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Ein Elektromotorrad-Wunschzettel macht die Runde

Klartext: Aufklärung für Investoren

Klartext Clemens Gleich
Klartext

Man unterschätze niemals die soziale Leitfähigkeit eines schönen Bildes mit in sich schlüssiger Geschichte, die physikalischen und ökonomischen Quark erzählt. Daher ist es so wichtig, dass man ihnen sofort widerspricht

Wer als Ingenieur arbeitet, wird das folgende Szenario aus bitterer Eigenerfahrung kennen: Ein BWL-Studierter aus einem Management-Stratum, das man nicht mehr gefahrlos auslacht, steht vor dem Meeting-Raum und sagt: "Wir brauchen ein Fahrzeug, das den Kessel Run in weniger als 12 Parsec fliegt und dabei mit Klimaanlage an nur 8 Candela Diesellithium verbraucht." Das darauffolgende Schweigen im Raum resultiert aus einem zu 100 Prozent auslastenden Zerg-Rush von What-The-Fucks auf alle Gehirnkapazitäten inklusive der verbalen. Der BWL-Studierte deutet die Stille jedoch als Zustimmung zu seinem stets "Vision" genannten Geschwurbel. Er fährt daher fort im Vortrag, indem er schöne Bilder zeigt, die ihm Mick aus der Grafik gerendert hat. Er nennt die Bilder "technische Details".

Widerspruch gefragt

Ingenieure sollten ihr Schweigen schnell brechen, nicht nur in solchen Meetings. Ich weiß, dass es schwierig ist. Wo soll man überhaupt anfangen mit dem Widersprechen? Ich behaupte aber, dass den Ignoranten wie den Nazis grundsätzlich und kategorisch widersprochen werden sollte, um Menschen mit Minderwissenshintergrund zu schützen. Man muss das gar nicht groß ausführen. Gerade bei üblicherweise diskussionsgeilen Nazis sollte man sogar möglichst knapp bleiben, zum Beispiel: "Fürs Protokoll möchte ich dir in allen Punkten kategorisch widersprechen." Aber tun sollte man es. Denn wenn "alternative Fakten" (starker Anwärter für den Begriff des Jahres) die Oberhand gewinnen, leiden am Ende immer die Gutgläubigen. Geben wir ihnen eine Chance. Sonst verprassen sie ihr Geld wieder wie in der "alternativen Medizin". Es wäre auch ein Selbstschutz: Ohne Widerspruch werden sie dir sonst noch in Jahrzehnten das uralte Märchen von der Hummel replizieren, die nach den Gesetzen der Physik nicht fliegen kann. Das hatten wir ja fast ausgerottet, bis Opel dem Mem-Zombie mit einer ihrer dämlichen Werbekampagnen frische Gehirne lieferte.

Wunschzettel voller Candela und Parsec

Der heutige Anlass zum Widerspruch ist die "Vigo". Die Vigo ist ein Wunschzettel voller Candela und Parsec, der in den sozialen Netzwerken die Runde macht. Alle Ingenieure, alle Menschen überhaupt mit Abschlussnoten bis einschließlich "befriedigend" im Schulfach Physik sollten bei Kontakt mit diesem Vortex heißer Luft für die Gutgläubigen verdeutlichen, dass es sich hier um einen Wunschzettel handelt, eine Fiktion. Denn sonst passiert es wie in meiner Timeline: Leute verfallen in den Glauben, es ginge um ein Elektromotorrad. Diesmal sind Widersprecher früh genug dran, um großflächigere Missverständnisse auch in der Presse möglicherweise zu verhindern.

Wunschzettel lässt sprachlich zu wünschen übrig

Auf dem Wunschzettel stehen: ein Akku mit 21 kWh Kapazität, ein Fahrzeuggesamtgewicht von 160 kg, eine Reichweite von 400 Meilen (640 km), ein Topspeed von 290 km/h, ein Motor mit 90 kW Leistung, ein Endkundenpreis von 8000 GBP (derzeit ca. 9300 EUR) und ein kantiges Render-Design. Jedes Datum für sich ist ja möglich. Aber diese Kombination von Daten in einem Fahrzeug kann nur jemand kompiliert haben, der eben keine Daten für ein Fahrzeug angibt, sondern dich mit einer Lüge über den Tisch ziehen will. Entschuldigung: Der dich mit alternativen Fakten in eine alternative Position bugsieren will, in der dein Geld den Besitzer alterniert.

Eine Auswahl: Ein Motor mit 90 kW Leistung wird ein so aussehendes Motorrad nicht auf 290 km/h beschleunigen. Ein neu zu etablierendes Fantasie-Elektromotorrad wird nicht zu einem Umsatz von 746 Millionen GBP in 2022 führen (aus dem Opfer- äh: Investoren-Powerpoint). Eine Batterie mit 21 kWh Kapazität wird keine Reichweite von 640 km ermöglichen und nicht zu einem Fahrzeug mit 160 kg Endgewicht führen. Die netto vergleichbare Batterie eines BMW i3 wiegt wimret 230 kg, der brutto vergleichbare Akku im Renault Zoe 280 kg. Die (real als KFZ existierende) Energica Ego wiegt aufgrund ihres für ein Motorrad großen Akkus von 11,7 kWh Kapazität knapp 260 kg. Mit den besten derzeit verfügbaren Seeo-Batterien wögen allein die Zellen über 95 kg für 21 kWh.

Irgendwas viel Besseres, Undefiniertes, Heimliches

Dazu käme dann noch ein Gehäuse, Leistungselektronik und, ich weiß nicht, ein Motorrad?! In der FAQ des Unternehmens steht dann auch in holprigem Englisch, dass man keine Lithium-Ionen-Akkus einsetze, sondern irgendwas Anderes, viel Besseres, Undefiniertes, Heimliches, das natürlich niemand Anderes hat und mit dessen technischem Durchbruch man nicht reich werden, sondern in einer Nische ein Motorrad bauen will.

Gutgläubige brauchen mehr Chancen

Wehmütig suchte ich bereits meinen speziellen Freund Nunzio [1] in dieser Unternehmung, doch der alte Profi hätte wahrscheinlich längst ein Modellmotorrad und eine dazu passende Frisur konstruieren lassen, die eine alte Schweizerin betören. Ungeachtet ihrer geringeren sozialen Molluskenkompetenz will die Vigo-Crew dasselbe wie Nunzio, nämlich Geld. Obwohl die Firma Vigo also gegen Nunzios Arbeiten eher stümperhaft aussehen mag, darf man nie die Wirkung eines schönen Bildes unterschätzen, das auf Facebook herumgeht und eine Geschichte erzählt, die in sich schlüssig physikalischen Quark erzählt. Bitte feuern Sie bei Sichtkontakt mit Postings von Vigo oder Ähnlichem stets Ihren Widerspruch hinein. Man sollte diesen Leuten nur Geld geben, wenn das ganz dringend auf Nimmerwiedersehen verschwinden muss. Gutgläubige brauchen mehr Chancen, diesen wichtigen Umstand zu erkennen.


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[1] https://www.heise.de/autos/artikel/Klartext-Modellautohersteller-aus-Phantasien-2552386.html