit dem Argument eines "CO2-neutralen" Heizens als Öko- und Tugendsignallifestylebestandteil anpries, "obwohl Bäume auch nicht von selbst aus dem Wald in den Ofen fliegen". Die "Fallhöhe", dass Käufer, die "glaub(t)en, dass sie die Guten seien", tatsächlich "verantwortlich für die größte lufthygienische Sauerei in Deutschland" sind, trägt Kachelmanns Eindruck nach zu einer begrenzten Einsichts- und Diskussionsbereitschaft bei.

"Wichtige Wählerschichten für die Parteien"

Dass sich die Politik und Massenmedien bislang praktisch nicht um das "Desaster" kümmern, liegt der Meinung des Tagesanzeiger-Kolumnisten nach aber vor allem daran, dass sie "Angst vor der Frage haben: 'Wer hat jahrelang diesen Schwachsinn propagiert? Und wer bezahlt alle diese Nachrüstungen [mit Filtern und Rauchgaswäschen]?'"

Hinzu komme, dass die neuen Holzofenbesitzer "wichtige Wählerschichten für die Parteien repräsentieren". Diese Leute müssten dann nämlich "zugeben, dass Kinder [wegen ihres Glaubens heute] wieder mit einer Feinstaub-Luft [schlafen], wie es sie zuletzt im Ruhrgebiet in den 1950er und 60er Jahren gab.": Den Verein Deutsche Umwelthilfe, die mit massenhaften Abmahnungen im Zusammenhang mit Dieselautomobilen auffiel, fragte der anwaltlich gut geschützte Schweizer gleich direkt via Twitter:

Huhu @Umwelthilfe: Was Überschreitungen von Grenzwerten und die Zahl der betroffenen Menschen angeht, ist die Problematik durch Feinstaub (Hauptquelle: Holzöfen) deutlich größer als bei den Stickoxiden - täusche ich mich, dass ich davon nichts höre oder neigen Sie zu Kaminöfen?