Reshoring: Die Umorganisation der globalen Arbeitsverteilung

Zurückholen von Teilen der Produktion und Verkürzung der Lieferketten

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Die International Labor Organisation (ILO) hatte bereits im Jahr 2016 in einer großen Untersuchung die Prognose gestellt, dass in der ASEAN-Region, mit 660 Millionen Menschen und einem der größten Wirtschaftsräume der Welt, ein noch nie dagewesener millionenfacher Arbeitsplatzabbau vonstatten gehen wird. Heute geht die ILO davon aus, dass weltweit bis zu 35 Millionen Menschen zusätzlich in Arbeitsarmut leben werden und 25 Millionen Menschen erwerbslos werden, damit wären nach den offiziellen Zahlen über 200 Millionen Menschen weltweit ohne Arbeit

Der derzeitige weltweite wirtschaftliche Niedergang, gepusht durch die Corona-Pandemie, hat den massiven Arbeitsplatzabbau lediglich vorgezogen und gezeigt, wie anfällig die globalen Lieferketten geworden sind.

Für die wirtschaftspolitische Planung der Bundesregierung ist schon seit längerer Zeit klar, dass die weltweit agierenden Unternehmen Teile der Produktion nach Deutschland zurückholen sollten. Nicht nur um die Lieferketten zu verkürzen, sondern vor allem beim wirtschaftlichen Neustart die Einführung von Robotern zu forcieren und eine Renaissance der Industrieproduktion in den reichen Industrieländern einzuläuten. Mithilfe einer immens teuren Digitalisierung sollten dann mit durchgängiger integrierter Vernetzung und Steuerung aller Produktionsschritte die Produktionsanforderungen durch informationstragende Elemente auf das Einzelprodukt übertragen werden können.

Vor nunmehr 30 Jahren begannen die Unternehmen damit, ihre Produktion in Niedriglohnländer auszulagern. Dazu trugen der Fall der staatssozialistischen Länder, Chinas wirtschaftliches Wachstum mit globaler Integration und Aufnahme in die Welthandelsorganisation bei wie auch die Zunahme der Containerwirtschaft. Bis zur globalen Finanzkrise von 2008 wurde eine Hyperglobalisierung aufgebaut, in der 60 Prozent des Welthandels auf die globalen Wertschöpfungsketten fiel.

Mit der globalen Krise von 2008 wurde der Zenit überschritten das Ende dieses Globalisierungszeitalters zeichnete sich ab. Schon 2011 kam die Expansion der globalen Wertschöpfungsketten zum Erliegen.

Der aktuelle weltweite wirtschaftliche Niedergang, gepuscht durch die Corona-Pandemie, hat erneut gezeigt, wie anfällig die globalen Lieferketten geworden sind und dass trotz der Einsparungen für die Unternehmen es sich nicht mehr lohnt, die mit der Produktionsauslagerung verbundenen Risiken einzugehen.

Die Bundesregierung hat sich schon vor einiger Zeit der "kybernetischen Wende" gewidmet, die Forschung darauf ausgerichtet und entsprechend ausgestattet, damit sich der Staat und jene Wirtschaftssektoren, die aus der Krise gestärkt hervorgehen werden, bereits früh in der Krise einen strategischen Vorteil sichern können.

Forschungsprojekt SPEEDFACTORY

Mit dem Projekt SPEEDFACTORY des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWI) wurde schon 2013 begonnen und bereits 2016 konnten konkrete Ergebnisse vorgelegt werden. Am Beispiel dieses Forschungsprojektes konnte schon vor 5 Jahren gezeigt werden, wie das Ganze in der Praxis laufen kann und wo man sich bereits in der Entwicklung befindet.

Laut dem BMWI geht es bei SPEEDFACTORY darum:

Im Forschungsprojekt SPEEDFACTORY wird eine automatisierte Einzelstückfertigung entwickelt, in der Menschen und Roboter in gemeinsamer Arbeitsumgebung Sportartikel sowie Bezüge für Autositze produzieren. Diese können innerhalb kurzer Zeit vom Design bis zum finalen Produkt kostengünstig und flexibel hergestellt werden.

Ziel ist eine Verminderung der Transaktionen über die Kontinente hinweg. Die Produktion von Mode- und Sportartikeln soll wieder verstärkt in Europa stattfinden. Die Wettbewerbsfähigkeit soll durch kürzere Logistikwege (physisch und informell) und damit schnellere Reaktion auf Kundenwünsche und Modetrends erhöht werden.

Die Projektpartner erwarten im Ergebnis die prototypische Fertigung von Sporttextilien und -schuhen bzw. von Sitzbezügen für Fahrzeuge mit innovativen Produktionsprozessen ohne Wertschöpfungseinbußen. Diese erfordert intelligente Fabrikkonzepte mit hohem Automatisierungsgrad und kognitive Fähigkeiten der eingesetzten mit den Maschinen interagierenden Arbeitskräfte. Um die Prozesse effizient zu gestalten, wird zunächst die Modularisierung einzelner Produktionsschritte vorgenommen. Die Koordination und Steuerung der einzelnen Module erfolgt dabei weitgehend automatisiert und dezentral. Durch die Verwendung einzelner Werkstoffe, die bis heute nicht durch Maschinen automatisiert verarbeitet werden können, kommt den Arbeitskräften und ihrem Zusammenwirken mit Fertigungsrobotern eine herausragende Bedeutung zu. Erst die Anwendung innovativer Sensorik, Umgebungsintelligenz und Kognition sowie der Einsatz von Augmented Reality ermöglichen eine ökonomisch sinnvolle Interaktion zwischen Mensch und Roboter.

