Frankreich: Medien und Milliardäre

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Redakteure bei Le Monde machen sich Sorgen über ihre Unabhängigkeit angesichts der Beteiligung und des wachsenden Einflusses des tschechischen Investors Daniel Kretinsky

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Bei der international bekannten französischen Zeitung Le Monde, einzuordnen in der liberalen Mitte, haben sich die Spannungen, die mit der journalistischen Unabhängigkeit zu tun haben, verstärkt. Grund dafür ist ein Aktienpaket, das ein Duo erlangen könnte.

Einer der beiden Partner ist auch in Deutschland bekannt: Der tschechische Milliardär Daniel Kretinsky sorgt hierzulande mit einem Übernahmeangebot für Metro für Aufsehen in Wirtschaftskreisen.

Das Metro-Übernahmeangebot, das offenbar mittlerweile angenommen wurde, soll von Kretinskys Beteiligungsgesellschaft EP Global Commerce an die Bedingung geknüpft worden sein, dass "Kretinsky sich damit mindestens 67,5 Prozent aller Stammaktien sichern kann".

Kontrollmehrheiten

Bei Le Monde, wo Kretinsky als (49-Prozent-Minderheits-)Partner des Aktionärs und Geschäftsmanns Matthieu Pigasse Anteile zukaufen will, geht es nicht um solche eindeutigen, überwältig großen Kontrollmehrheiten. Die sind dort aufgrund verschachtelter Beteiligungen bislang auch nicht möglich. Immerhin aber geht es um einen Anteil von über 46 Prozent.

Den könnten Pigasse und Kretinsky mit der Beteiligungsgesellschaft Le Nouveau Monde (LNM) an der Gesellschaft, die die Kontrolle über die Gruppe Le Monde hat, erreichen, wenn ihnen, wie erwartet oder auch befürchtet wird, die spanische Gruppe Prisa (Eignerin von El Pais) ihren 20-Prozent-Anteil abtritt. Bislang hält die Beteiligungsgesellschaft der beiden Partner einen Anteil von 26,66 Prozent an der Gruppe.

20 Millionen Euro werden Prisa laut Le Monde von Pigasse und Kretinsky nun für deren 20-Prozent-Anteil geboten.

Befürchtungen vom "Unabhängigkeitspol"

Insbesondere Daniel Kretinsky, der als Investor und Geschäftsmann ähnlich wie Matthieu Pigasse, aber bislang weniger ausgeprägt, eine gewisse Affinität zu Medien hat (er hält Anteile an dem Medienunternehmen Czech News Center), weckt bei den Redakteuren von Le Monde Befürchtungen.

Die Gesellschaft der Redakteure der Zeitung (Société des rédacteurs du Monde - SRM) gehört zum "Unabhängigkeitspol" der Herausgebergesellschaft, der 25 Prozent hält, und wie der Name schon sagt eine Art Schutzbarriere darstellen soll (Überblicksbild hier).

Die Art, wie sich der tschechische Milliardär bei Matthieu Pigasse eingekauft hat und wie man nun überraschend von den Verhandlungen mit der spanischen Gruppe Prisa in Kenntnis gesetzt wurde , kam, um es gelinde zu sagen, bei den Redakteuren nicht gerade als vertrauensbildende Maßnahme an. Sie sprechen von einer "schlechten Aktion", gar von einem "feindlichen Akt" gegenüber dem Geist einer früheren Vereinbarung mit Matthieu Pigasse.

"Er bestimmt die Musik"

Daniel Kretinsky "bestimmt die Musik", ist bei Jürg Altwegg in der Faz über den "Kampf um Le Monde" als klimatische Einschätzung zu lesen. Altwegg erwähnt auch die neuralgischen Punkte, die Beteuerung Kretinskys - "Es geht uns einzig um die Zeitung und die Unabhängigkeit der Redaktion" - und den Anspruch auf einen weiteren Sitz im Aufsichtsrat, falls die Anteile der Beteiligungsgesellschaft von Pigasse und Kretinsky erhöht werden.

