Im Fahrbericht: Toyota Prius Plug-in
(Bild: Christoph M. Schwarzer)
Die neue Generation des Toyota Prius Plug-in hat deutlich gewonnen. Die gröĂere Reichweite ist dabei nur ein Nebenaspekt. Dank höherer Leistung des E-Motors lĂ€uft der Benziner viel seltener als im VorgĂ€nger. Und das Auto an sich ist ebenfalls deutlich besser geworden
Das Photovoltaik-Dach macht den Toyota Prius Plug-in zum gefĂŒhlten Perpetuum Mobile. Strom fĂŒr bis zu fĂŒnf Kilometer tĂ€glich könne die Sonne liefern, so heiĂt es. Bei der ersten kurzen Ausfahrt in Frechen lieĂ sich das aus Zeitmangel nicht ĂŒberprĂŒfen. Die bereitgestellten Exemplare hatten keine Gelegenheit, einfach in der Sonne herumzustehen â zu viele Journalisten waren neugierig, wollten einsteigen und loslegen. Ein erstaunliches Interesse bei einem Auto, fĂŒr das Toyota 2017 nur 500 VerkĂ€ufe in Deutschland erwartet. So waren wir also zu dritt, zwei Kollegen und ich: Nach 42,4 Kilometern Batterie-elektrischer Tour sprang der Verbrennungsmotor zum ersten Mal an. Ein im Vergleich zu den meisten anderen Plug-In-Hybriden sehr guter Wert. Mit einem Basispreis von 37.550 Euro (minus 3000 Euro E-PrĂ€mie) ist der Toyota auĂerdem ein preisgĂŒnstiges Angebot dieser Gattung. Nur der Volkswagen Golf GTE [1] ist mit 36.900 Euro billiger.
Die Unterschiede zum VorgĂ€nger [2] sind sofort spĂŒrbar. Der hatte 37 kW elektrische Leistung, und ich wusste nie, bei welchem Gaspedaldruck der Verbrennungsmotor anspringt. Jetzt stellen die zwei (dazu spĂ€ter mehr) E-Motoren 68 kW zur VerfĂŒgung. Ich kann durchtreten und bewege den Toyota trotzdem ohne Benzin. Erst, wenn ich mit etwas Kraft den Kickdownpunkt ĂŒberschreite, was zum Beispiel in einer Notsituation wichtig sein kann, schickt auch der bekannte Vierzylindermotor seine Kraft ĂŒbers Planetengetriebe zu den RĂ€dern. Das wiederum war auf den Strecken im Rheinischen Braunkohlerevier unnötig. Die 68 kW reichen nicht nur aus, sie wirken sogar lebendig, und erst bei 135 km/h (alte Generation: 85 km/h) ist Schluss.
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Toyota: 50 Kilometer Reichweite
Zu den Eckdaten: Die Lithium-Ionen-Batterie hat eine KapazitĂ€t von 8,8 Kilowattstunden. Die technischen Daten geben keine Auskunft ĂŒber die tatsĂ€chlich freigegebene NettokapazitĂ€t, den Ladehub sowie die Hybridreserve hervor; eine exakte Errechnung des Verbrauchs war darum nicht machbar. Die Normreichweite nach NEFZ betrĂ€gt 63 km, Toyota spricht â vielleicht auch wegen des kommenden WLTP â von 50 km. An der Steckdose liegt die Ladezeit bei 3,5 Stunden, an der Wallbox sind es zwei Stunden. Das Photovoltaik-Dach liefert die elektrische Energie bis zu einem Ladestand (SOC) von 80 Prozent. Nicht direkt, sondern ĂŒber eine zwischengeschaltete kleine Nickel-Metallhydrid-Batterie (da ist sie wieder!) als Puffer und zur Ăberwindung der unterschiedlichen Spannungsebenen.
Der Toyota Prius Plug-In heizt den Innenraum dank serienmĂ€Ăiger WĂ€rmepumpe bei bis zu minus zehn Grad ohne den Einsatz des Verbrennungsmotors auf. Eine Vorklimatisierung ist sowohl mit als ohne Stecker am Netz möglich. Und auch die Batterie selbst wird geheizt â der rein elektrische Vortrieb endet erst bei unter minus 20 Grad.
Alles kein Thema bei den erstklassigen Bedingungen am Testtag. Die StraĂen waren trocken, die Route fĂŒhrte nicht ĂŒber Autobahnen, wir gleiten dahin, und das macht seit dem Erscheinen der vierten Generation des Prius sogar SpaĂ. Die Lenkung gibt eine sehr gute RĂŒckmeldung, die GerĂ€uschdĂ€mmung ist besser als frĂŒher, und der Federungskomfort stimmt ebenfalls. Beim Plug-In ist allerdings das höhere Gewicht (1605 kg nach EU-Norm, also inklusive 75 kg fĂŒr den Standard-Fahrer) in engen Kurven bemerkbar. Und das Abrollen gelingt dem Plug-In nicht so geschmeidig wie der Normalvariante des Prius, obwohl die Reifendimension 195/65 R15 anderes erwarten lĂ€sst.
