Mainstream-Pornographie

Ein Zwischenstand

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Dies ist der Versuch, einen ausgewogenen Artikel über das polarisierende Thema Pornographie zu schreiben. Es soll um legale, Mainstream-Pornographie gehen, die von einem großen Teil der Bevölkerung regelmäßig oder exzessiv konsumiert wird. Dabei sollen wesentliche Trends und Entwicklungen, aber auch Probleme angesprochen werden, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Um einige Zahlen und Fakten klar zu stellen, zur Einleitung ein paar Statistiken:

  • Männer nutzen häufiger regelmäßig pornographische Angebote, als Frauen. In der Geschlechterverteilung der Nutzer des Dienstes "Pornhub" sind etwa 76% männlich und 24% weiblich. Dieses Bild deckt sich auch mit anderen Statistiken zum Pornokonsum.

  • Im Rahmen einer Emnid-Umfrage von 2013 gaben 71% der Befragten an , noch nie eine pornographische Internetseite besucht zu haben.

  • Knapp die Hälfte der Männer in Deutschland gibt an, während des Masturbierens Pornos zu konsumieren, wohingegen es bei Frauen nur knapp 20% sind.

  • Laut einer Befragung von 2016 unter Menschen, die schon einmal Sex hatten, sind 24% der Frauen in Deutschland "Masturbationsverweigerer", legen also nie selber "Hand an", aber nur 12% der Männer. 18% der befragten Männer ist das Thema peinlich und sie möchten keine Angabe dazu machen. Bei Frauen sind es sogar 30%.

  • Laut einer Befragung von Schweizer Jugendlichen, durchgeführt von der Fachstelle für Sexualpädagogik (2011), gaben 21% der Jungen an, dass sie Pornographie als "eher" (16%) oder "sehr" (5%) wahrheitsgetreu empfänden. Die Mädchen hatten mit "eher" (10%) oder "sehr" (1%) einen realistischeren Blick.

  • 12,4 % des weltweiten Porno-Traffics gehen auf Pornokonsum in Deutschland alleine zurück. 25% der Suchanfragen in Deutschland haben etwas mit Sex und Pornographie zu tun.

  • Ausgerechnet das für seine Prüderie bekannte Land USA ist (dank seiner liberalen Küstenregionen) mit großem Abstand der größte Anbieter von Online-Pornographie. Und zwar mit 24,5% Weltmarktanteil. Dahinter kommen Großbritannien, Deutschland, Brasilien, Frankreich, Russland und Japan mit jeweils knapp 4 bis 5,5% Marktanteilen.

Porno, Prostitution, Kriminalität

Ohne in diesem Artikel auf illegale Inhalte wie Kinderpornographie einzugehen - es reicht ein Blick auf viele legale Seiten und Inhalte der Mainstream-Pornographie, um in den Abgrund menschlicher Niedertracht und Soziopathie zu schauen.

Legal verfügbare Gewaltpornographie kann jeder Internetnutzer auf den bekannten freien Pornoseiten konsumieren. Schon allein die Labels, unter denen solche Pornofilmchen zum Teil erscheinen, sprechen für sich. Sie heißen beispielsweise "Smash Latina" ("Lateinamerikanische Frauen zerschmettern"), "Asian Street Meat" ("Asiatisches Straßenfleisch") oder "Facial Abuse" ("Oraler Mißbrauch").

Findet man die menschenverachtenden Inhalte nicht in den normalen Kategorien wie Hardcore, Oral usw., dann auf jeden Fall unter den Schlagworten S&M oder BDSM. Im Sado-Maso-Bereich gibt es Menschen, die tatsächlich auf Schmerz oder Erniedrigung stehen bzw. darauf, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen. In der Pornographie ist aber häufig nicht erkennbar, ob die dargestellten Menschen diese Praktiken freiwillig tun. Häufig ist es offensichtlich, dass die Darsteller - oder zumindest die dominierte Darstellerin (die Masochisten sind im Porno fast immer weiblich), keine Freude, geschweige denn Lust bei diesen Praktiken verspüren.

