Hakim Bey: Ikone der Hackerkultur

Bild: Thierry Ehrmann/CC BY 2.0

Wie sieht die die Zukunft der Netzkultur aus? Das müssen wir uns nun ohne den Netzguru der ersten Stunde vorstellen

Hakim Bey (bürgerlicher Name Peter Lamborn Wilson) galt als eine der Hauptfiguren der Antiglobalisierungsbewegung und zugleich als Netzguru der ersten Stunde, als Sufi-Cyberpunk der Medienphilosophie und Anarcho-Poet des Cyberspace. Er starb am 22. Mai 2022 in seinem New Yorker Apartment an einem Herzinfarkt.

Der 1945 in New York geborene Hakim Bey (arab. "Herr Doktor") war subkultureller Künstler, Rundfunkmacher, Philosoph, "anarchistischer Ontologist". Seine Bücher, Essays und Aphorismen befassen sich mit diversen kulturkritischen Fragen, proklamieren anarchistische Gesellschaftsmodelle und verbinden Meditationen über die Kultur der Computernetze mit muslimischer Mystik und Science-Fiction.

Er floh nach der Ermordung von Martin Luther King 1968 aus den USA in den Libanon, bereiste islamische Länder, lebte lange im Iran, wo er unter der Schah-Diktatur für die Imperiale Akademie 1975-78 die Philosophie-Zeitschrift Sophia Perennis herausgab. Nach der Revolution kehrte er 1979 in die USA zurück.

Als spiritueller Weggefährte von LSD-Guru Timothy Leary wohnte er später mit dem Schriftsteller William Burroughs zusammen, entwickelte seine Medienphilosophie und sympathisierte mit Utopisten wie Gustav Landauer, dem Märtyrer der Münchener Räterepublik von 1919. Seine Aphorismen drangen in dem New-Economy-Hype der 1990er-Jahre bis auf Werbepostkarten smarter Startups der Internetwelt vor.

Technologiekritik gegen die Totalität

Hakim Bey kämpfte im Sinne einer Aufklärungs- und Technologiekritik gegen die "Totalität", soll heißen gegen den expansiven Zugriff der kapitalistischen Kapital-, Waren- und Mediengesellschaft auf die Ganzheit des menschlichen Lebens. Er wandte sich gegen einen "Extropianismus", heute würde vielleicht man sagen "Transhumanismus", der vorwiegend technische Lösungen für soziale, politische und kulturelle Herausforderungen sucht.

Statt großer Theorien oder pathetischer Manifeste wollte Hakim Bey konkreten Widerstand in Piratenutopien und anarchischen Aktionen anregen. So wurde er auch als mystifizierender Netzpoet im Anti-Barlow angesprochen, der aber den Verheißungen des berühmten Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace misstraute und auf Dystopien wie Blade Runner und Neuromancer (Vorbild für Matrix) verwies:

Aber was wäre, wenn Cyberspace selbst per Definition eine Form der Trennung und eine Manifestation der "Maschinen-Logik" ist? Was ist, wenn die Entkörperung, die jedem Erscheinen im Cyberspace innewohnt, zu einer Entfremdung von genau jener Sphäre des Alltagslebens führt, die der Extropianismus umzuwandeln und von ihren Elendigkeiten zu reinigen hofft?

Wenn dem so wäre, könnten die Ergebnisse sehr wohl den dystopischen Situationen, wie sie sich Philip K. Dick und William Gibson vorstellen, ähneln… jene Art von Vergeblichkeit und Melancholie hervorrufen, die diese Schriftsteller aufzeigen.

Hakim Bey: Primitive und Extropianer

Hakim Beys Temporäre Autonome Zonen

Bekannt wurde vor allem sein Konzept der Temporären Autonomen Zone (TAZ), eines nur kurzzeitig existierenden Raumes, in dem gesellschaftliche Regeln und Machtverhältnisse außer Kraft gesetzt werden. Hakim Bey sprach von poetischem Terrorismus, der sich in künstlerischen Aktionen gegen Mainstream-Medien oder Prominente richten könnte.

Anarchische Wurzeln, etwa beim Frühsozialisten Charles Fourier, der eine freie Gesellschaft in autarken Kommunen erschaffen wollte, verbindet Hakim Bey mit Inspirationen der Situationistischen Internationale, ihrer Weiterentwicklung als Kommunikationguerilla und Machtkritik, die auf Michel Foucault verweist.