âHV-EVâ-Knopf
Nach der ersten Runde schnappe ich mir ein anderes Testauto, fahre alleine los und probiere den HV-EV-Knopf in der Mittelkonsole aus. Durch einfachen Druck wechselt der Antrieb in den Hybridmodus, dann gleicht der Plug-In (US-Markt: âPrius Primeâ) dem normalen Prius. So lĂ€sst sich der Batterieladestand halten, was mit Blick auf zukĂŒnftig denkbare Fahrverbote fĂŒr Verbrennungsmotoren interessant ist. ZurĂŒck im EV-Modus fĂ€llt mir wieder die subjektive Munterkeit auf: Im Unterschied zum Prius ohne Ladestecker treibt neben dem groĂen E-Motor (âMG2â) zusĂ€tzlich der kleine (âMG1â) das Auto voran. Damit das funktioniert, hat Toyota ein Schwungrad mit Freilauf konstruiert. Ein kleiner Trick mit Wirkung.
Bei lĂ€ngerem Druck auf den HV-EV-Button geht der Prius Plug-In in den âChargeâ-Modus. Der Verbrennungsmotor produziert also Strom, um die Batterie zu laden. Das ist natĂŒrlich energetischer Unsinn, aber in den meisten Plug-In-Hybriden als Option eingebaut.
Im HV-Modus ergab die Verbrauchs-Stichprobe 3,6 Liter auf 100 km. Nein, hier ist kein elektrischer Anteil eingerechnet. Jeder Fahrer sollte mit einem Toyota Prius in der Lage sein, abseits der Autobahn, bei trockener StraĂe und 17 Grad eine drei vorm Komma zu erzielen, das gelingt mĂŒhelos.
Hoher Privatkundenanteil
Es ist bekannt, dass ich kein Freund von Plug-In-Hybriden an sich bin. Zu oft habe ich erlebt, dass die Hoffnung auf âdas Beste aus zwei Weltenâ sich ins Gegenteil verkehrt hat. Und mit EinschrĂ€nkungen trifft das auch auf den Toyota zu: Der Kofferraum schrumpft erheblich (VDA-Norm: 360 Liter), weil die Bodenplatte 16 Zentimeter höher liegt. Die Zuladung leidet unter dem hohen Gewicht und reduziert sich auf 325 kg. Die Höchstgeschwindigkeit sinkt von 180 auf 161 km/h. Der Preis dagegen steigt drastisch: Der Einstiegskurs des Prius ohne Ladestecker liegt bei 25.150 Euro. Die Topversion Executive (Lederausstattung, JBL-Soundsystem etc.) kostet 29.150 Euro. Zum Vergleich die Executive-Linie beim Plug-In: Ab 40.650 Euro minus E-PrĂ€mie gleich 37.650 Euro.
Immerhin gibt es dafĂŒr einige exklusive Features. So ist die Heckklappe aus CFK gefertigt, und deren geschwungenes Profil setzt sich bis in die hintere Dachlinie fort. Der gröĂte unter den Kollegen (1,94 Meter) stieĂ mit seinem Kopf noch nicht oben an. Dazu kommen ein gröĂeres Infotainment-Display (acht Zoll) sowie die Matrix-LED-Scheinwerfer, die an den Mirai erinnern.
Die deutlichste Abgrenzung zu anderen Plug-In-Hybriden ist der niedrige Verbrauch bei entleerter Batterie. Hier versagen etliche Marktbegleiter, was durch die bekannte NEFZ-Formel vertuscht wird. Der guten Ordnung halber: Nach EU-Norm kommt der Toyota auf 1,0 Liter oder 22 Gramm CO2 pro Kilometer. Ein Auszug der Werte mit entleerter Batterie aus meiner Testwagenliste: Volkswagen Passat GTE [5] 7,2 Liter, BMW 225 xe [6] 8,2 Liter und so weiter, es ist viel Luft nach oben. Und schade, dass Opel den neuen Chevy Volt nicht als Ampera II nach Europa gebracht hat, der wĂ€re ein wĂŒrdiger Konkurrent des Prius Plug-In.
Höhere Nachfrage als bisher?
Vom ersten Prius Plug-In hat Toyota weltweit 77.912 Exemplare verkauft, davon 1044 nach Deutschland. Die ersten Reaktionen der HĂ€ndler auf den Neuen sind dem Vernehmen nach ĂŒberraschend positiv. Vielleicht ist jetzt die Ăbergangszeit gekommen, in der viele Kunden und besonders die privaten KĂ€ufer (Prognose des Vertriebs: 60 Prozent Anteil) Lust haben, das elektrische Fahren auszuprobieren. Auf die Solarversion werden nach EinschĂ€tzung von Toyota aber nur 15 Prozent entfallen. Der Aufpreis von 2050 Euro ist hoch, und zugleich ist die Ausstattung um Details wie das Head-Up-Display gemindert. Ein Verzicht dĂŒrfte fĂŒr viele Kunden kein Problem sein â sie haben bereits auf dem Hausdach eine Photovoltaik-Anlage.
(mfz [7])
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[5] https://www.heise.de/news/Unterwegs-im-Volkswagen-Passat-GTE-3141281.html
[6] https://www.heise.de/news/Unterwegs-im-BMW-225xe-Der-umgedrehte-i8-3174093.html
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