Gängige Formen des Missbrauchs finden sich also auch in "harmlosen" Mainstream-Hochglanz- und Amateurpornos. Dazu gehören unter anderem die Folgenden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Das "Vorführen" einer nackten Frau wie auf einem Viehmarkt, wobei ein Mann sie aus dem Off ausfragt. Oder: Ein Mann hat mit einer Frau Sex, und ein anderer Mann kommentiert schwachsinnige Aussagen aus dem Off und "feuert" den Mann an, es der Frau so "richtig zu besorgen".

  • Beschimpfungen während des Sexes - u.a. mit Aussagen, die Frau sei hässlich oder dumm.

  • Unsanftes Herumschubsen- oder Herumwerfen der Frau und insgesamt ruppiger Sex, bei welchem dem männlichen Partner egal ist, ob die Frau durch sein Gerubbel und Geficke Schmerzen hat.

  • "Leichte" oder starke Ohrfeigen während des Sexes, vor allem während die Frau beim Mann Oralsex durchführt.

  • Würgen der Frau während des Sexes mit der Hand, oder während des Oralsexes dadurch, dass der Mann seinen Penis nicht wieder aus dem Hals der Frau herauszieht, obwohl sie offensichtlich keine Luft bekommt.

  • Ekelerregende "Spielarten" wie "Ass To Mouth", also Oralsex durch die Frau unmittelbar nach dem ungeschützten Analsex. Verspritzen von Sperma oder Urin über die Frau, bzw. von Sperma ins Gesicht der Frau. Aber auch direktes Spuken ins Gesicht oder in den Mund.

  • Schläge auf den Hintern der Frau während des Sex, bis der Hintern stark gerötet ist. Oder nur symbolische Schläge, vor allem während des Sex "von hinten". Letzterer Pornotrend, der sich wohl eher selten in den echten Schlafzimmern der Welt wiederfinden dürfte, wurde im Hollywoodfilm "Along Came Polly" von Ben Stiller und Jennifer Aniston persifliert.

Diese gelisteten Formen der Demütigung und Gewalt fallen leider nur zum Teil in den juristischen Definitionsbereich von "Gewaltpornografie". Sie sind also schlimmerweise legal oder bewegen sich zumindest nur in einem Graubereich. Die Juristen und Gelehrten streiten sich allerdings noch über Definitionen von Legalität und Illegalität und es wird zwischen normaler, legaler Pornographie, sogenannter "Hardcore-Pornographie" unterschieden und illegaler "Harter Pornographie" (passender wäre wohl "Pathologische Pornographie"), zu der auch Kinderpornographie gezählt wird.

Eigentlich sind Herstellung und die Verbreitung von Gewaltpornographie in Deutschland illegal. Eigentlich, wie die genannten, online verfügbaren, legalen Beispiele von Hardcore-Pornographie zeigen. Sado-Maso-Darstellungen, die auf gegenseitigem Einverständnis beruhen, sind legal, obwohl ja, wie gesagt, vom Zuschauer in vielen Fällen überhaupt nicht unterschieden werden kann, ob eine Freiwilligkeit aller Beteiligten vorliegt.

Bei vielen zweifelhaften pornographischen Darstellungen handelt es sich um einen Graubereich, der nicht geahndet wird. Erschwerend kommt dazu, dass gewalttätige Mainstream-Pornographie meist auf Servern gehostet ist, die nicht in Europa stehen. Ein interessantes Detail in diesem Zusammenhang ist der Umstand, dass die Blockchain, die technische Grundlage für einige Kryptowährungen ist, zumindest in Teilen eigentlich abgeschaltet werden müsste, da sie illegale pornographische Bilder und Links beinhaltet.

Viel Kritik an Pornographie wurde in den vergangenen Jahren geübt, zuletzt etwa sehr prägnant von Wolf Reiser, der auf Telepolis einen Artikel darüber veröffentlicht hat, wie Gewalt und Sexualität in der Mainstreampornographie verschmelzen. Er hat vor allem kritisiert, dass die gewalttätigen Pornowellen fast alle unsanktioniert und ungefiltert durchs Netz wabern, ohne dass sie durch gesellschaftliche Diskurse bisher auch nur ein wenig eingedämmt worden seien.

