50 Jahre Ford Escort
Vor 50 Jahren wurde der erste Ford Escort vorgestellt, ein Kompakter mit Rennsport-Ambitionen. Zeit seines langen Lebens stand der Escort im Spannungsfeld zwischen Biedermann und Brandstifter - und im Schatten der Konkurrenz
Vor 50 Jahren wurde ein Fahrzeug vorgestellt, dass die englische Kompaktklasse prÀgte und auf der Insel Ziel von Tuning-Orgien war. Auch in Deutschland stand der Escort im Spannungsfeld zwischen Biedermann und Brandstifter. Letztlich war er ein Kompaktwagen mit StÀrken und SchwÀchen, der bei uns zeitlebens im Schatten der arrivierten Konkurrenz von VW und Opel stand. Global war er erfolgreicher als hierzulande.
Im Januar 1968 stellte Ford in Marokko sein neues Modell Escort vor. Er war ein moderner Nachfolger des verschrobenen Anglia. Der war so speziell, dass sich Ford dazu entschloss, ihn auĂerhalb der britisch beeinflussten MĂ€rkte gar nicht anzubieten. Als fliegendes Harry-Potter-Mobil erlebte der spleenige Morris-Minor-Konkurrent einen spĂ€ten Auftritt in den Medien. Mit dem Escort war den britischen Konstrukteuren eine sportlich-moderne kleine zweitĂŒrige Limousine im kantigen Stil der Zeit gelungen.
50 Jahre Ford Escort (0 Bilder) [1]
âAnglizismenâ im Urmodell
Der Escort wurde ab dem 17. November 1967 im Werk Halewood produziert. Mit seinem amerikanisch inspirierten HĂŒftschwung ĂŒber den hinteren RadhĂ€usern und seiner charakteristischen Front war der neue Kompaktwagen zwar mehrheitsfĂ€higer als der Anglia, aber durchaus auch ein Gesicht in der Menge. Seine Frontpartie war es auch, die die deutschen Kunden nach der Deutschland-Premiere des Escort im August 1968 in West-Berlin zu seinem Spitznamen âHundeknochenâ inspirierte. Nachdem sich der Escort auf seiner britischen Heimatinsel binnen Monaten zum Bestseller entwickelt hatte, nahm im Januar 1970 das Werk Saarlouis im Saarland eine eigene Produktion fĂŒr den deutschen Markt auf. Von August 1968 bis Dezember 1969 waren die Fahrzeuge direkt aus Halewood importiert worden. Das brachte ein paar konstruktive âAnglizismenâ mit sich wie Zollschrauben und ein fĂŒr Linkssteuerung unpraktisch angebrachtes ZĂŒndschloss.
Mit der Produktion in Saarlouis wurden diese Details aber verĂ€ndert. Trotzdem entwickelte sich der Verkauf in Deutschland nicht so hervorragend wie in GroĂbritannien. Zu stark war die Konkurrenz durch den zwar konstruktiv veralteten, aber dennoch heiĂgeliebten KĂ€fer und den in manchen Bereichen ĂŒberlegenen Kadett B von Opel .
Haustuner Cosworth
Der Escort wurde zunĂ€chst als zweitĂŒrige Limousine vorgestellt. 1969 kamen dann noch ein ViertĂŒrer sowie ein dreitĂŒriger Kombi namens âTurnierâ dazu. Die Motoren wurden weitgehend vom VorgĂ€nger Anglia sowie dem gröĂeren Cortina (dem damals noch völlig eigenstĂ€ndigen âenglischen Taunusâ) ĂŒbernommen. Diese sogenannten âKent-Motorenâ brachten als 1100er 40 und 45 PS und als 1300er 52, 64 sowie spĂ€ter als 1300 GT Sport 72 PS an die Hinterachse. Dass sich diese Kent-Motoren leicht tunen lieĂen, hatten schon seit 10 Jahren die frĂŒheren Lotus-Mitarbeiter Mike Costin und Keith Duckworth mit ihrer Firma Cosworth bewiesen. Damit war dem Escort der Motorsport in die Wiege gelegt.
FrĂŒhe Rallye-Erfolge
Schon von Anfang an dengelten ein paar Enthusiasten in Halewood den Antriebsstrang des Lotus Cortina unter die Escort-Karosserie. Der 1,6-Liter-Doppelnockenwellenmotor passte zum Beispiel nur schief in den Motorraum. Nach diesem Doppelnocker mit 106 PS Leistung, Doppelvergaser und Leichtmetallzylinderkopf hieĂ dieser frĂŒhe Rallye-Escort âTwin Camâ. Bald wurde die Produktion von Halewood zu Ford Motorsport in Boreham verlegt. Wegen Problemen mit der ZuverlĂ€ssigkeit und zunehmenden Leistungsmangel entwickelte Cosworth im Anschluss einen Vierventil-Zylinderkopf fĂŒr den vorhandenen Block. Von diesem BDA-Motor fĂŒr den Escort RS 1600 entstanden einige hundert Exemplare in Boreham. Seinen Namen hat der BDA Motor von seinem Zahnriementrieb (Belt-Drive A).
