Impfung: Arztpraxen wollen in der ersten Hälfte des zweiten Quartals übernehmen

Andreas Gassen. Screenshot: TP

Biontech-Serum hält sich im normalen Praxiskühlschrank eine Woche lang

Den Berechnungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) nach müssen die Arztpraxen bald die Corona-Impfungen übernehmen, wenn die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ihr Versprechen halten will, bis zur Bundestagswahl allen Bürger, die das möchten, eine Coronaimpfung anzubieten. Um das zu illustrieren, hat das Institut ein Onlinetool programmieren lassen, das es heute auf einer Pressekonferenz mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KVB) vorstellte.

Impfstoffüberhang

Mit ihm lassen sich verschiedene "Impfszenarien" für den Bund und einzelne Länder einstellen. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass ab April mehr Impfstoff zur Verfügung steht, als ihn die bestehenden Impfzentren mit ihrer Kapazität von täglich maximal knapp 140.000 Dosen spritzen können. Erlaubt man den Arztpraxen das Impfen, erhöht sich die Kapazität auf über eine Million Dosen pro Tag - dann könnte bis zum 18. Juli die vulnerablere Hälfte der Bevölkerung geimpft sein - und bis zum 12. September der Rest.

Durch ein Impfen in den Arztpraxen löst sich der KVB zufolge auch das Problem, dass etwa ab April deutlich mehr Impfstoff zur Verfügung steht, als die Impfzentren verabreichen können. Auf Reporterfragen hin, dass es ja bereits jetzt einen Impfstoffüberschuss gibt, der in den Impfzentren nicht zeitnah gespritzt wird, meinte Andreas Gassen, der stellvertretende Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, er könne auch nicht sagen, woran das liegt. Es könne dabei aber eine Rolle spielen, dass es für ältere und weniger mobile Menschen manchmal eine Herausforderung ist, in ein weit entferntes Impfzentrum zu gelangen. Hofmeister zufolge müssen die Impfwilligen dort außerdem "erkennungsdienstlich behandelt" werden [sic], weil man sie ja - anders als in den Arztpraxen - nicht persönlich kennt.

Keine neue Software

Dem KVB-Vorstandsvorsitzenden Stephan Hofmeister nach können die Arztpraxen nicht nur den (was die Lagerbedingungen betrifft) anspruchsloseren Impfstoff von Astrazeneca spritzen, sondern auch den von Biontech und Pfizer. Inzwischen habe sich nämlich herausgestellt, dass er sich nach der Entnahme aus der Tiefstkühlung noch mindestens 120 Stunden in regulären Kühlschränken lang hält - also eine Arbeitswoche lang.

Der Großhandel, der die Impfstoffe liefern könnte, habe sich bereits auf die erforderliche Infrastruktur eingestellt. Auch das Vorhandensein von ausreichend Spritzen und Kanülen könne man in Eigenregie durch Verhandlungen mit diesem Großhandel und mit den Apotheken ab der ersten Hälfte des zweiten Quartals 2021 sicherstellen. Eine neue Software brauche man dazu nicht, denn das Impfen sei ja das "Tagesgeschäft" der Praxen und "Routine".

"Aufwandsärmer"

Impfen die Arztpraxen gegen Corona, wird es Hofmeisters Worten nach auch keine Einladungen mehr geben: Dann ruft ein Impfwilliger einfach bei einem Arzt an und lässt sich einen Termin geben. In die "Restpriorisierung", die der Arzt zwischen Impfwilligen vornimmt, sollten sich die Behörden seiner Ansicht nach nicht mehr einmischen. Überhaupt zeigten sich die Kassenarztvertreter hinsichtlich der bisherigen Leistungen der Politik eher skeptisch: Gassen meinte sarkastisch, die Impfstoffbeschaffung durch die EU sei "großartig gelaufen" und erklärte den Wunsch nach Nichteinmischung mit dem Satz: "Wir wollen ja, dass das funktioniert."

Seinen Angaben nach ist die Impfung in Arztpraxen deutlich "aufwandsärmer" als in den Impfzentren, weshalb auch die Kosten dafür "um erhebliche Größenordnungen" niedriger lägen. An Honorar für die Ärzte erwartet er eine Vergütung, die mit der für andere Impfungen vergleichbar ist. Für die Ärzte würde das trotzdem eine erhebliche Finanzspritze bedeuten, weil sich gegen Corona wahrscheinlich deutlich mehr Menschen impfen lassen als gegen Grippe, FSME oder Reiserisikoinfektionen. Manche Ärzte können das gut brauchen - vor allem an Kurorten klagen Praxen durch ein corona- und lockdownbedingtes Fernbleiben älterer Leute über finanzielle Sorgen.

"Meldeproblem" in Rheinland-Pfalz

Möglicherweise spielten solche Überlegungen - bewusst oder unbewusst - auch eine Rolle bei der Gestaltung des Illustrationstools. Dass es bei dessen Aussagekraft noch Probleme gibt, zeigte sich, als bei seinem Vorführen durch den Zi-Vorstandsvorsitzenden Dominik von Stillfried das Bundesland Rheinland-Pfalz mehr verimpfte als gelieferte Dosen anzeigte. Von Stillfried vermutet hier ein "Meldeproblem" als Ursache. Das ist keine lebensferne Erklärung - auch deshalb nicht, weil in Rheinland-Pfalz am 14. März 2021 gewählt wird.

In Israel, wo die Corona-Impfungen bislang deutlich schneller vorangehen als in Deutschland, impft man inzwischen sogar in Bars: Unter dem Wortspielmotto A Shot With Your Shot will man dort mit Belohnungsschnäpsen jüngere Leute erreichen, die sonst aufgrund der großen Chance eines symptomfreien leichten Verlaufs der Krankheit auf die Nebenwirkungen einer Impfung verzichten würden. Noch jüngeren Personen versüßte man Impfungen früher mit Zuckerwürfeln und Bonbons.

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