In Bezug auf den Zustand unserer Gesellschaft schreibt er:

Es stellt sich dem distanzierten Betrachter von kontaminierten HD-Filmen der Güteklasse "Anal Destruction" die Frage, wer genau warum dieses faschistoide und militante Anschauungsmaterial auf den Weg schickt und was der eigentliche Zweck dieses apokalyptischen Rachefeldzugs an Frauen, Kindern, Minderheiten und natürlich auch den Abermillionen Männern in ihren verschämten Heim-Masturbatorien ist.

Wolf Reiser

Anmerkung: Wobei man Herrn Reiser zurückfragen sollte, weshalb er selber potentiell faschistoide Begrifflichkeiten wie "Tugendregime" und "sexuelle Gewaltauswüchse des Migrantenmilieus" verwendet.

Etwas weniger polemisch wird Pornographie-Kritik etwa in sehenswerten Diskussionsrunden wie im Rahmen von "Sternstunde Philosophie" im Schweizer Fernsehen diskutiert.

Jugend, innere Leere, Leistungsgesellschaft

Ein wichtiges gesellschaftliches Problem in Bezug auf die Pornographie ist der niederschwellige Zugang für Kinder zu solchen Inhalten. Gerade, wenn die eigene Sexualität noch nicht definiert und fertig entwickelt ist, kann nicht ausgeschlossen werden, dass junge Menschen durch Pornokonsum negativ beeinflusst werden. Man könnte natürlich auf der anderen Seite auch sagen, dass Pornographie zur Aufklärung beiträgt, wenn der oder die Jugendliche filtern kann, was realistisch ist und was nicht. Wenn. Gerade für Erwachsene kann Pornographie positiv gesehen eine Inspiration dafür sein kann, was man so alles im oder außerhalb des Bettes tun kann.

In der Dokureihe "Die Story" im WDR wurde das Thema Kinder und Pornographie zuletzt im Februar dieses Jahres genauer beleuchtet. Schüler werden laut dort zitierter Lehrer immer jünger, wenn sie mit Pornographie erstmals in Kontakt kommen. Auch "Youtube-Stars" werden gezeigt, die auf dümmliche Art und Weise über Sex und Pornographie sprechen und damit offenbar Druck auf Heranwachsende ausüben: entstünden gefühlte Zwänge in Bezug darauf, was Kinder dächten, was sie im Bett "leisten" müssten, sobald sie sexuell aktiv werden. Eine Sexualtherapeutin bringt es im Beitrag auf den Punkt:

Das wo wir einen gewissen Performance-Druck entwickeln. Die Bilder - die werden konditioniert - zu Masturbation immer wieder abgerufen. Das heißt, die prägen sich auch ein. [...] Auch wenn wir wissen, dass das gefaked ist. [...] Dass man in so eine Art Selbstoptimierungsschiene hineinkommt, wo die Messlatte dermaßen hoch ist, dass das 'Real-Life' eigentlich dagegen antritt und kaum noch eine Chance hat.

Heike Melzer, Sexualtherapeutin

Frau Melzer spricht mit dieser Aussage implizit die neoliberale Leistungsgesellschaft an, in der vermeintlich alles gerankt, bewertet, verglichen werden muss – in der sich die Menschen vermarkten und als "Humankapital" verwerten (lassen) müssen. In diesem Fall wie auf einem Viehmarkt für das eigene Frischfleisch. Dies zeigt, wie die Prinzipien der Ökonomie in andere Lebensbereiche überschwappen.

In diesem Beispiel dringen sie in den Lebensbereich von Beziehungen und Sexualität ein und (zer)stören das friedliche Miteinander der Menschen. Unsere Gesellschaft versagt auch hier darin, die Prinzipien der Wirtschaft aus sensiblen Bereichen herauszuhalten (wie sie es auch im Bildungssystem, der Daseinsvorsorge, der Kunst, Kultur usw. tut).

Zurück zum Thema: Eine wohl gangbarere Lösung die vorgestellt wird, um mit dem Problem umzugehen, ist, im Schulunterricht verstärkt über Pornographie und den Umgang mit Sexualität zu sprechen. Schließlich funktioniert Jugendschutz in Bezug auf Pornographie in Deutschland nicht und es müssen andere Wege gesucht werden: Ein Klick auf "Ich bin schon 18" reicht, um die "Zugangsbeschränkung" zu überwinden. Jedenfalls dann, wenn die Pornoportale im Ausland sitzen, was bei den allermeisten der Fall ist.