Konsortialpartner sind: adidas AG (Konsortialführer), fortiss GmbH, Johnson Controls GmbH, KSL Keilmann Sondermaschinenbau GmbH, RWTH Aachen".

Forschungspartner Adidas

Für den Partner adidas war schon früh klar, wie die Produktion von Sportschuhen demnächst aussehen könnte, er vermarktet das Konzept unter dem Begriff "speedfactory".

Adidas geht davon aus, dass die Kunden kaum noch in einem Geschäft ihre vorgefertigten Schuhe kaufen werden, sondern entsprechend der aktuellen Mode sie lieber individuell ausgestaltet hätten. So wählt man die Farbe, Muster, Material und Extras nach eigenen Wünschen aus, lässt den Fuß einscannen und ausmessen, dann gehen die Daten über das Netz in die Produktion und die Schuhe werden am nächsten Tag dem Kunden geliefert.

Das kann erst so funktionieren, wenn es ein Netz von kleinen Fabriken gibt, die in Kundennähe produzieren. Adidas hat bereits ein flächendeckendes Verkaufssystem, das dann nur noch angepasst werden muss, um schnell und flexibel auf die sich ändernden Kundenwünsche einstellen zu können. Die Technologie ist derzeit schon so weit, dass man mithilfe der 3D-Drucker und neuer Fertigungsmethoden ein Paar Schuhe als Einzelanfertigung so herstellen kann.

Forschungspartner Johnson Controls

Für den Forschungspartner Johnson Controls, der im Bereich Autozulieferer produziert, könnte das Szenario so aussehen, dass der Kunde sein individuell ausgestaltetes Auto zeitgleich mit der Produktion im Internet gestaltet. Da die Maschinen miteinander kommunizieren können, steuern sie selbst, ob die Innenausstattung des Autos diese oder jene Farbe erhält oder aus diesem oder jenem Material besteht. Die verschiedenen Module lassen sich in ihrer Reihenfolge ändern oder können ganz weggelassen werden.

Bei dieser Produktionsform kommuniziert einfach alles mit allem, die Maschinen, die Stoffe, die Kunden und die Beschäftigten.

Die neuen Möglichkeiten, die die Kombination von neuen Fertigungstechniken und IT bieten, bringen den Unternehmen eine massive Produktivkraftentwicklung.

Ausbau der automatisierten und digitalisierten Fertigung

Aufgrund durchgängiger integrierter Vernetzung und Steuerung aller Produktionsschritte können die Produktionsanforderungen durch informationstragende Elemente auf das Einzelprodukt übertragen werden. Die Ausstattungskomponenten z.B. Sonderwünsche oder besondere Merkmale für ein entstehendes Produkt werden, ausgelöst durch eine einzelne Bestellung, direkt in die Produktion übertragen. Die einzelnen Produktionsbestandteile selbst erhalten bereits zu Beginn des Herstellungsprozesses die Information darüber, wie sie bearbeitet werden sollen und übergeben diese Daten an die ausführenden Maschinen.

Nicht mehr die zentrale Steuerung steht im Zentrum der Produktion, sondern dezentrale untereinander vernetzte und flexibel einsetzbare Fertigungseinheiten, die sogenannten cyber-physische Systeme (CPS). Das zu bearbeitende Werkstück erhält dabei durch digitale Speicher die Information, wie es in der einzelnen Fertigungsstufe bearbeitet werden soll. Das jeweilige CPS liest die einlaufenden Daten aus und bearbeitet das Werkstück entsprechend der Vorgaben. In einer Produktionslinie können tausend verschiedene Güter in Echtzeit produziert werden. Lager brauchen nicht mehr vorgehalten werden, auch diese Kosten entfallen.

Bei dieser Neuerung handelt es sich um die integrierte und vollständige Digitalisierung aller vertikalen und horizontalen Werkschöpfungsketten in Industrie und Logistik. Unternehmen entstehen quasi neu als digitales Abbild der Wirklichkeit.

Das ist eine gigantische Entwicklung, bei der es um nicht weniger als dem Bruch mit dem Gesetz der Massenfertigung geht. Erst mit der Durchsetzung dieser Technologie als Kommunikationsstandard für alle technischen und gesellschaftlichen Bereiche, kann ein solcher Grad erreicht werden.

Verkürzung der Lieferketten

Die Möglichkeiten der Digitalisierung und die günstigen Transportkosten bewirkten, dass immer mehr Produktionsschritte ins Ausland ausgelagert wurden. Hier ging es vorrangig um die arbeitsintensive Produktion, die in Ländern mit niedrigen Lohnkosten verrichtet wurde.