Der Behauptung des tschechischen Investors wird in einem Artikel von Le Monde der Eindruck entgegengehalten, dass dieser - wie es für einen Investor selbstverständlich ist - darauf achtet, dass sich seine Investitionen auch auszahlen ("Er investiert nicht à fonds perdu"). Die Frage ist nun, ob sich das auch auf die Linie der Zeitung auswirken könnte.

Der Einfluss der Reichsten

Den größeren Kontext liefert ein früherer Artikel von Jürg Altwegg, der an dieser Stelle in Zusammenhang mit den Gelbwesten-Protesten erwähnt wurde. Dort findet sich folgende Zusammenfassung der französischen Medienlandschaft: "Die führenden Medien befinden sich fast ausnahmslos in den Händen der zehn reichsten Franzosen."

Ein aktuelles Überblicksschaubild der Besitzverhältnisse der medienkritischen Webseite Acrimed widerspricht dieser Einschätzung nicht, macht aber auch deutlich, dass es ein klein wenig mehr der reichen Players im französischen Mediengeschäft gibt und sich die Verbindungen nicht auf den ersten Blick deutlich erschließen.

Das dürfte auch für den Einfluss der Beteiligungsgruppe von Pigasse und Kretinsky mit dem - programmatischen? - Namen "Le Nouveau Monde" gelten. Von Altwegg ist in der FAZ über Kretinsky zu erfahren:

In Frankreich gehört ihm bereits das Meinungs- und Nachrichtenmagazin "Marianne". An dessen Spitze stellte er die Journalistin Natacha Polony, eine engagierte Anhängerin der französischen Souveränität mit Hang zum Populismus.

Jürg Altwegg, FAZ

Das spricht dafür, dass der "Sohn eines Informatik-Professors und einer Verfassungsrichterin, der Politologie studierte und einen juristischen Abschluss machte" (Wirtschaftswoche) durchaus Einfluss auf Redaktionen ausübt.

Machtfülle und Gegenreaktionen

Geht es nach Erfahrungen, die die französische Journalistin Aude Lancelin in ihrem anspielungsreichen Buch "Le Monde libre" (Die freie Welt) schildert, so sind die Eigentümer maßgeblich daran beteiligt, den Redaktionschef ("directeur de la rédaction") zu bestimmen, der wiederum nach Erfahrungen von Lancelin, etwa als Redakteurin beim früheren Nouvel Obs, über eine erstaunliche Machtfülle und Insistenz verfügen kann, eine politische Linie durchzusetzen.

Nun ist Aude Lancelin ihrerseits ein besonderer Fall. Sie wurde vom Nouvel Observateur entlassen, was mit einer Kritik an Bernard-Henri Lévy in Verbindung steht, und vor Kurzem bei der linken Publikation Le Média. Zu beiden Entlassungen gibt es unterschiedliche Darstellungen, die politisch gewichtet werden.

Lancelin ist in Frankreich spätestens mit den Gelbwestenprotesten, über die sie bei Le Média ausführlich und prononciert gegen den "Mainstream" berichtete, zu einer ikonenhaften Kritikerin der etablierten Medienmacht geworden.

Derzeit ist sie dabei, ein neues alternatives Medium zum Leben zu bringen. Man darf gespannt sein, was daraus entsteht. Zu hoffen ist, dass es frei von einer beengenden Lagermentalität und dazu gehörigen Verhärtungen ("auf Linie bleiben") ist, was als Gegenreaktion oder Gegenspur zum etablierten, einlullenden Medien-Unisono durchaus vorkommt. Lancelins unbedingte, sich jede (Selbst-)Kritik ersparende Verteidigung der Gelbwesten-Demonstrationen und deren Facebook-Protagonisten deutet in diese Richtung.

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