Die Sportfahrzeuge wurden aber mit einem neuen Aluminiummotorblock ausgestattet, den der Tuner Brian Hart in eigener Regie entwickelt hatte. So konnten sie 2,0 Liter Hubraum realisieren. Fahrer wie Roger Clark, Timo Makinen und Hannu Mikkola konnten mit diesen Escort RS 2000 groĂe Rallye-Erfolge feiern. Da die Ford-Motorsportabteilung die Wettbewerbskomponenten, sobald sie standfest genug waren, ĂŒber ein gut ausgebautes britisches RS-HĂ€ndlernetz an die Kunden verkaufte, wurde der Escort das Basisfahrzeug schlechthin fĂŒr den Privatrennsport in GroĂbritannien.
RS 2000 von 1973
Der Escort erwarb sich damit in den britisch beeinflussten MĂ€rkten einen Legendenstatus gegen den das Image des Golf GTI bei uns lachhaft dĂŒnn daherkommt. Der Golf war nur ein gut motorisierter SpaĂmacher fĂŒr die StraĂe. Dagegen war der Escort leistbarer Kleinwagen und siegreicher Rennwagen in einem. Als der Escort RS 2000 1973 mit auf 100 PS heruntergezĂ€hmten Zweiliter-OHC-Motor nach Deutschland kam, hatte er eigentlich mit Rennsportgenen, Tuningmöglichkeiten und Zweifarbenlackierung dem Golf GTI [3] bereits zwei Jahre vor dessen Erscheinen ein wenig den Rang abgelaufen. Heute wissen wir, dass das die Mehrheit der Automobilwelt anders sah.
Codename âBrendaâ
1975 kam der Escort Mark II auf den Markt. Der unter dem Codenamen âBrendaâ entwickelte neue Escort wurde auĂen geglĂ€ttet und seiner Hundeknochenfront beraubt. FĂŒr viele hat er dadurch an Charakter verloren. Stark ĂŒberarbeitet wurde die starre Hinterachse mit Blattfedern und zusĂ€tzlichen LĂ€ngslenkern. Das fĂŒhrte dazu, dass der Kofferraum von 425 Liter beim Hundeknochen auf jetzt 411 Liter schrumpfte. Die Motoren wurden behutsam weiterentwickelt. Neu eingefĂŒhrt wurde ein 70 PS starker 1,6-Liter. Topmodell war der RS 2000 mit 110 PS, als Homologations-Sonderserie sogar 132 PS.
Leider waren die Autotester in Deutschland vom Escort Mark II insgesamt nicht sehr begeistert. Die Konkurrenten Opel Kadett C und allen voran VW Golf bekamen deutlich bessere Noten. Da half auch nichts, dass der Escort Mark II RS 1800 zwei Mal Rallye-Weltmeister wurde. Björn Waldegard schaffte das 1979 zum ersten Mal mit einem Ford und Hannu Mikkola konnte 1981 nachlegen, nachdem der Vorjahresweltmeister Walter Röhrl ungewollt pausierte.
Mir persönlich blieb der Escort RS 2000 besonders in WeiĂ als beliebter, stĂ€ndig ĂŒbersteuernd bewegter Dienstwagen des MI-5-Agenten Ray Doyle in der Serie âDie Profisâ in Erinnerung. So etwas kann man eben nur mit Hinterradantrieb machen.
Frontantrieb
Trotzdem war schon im Winter 1975 klar, dass der Nachfolger des Escort Mark II Frontantrieb haben sollte. Die dritte Escort-Generation hörte auf den Entwicklungsnamen âErikaâ und wurde im September 1980 auf dem deutschen Markt eingefĂŒhrt. Mit Frontantrieb, EinzelradaufhĂ€ngung rundum und groĂer Heckklappe ist der Mark III die gröĂte ZĂ€sur in der Escort-Geschichte. Ford vollzog damit nach, was die direkte Konkurrenz zuvor schon vorgemacht hatte. Dazu kam, dass der dritte Escort deutlich windschnittiger als sein VorgĂ€nger war. Hier hatte Opel mit dem Kadett D 1979 ordentlich vorgelegt. Die Escort-Motoren wurden wieder nur behutsam angetastet. Es gab zunĂ€chst fĂŒnf Motorisierungen mit 1100, 1300 und 1600 cm2 Hubraum. Die Leistungsspanne reichte von 55 bis 96 PS beim neuen Topmodell XR3i. Erstmals gab es den Escort auch als Dieselmodell mit 1,6 Litern Hubraum und 54 PS. Gegen VW Golf und Opel Kadett konnte auch diese Escort-Generation in Deutschland nicht gewinnen. Dem Ford blieb in Vergleichstests und Zulassungsstatistik der ewige dritte Platz.