Grundlage der Verlagerung ist die Idee der Modularisierung, also die Aufspaltung eines Produktes in seine Bestandteile, erst dann konnte die Herstellung einzelner Modulteile durch verschiedene Produzenten erfolgen. So entstand ein weltweiter Flickenteppich von einzelnen Herstellern, die sich oft auf den Bau eines Teils spezialisiert haben. Deshalb ist auch die Wertschöpfung komplexer, internationaler und zum Teil auch unübersichtlicher geworden. Wenn jedoch die Wertschöpfungsstrukturen zu lang und zu komplex sind, dann wird eine Unterbrechung wahrscheinlicher und sie werden auch anfälliger bei Änderungen von Rahmenbedingungen, so wie heute bei der Pandemie.

Sobald ein kleines Stück in den globalen Wertschöpfungsstrukturen fehlt, kommt der ganze Produktionsprozess ins Stocken. Aktuell wird auch gezeigt, wie problematisch der weitgehende Verzicht auf Lagerhaltung ist und ein nur kurzfristiger Lieferausfall den gesamten Produktionsprozess gefährdet.

Umsetzung Reshoring - etwas humaner oder aggressiv?

Die Umorganisation der globalen Arbeitsverteilung, das Zurückholen der Produktion und die Verkürzung der Lieferketten werden von den Experten zurzeit sehr breit und teils widersprüchlich diskutiert.

Die einen erhoffen sich besser gesicherte Transportwege wie die störungsanfällige Straße von Hormus und setzen auf eine gute grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Gewerkschaften, um das Ausspielen von Standorten gegeneinander zu vermeiden. Flankiert von einem Lieferkettengesetz, das die Einhaltung von Sozial- und Arbeitsrechten und den Umweltschutz gewährleisten soll.

Dann gibt es diejenigen, die sich von der neuen Entwicklung versprechen, dass Unternehmen die Kosten von Produktionsverlagerungen ins Ausland im Vergleich zur eigenen Herstellung sowie die Just-in-time-Produktion gegenüber Lagerhaltung neu bewerten und dass viele Unternehmen zukünftig stärker darauf achten werden, ihre Versorgung mit Vorleistungen nicht nur unter Effizienzaspekten zu planen, sondern Risikoaspekte stärker berücksichtigen.

Bis hin zu denen, die sehen, dass Unternehmen eine aggressive Einführung von Robotern in den reichen Ländern beschleunigen werden, was zu einer Renaissance der Industrieproduktion in wirtschaftlich dominanten Industrieländern führt und dort auch zukünftig der Profit gesichert ist.

Auf jeden Fall werden für exportabhängige Länder wie Deutschland die Freihandelsabkommen, die sichere und stabile Lieferketten garantieren sollen, mit einzelnen Staaten oder Staatenverbünden an Wichtigkeit gewinnen.

Auswirkungen auf die Beschäftigten

Der massive Ausbau der automatisierten und digitalisierten Fertigung sowie die Verkürzung der Lieferketten kann nur von den technisch am weitesten entwickelten Unternehmen geleistet werden, die Teil einer Umstrukturierung der weltweiten Arbeitsverteilung sind.

Da wird auch ein Lieferkettengesetz, mit dem die Unternehmen sich auf Standards bei Umwelt und Menschenrechten verpflichten, kaum etwas ausrichten. Eher wird dadurch den großen Konzernen die krude Argumentation an die Hand gegeben, dass sie die Produktion deshalb zurückholen, weil die Länder, in denen ihre Teilproduktion bisher vonstatten ging, nicht gewährleisten können, dass dort die Sozial- und Menschenrechte sowie der Umweltschutz eingehalten werden.

Der Prozess des Reshoring wird fatale Folgen für die Beschäftigten, vor allem in den südlichen Ländern, mit sich bringen. Wegen Betriebsschließungen infolge mangelnder Nachfrage nach ihren Produkten werden die Beschäftigten dort von heute auf morgen auf der Straße stehen und kaum noch Mittel haben, in ihre Herkunftsorte bzw. zu ihren Familien zurückkehren zu können. Es bleibt ihnen nur noch ein Leben zwischen Pest und Cholera, in dem es wahrscheinlich nicht so schlimm ist, ausgebeutet zu werden, als gar nicht mehr zu arbeiten.

Aber auch für die Beschäftigten bei uns wird sich Grundlegendes ändern. Der Digitalisierungsschub wird auch die bisher gehätschelten IT-Spezialisten zu "Crowd-Beschäftigten" degradieren, die nicht nur unter der Knute des Auftraggebers stehen, sondern die auch noch vom Computer befehligt und angetrieben werden, standardisierte, kleinstzerlegte Arbeiten als vereinzelte, isolierte und schlecht bezahlte Wesen in Heimarbeit zu verrichten und dabei noch überwacht und kontrolliert zu werden.

Der Beitrag von Laurenz Nurk ist zuerst auf Gewerkschaftsforum.de erschienen und steht unter der CC-Lizenz BY-NC-ND 3.0.

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