Eine extreme Nebenwirkung der um sich greifenden Pornographisierung von Jugendlichen ist das relativ neue Phänomen des sogenannten "Porno-Mobbings". Porno-Mobbing bedeutet, dass etwa Nacktbilder- oder Sexvideos, motiviert durch Hass ins Internet gestellt werden, um andere zu diffamieren und zu erniedrigen. Zum Teil geschieht dies in Form von Fälschungen, in denen etwa die Köpfe von realen Personen in Porno-Szenen hineinmontiert werden.

Pornomobbing wurde auch im sehenswerten Fernsehfilm "Home Video" aus dem Jahr 2011 thematisiert. In diesem Film gelangt ein privates Masturbations-Video durch Zufälle in die Hände anderer Jugendlicher, die es zur Erpressung gegen ihren Klassenkameraden verwenden.

Neben Porno-Mobbing ist Pornosucht (also exzessiver Konsum) ein zweites Problem unter heutigen Jugendlichen. Spannend sind in diesem Zusammenhang medizinische Versuche, die die Auswirkungen von Pornokonsum auf das Gehirn beobachten. Fakt ist, dass das Belohnungssystem des menschlichen Gehirns beim Zuschauen solcher Bilder oder Videos sehr stark aktiviert wird. Und eben diese Gehirnregionen sind auch bei Suchtkranken anderer Süchte sehr stark aktiv.

Pornosucht und toxische Männlichkeit als gesellschaftliche Herausforderung wurden im Übrigen wunderbar pointiert von Jan Henrik Stahlberg in seinem Film "Fikkefuchs" aus dem Jahr 2017 thematisiert und persifliert. Etwa in dieser aufschlussreichen Sexszene, die viel aussagt über falsche Erwartungen und unrealistische Einschätzungen in Bezug auf Sex.

Die Gründe für Pornosucht sind laut einiger Untersuchungen unter anderem in einem "existenziellen Vakuum" vieler Jugendlicher zu suchen, auch ausgelöst durch das zunehmende Auseinanderbrechen sozialer Beziehungen, von Familien usw. Dazu kommt die Überforderung durch die ständig steigenden Leistungsanforderungen der neoliberalen Gesellschaft, was in der Kombination ein guter Nährboden für das Entstehen von Süchten sei. Schätzungen zur Folge gibt es rund eine halbe Million Sexsüchtiger in Deutschland, von denen ein Teil explizit als pornosüchtig gilt. Diese sind zu etwa 80% männlich und machen schätzungsweise zwischen einem halben und 5% der Bevölkerung aus. In vielen Fällen gefährden diese Menschen ihre sozialen Beziehungen, Berufe oder Bildungswege durch den enormen Zeitaufwand, den das Pornogucken ausmacht. Auch leide die Empathiefähigkeit der Süchtigen laut Experten.

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Die Sinnleere in der modernen Industriegesellschaft, die Grundlage für viele Probleme ist, geht einher mit dem Entstehen von Langeweile. Theodor W. Adorno etwa kritisierte in den 1960er-Jahren bereits die fremdbestimmte Arbeit in der modernen Industriegesellschaft dafür, dass sie negative Auswirkungen auf die Menschen insgesamt habe - speziell auch für den Bereich ihrer Freizeit. Diese sei durch gesellschaftliche Selbstverwertungszwänge für viele von pathologischer Langeweile geprägt:

Langeweile ist Funktion des Lebens unterm Zwang zur Arbeit und unter der Arbeitsteilung. [...] Wann immer das Verhalten in der freien Zeit wahrhaft autonom von freien Menschen für sich selbst bestimmt ist, stellt Langeweile schwerlich sich ein. […] Langeweile ist der Reflex auf die objektive immer wieder Gleichheit. […]
Wer sich anpassen will, muß im ansteigenden Maß auf Phantasie verzichten. [...] Die gesellschaftlich eingepflanzte und anbefohlene Phantasielosigkeit macht die Menschen in ihrer Freizeit hilflos

Zitate aus dem Vortrag "Freizeit-Zeit der Freiheit", 1969