Lifestyle-Cabrio
Ab 1983 brachte ein neues Cabriolet von Karmann mit ĂberrollbĂŒgel ein wenig Glamour in den Escort. Das Escort-Cabriolet war in den 80er-Jahren ein beliebtes Lifestyle-Auto. VW sparte sich den Aufwand, den Golf 2 zu öffnen. Opel konterte erst im Mai 1987 mit einem Kadett Cabrio - zu groĂ war bei den Opelanern die Angst, nach dem Kadett C Aero wieder einen Flop zu produzieren. So konnte Ford ein paar Jahre in einem kleinen Segment reĂŒssieren.
Anfang 1986 erhielt die dritte Escort-Generation ein umfassendes Facelift. Topmodell war der RS Turbo 132 PS. Die Front wurde vielleicht charakterstÀrker, doch sie presste das Scorpio- und Sierra-Gesicht auf den schmalen Escort. Einige Motorvarianten waren jetzt mit einem geregelten Katalysator erhÀltlich. Neu hinzu kam auch ein 1,8-Liter-Dieselmotor mit 60 PS.
Mitten in die politisch spannende Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung fiel die Premiere der nĂ€chsten Escort-Auflage. Ein wichtiges Modell, galt es doch mit ihm, neue KĂ€ufer auch jenseits des eisernen Vorhangs zu ĂŒberzeugen. Ford konnte zudem einen Vorsprung fĂŒr sich verbuchen, denn die Konkurrenz aus RĂŒsselsheim und Wolfsburg brachten ihre Neuauflagen erst 1991 auf den Markt. Doch Ford konnte den Vorsprung nur zum Teil nutzen.
Die beiden anfangs angebotenen Motoren mit 71 und 105 PS waren nahezu unverĂ€ndert vom VorgĂ€nger ĂŒbernommen worden. Sie waren vergleichsweise laut, durstig und vor allem ziemlich zĂ€h. Dazu kam eine VerarbeitungsqualitĂ€t, die von der der spĂ€ten VW Golf 2 weit entfernt war. Als Opel und VW ihre Neuauflagen in der Kompaktklasse vorstellten, wirkte der junge Escort auf einen Schlag ziemlich alt - was sich auch in den Verkaufszahlen bemerkbar machte.
So verwundert es kaum, dass Ford sehr rasch nachbesserte. Eineinhalb Jahre nach der PrĂ€sentation wurde der Escort durch neue moderne 1,8-Liter-Zetec-Motoren mit 105 und 131 PS aufgewertet. Mit dem Facelift 1993 wurde aufgrund von schlechten Crashtestergebnissen die Sicherheitsarchitektur ĂŒberarbeitet. Von da an war der Escort als eines der ersten Fahrzeuge in der Kompaktklasse mit Frontairbags erhĂ€ltlich. Zudem verbesserte sich das Crashverhalten der Karosserie deutlich und war jetzt konkurrenzfĂ€hig. Zudem wurden Front und Heck optisch modifiziert.
Letzte Serie ab 1995
Die siebente und letzte Escort-Generation kam 1995 auf den Markt. Letztendlich handelte es sich auch dabei nur um ein Facelift. Wegen der harten Konkurrenz und Imageproblemen war Ford vor allem gezwungen, die VerarbeitungsqualitÀt des Escort deutlich zu verbessern. TatsÀchlich war die letzte Escort-Generation die qualitativ Beste. Auch sie konnte das angegriffene Image des Escort aber nicht mehr richten. Die Ottomotoren leisteten 60 bis 220 PS. Erstmals waren die Topmodelle mit Allradantrieb ausgestattet. Neu war auch ein Turbodiesel mit 90 PS, der zusÀtzlich zum 60-PS-Saugdiesel angeboten wurde. Wie schon bei den beiden VorgÀngern war der gerÀumige Kombi Turnier hierzulande besonders beliebt. Wie Opel konnte auch Ford die jahrzehntelange Abwesenheit von VW in diesem Segment nutzen - was erst 1993 mit dem ersten VW Golf Variant beendet wurde.
Nach dem Erscheinen des Nachfolger Focus 1998 wurde der Escort als Escort Classic mit 1,6-Liter-Benziner bzw. 1,8-Liter-Turbodiesel mit jeweils 90 PS noch weitergebaut. Im Juli 2000 lief im britischen Dagenham der letzte Escort vom Band. Es war kein sehr ehrenvoller Abschied, da die vorangegangenen QualitĂ€tsprobleme das Image des Escort stark beschĂ€digt hatten. Auch deshalb entschied sich der Ford-Vorstand ein komplett neues Nachfolgemodell auf den Markt zu bringen. Und tatsĂ€chlich bedeutete der Focus einen QualitĂ€ts- und Imagesprung fĂŒr Ford. Und Rallye-Weltmeister wurde der auch. (chlo [4])
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