Die TAZ existiert – der Zweck der Theorie war einfach bloß, sie zu bemerken, ihr zu helfen, sich selber zu bestimmen, "politisch bewusst" zu werden. Die Vergangenheit und die Zukunft helfen uns, unsere "wahren" (revolutionären) Sehnsüchte zu (er)kennen – aber nur die Gegenwart kann sie verwirklichen – nur der lebende Körper in all seiner grotesken Unvollkommenheit.

Hakim Bey: Primitive und Extropianer

Die TAZ ist als bescheidenere Variante großer utopischer Zukunftsentwürfe gedacht, die Idee einer großen Revolution wird damit verworfen. Damit ist nicht nur der klassische Marxismus-Leninismus gemeint. Ein etwa von Lebensreformern wie dem Utopisten Landauer ersehnter "großer Neuansatz" für unsere Zivilisation und Kultur sollte einer neuen Weltauffassung folgen.

Deren Reformkonzept entfaltete seine Langzeitwirkung im Umfeld der Protestbewegungen etwa der Hippie- und New Age-Bewegungen der 1970er-Jahre und auch in zeitgenössischer Globalisierungskritik, zu der man Hakim Bey zählen kann:

Da es jedoch immer fragwürdiger wird, ob eine "andere Welt" überhaupt noch aufgebaut werden kann, hat sich der amerikanische Philosoph, eine der Hauptfiguren der Antiglobalisierungs-Bewegung, Hakim Bey, ein "ontologischer Anarchist" und Sufi-Mystiker nach seiner Selbstdarstellung, die Möglichkeit der Entwicklung von PAZ und von TAZ, d.h. "von permanenten und temporären autonomen Zonen" ausgedacht.

Catherine Repussard

Nach Catherine Repussard geht es Hakim Bey, den sie mit Landauer vergleicht, keineswegs nur um traditionelle Landidylle und Landkommunen, die biologische Produkte anbauen: Selbst wenn Umweltbewusstsein und Ökologie ("The living earth") in seinem Werk zentral blieben, gibt es in der TAZ eine politische Dimension, die auch auf die Zukunft der Netzkultur gerichtet ist.

In einer TAZ werden unwahrscheinliche Begegnungen und Erfahrungen möglich, können, von großen Machtstrukturen unbemerkt, kleine Räume geschaffen werden, in denen eine soziale Utopie gelebt, eine andere, auch mystische oder sogar okkulte Weltsicht entwickelt werden kann. Sein hier zitierter Essay "Primitive und Extropianer" erschien in der deutschen Zeitschrift Golem, die dem Okkultismus zugeneigt war, aber auch Kapitalismuskritik übte:

Und während sich das Kapital tiefer und tiefer in den Cyberspace zurückzieht oder in die Entkörperung, hinter sich die leeren Hüllen spektakulärer Kontrolle zurücklassend, wird unsere Komplexität von anti-autoritären und autonomistischen Tendenzen anfangen, das Wiedererscheinen des Sozialen zu erkennen. Aber zu diesem gegenwärtigen Zeitpunkt scheint die TAZ (...) die einzige Manifestation der Möglichkeit radikaler Gemeinschaftlichkeit zu sein.

Hakim Bey: Primitive und Extropianer

Das Grundverständnis einer Temporären Autonomen Zone erklärt Wikipedia so:

Die Macht eines Staates soll nicht durch direkte Konfrontation zerbrochen werden. Sie soll marginalisiert werden, indem nicht zugelassen wird, dass entfremdete und insbesondere unfreie Verhältnisse dauerhaft und flächendeckend dominieren können.

Wikipedia

Ideen der TAZ knüpfen an kulturelle Wurzeln des Karnevals, der gesellschaftliche Normen aufhebt oder auf den Kopf stellt. Sie gelten als verwirklicht in Ereignissen wie Loveparades, Flashmobs und im jährlichen Chaos Communication Congress des Chaos Computer Clubs. In einer TAZ könnten Aktionen der auf Umberto Eco zurückgehenden Kommunikationsguerilla entwickelt worden sein.

Etwa die Barbie Liberation Organization, die 1993 Computerchips in sprechenden Barbie-Puppen mit denen der sprechenden Kriegsspielzeug-Puppe GI Joe vertauschte und die Puppen danach zurück in den Handel brachte. GI Joe säuselte danach "Ich will mit dir shoppen gehen" und Barbie schnarrte militärische Befehle -wer heute unsere grüne Außenministerin hört, mag diesbezüglich ein Déjà-vu erleben.