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Klartext: Fressen vor Moral

Clemens Gleich
Klartext

Bei Bosch sollen kĂŒnftig die neu verfassten Werte des Unternehmens vor dem Kundenwunsch des Autoherstellers stehen. In einem weiteren Satz steht implizit, dass man Gesetze einhalten wolle. Merkt das dort keiner?

Sie haben es vielleicht gelesen: „Bosch rettet den Diesel!“ Mit weniger Heftig in der Headline und mehr Details hat es Kollege Florian hier [1] beschrieben. Das Interessante fand ich gar nicht, dass Bosch solche Technik liefern kann, denn davon ging ich vorab aus. Es hat nur bisher keine Kunden dafĂŒr gegeben. Das könnte die GlaubwĂŒrdigkeitskrise des Diesels Ă€ndern. Nein, interessanter fand ich die Passage zur als neu kommunizierten „Ethik der Technikentwicklung“.

Darin stehen erstaunliche Dinge. „Leitplanken“ habe man formuliert. Vielleicht hat stĂ€ndige Missachtung den Begriff „Leitlinie“ diskreditiert. Weiter: „Erstens ist der Einbau von Funktionen, die Testzyklen automatisch erkennen, verboten.“ Schon hier zeigt sich das grĂ¶ĂŸte Problem der Dieselkrise: die jeweiligen SelbstverstĂ€ndnisse der komplett verhĂ€rteten Blasenfronten. Jede solche Funktion, die auch etwas bewirkt (und wozu sonst wĂ€re sie implementiert?) ist SOWIESO verboten, per Gesetz, ĂŒbrigens nicht erst seit Winterkorns „weiß von nix“. Das fiel dem Pressemitteilungsschreiber nicht auf, im Gegenteil schien es ihm etwas Neues, Mitzuteilendes.

Klartext: Fressen vor Moral (0 Bilder) [2]

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Die restliche Passage: „Zweitens dĂŒrfen Bosch-Produkte nicht fĂŒr Testsituationen optimiert werden. Drittens sollen Bosch-Produkte im normalen, tĂ€glichen Einsatz menschliches Leben bestmöglich schĂŒtzen und Umwelt sowie Ressourcen bestmöglich schonen. ‚DarĂŒber hinaus sind das LegalitĂ€tsprinzip und unser Anspruch ‚Technik fĂŒrs Leben‘ Maßstab fĂŒr unser Handeln. Im Zweifelsfall gehen die Bosch-Werte vor Kundenwunsch‘, erklĂ€rte [Bosch-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Volkmar] Denner.“ Ein Autoschreiberkollege fragte sich dazu auf Facebook: „Wie war das denn dann VORHER?“

Die rhetorische Frage beantwortete ich dort wie hier: Vorher hat sich Bosch am Wunsch des Kunden orientiert, also etwa dem Autohersteller. Kundennachfrageorientierung ist eine der gĂ€ngigsten GeschĂ€ftspraktiken ĂŒberhaupt. Sie wird erst dann ein Problem, wenn der Kunde Dinge nachfragt, die außerhalb des Legalen liegen. Man will das dann am liebsten gar nicht so genau wissen. Eine Warnung an den Kunden reicht: „Das ist nicht legal! Macht achthundertdrölfzigtausend Euro pro Charge, wenn ihr es trotzdem wollt.“

Bosch hatte schon oft Technik, die keiner ihrer Kunden wollte. Die ersten elektronischen Einspritzanlagen in den Siebzigern wollte keine Sau kaufen. Warum auch? Die Vergasermotoren liefen prĂ€chtig, vor allem mit Super verbleit. Dann verschĂ€rfte Kalifornien plötzlich die Luftreinhaltungsgesetze massiv, die Kunden standen Schlange und der Rest ist Geschichte. Oder die TachorĂŒckdrehermafia: Man hĂ€tte ihnen schnell beikommen können, durch Authentifizerungstechniken der betroffenen SteuergerĂ€te, Hashes, Signaturen. Aber auch hier wieder: „Das können wir schon machen, aber das kauft kein Kunde.“ Nachvollziehbar. Man stelle sich den AutohĂ€ndler vor, der dem typischen Golf-Kunden erklĂ€rt, dass er fĂŒr Kryptotechnik 500 Euro mehr zahlen soll, die frĂŒhestens dem Nachbesitzer zugute kommt. Auch hier fand die Technik erst den Weg ins Auto, als der US-Gesetzgeber dies verlangte, konkret fĂŒr die Infrarotkamerasysteme mit Personenerkennung, die unter US-Waffengesetze fielen und daher nicht ohne ihr Auto funktionieren durften.

„Im Zweifelsfall gehen die Bosch-Werte vor Kundenwunsch“, so also die neue Orientierung. Auch diese GeschĂ€ftspraxis gehört zu den gĂ€ngigen. Man kann durchaus ein gutes GeschĂ€ft mit einem eindeutigen Standpunkt machen. Sie hat nur ein Problem: Sie erfordert hohe Konsequenz. Wenn ich zum Beispiel einen Auftrag nicht annehme, sage ich nur: „Das biete ich derzeit nicht an, zu keinem Preis.“ Die Formulierung lĂ€sst die GrĂŒnde absichtlich offen, denn sie können ja nur problematisch sein. Manchmal möchte ich einem armen Kunden nicht bei etwas helfen, das ich klar als einen gezielten Schuss in den eigenen Fuß sehe. Oder es sind gleich Dinge, die aus gutem Grund mindestens verpönt, hĂ€ufig aus gutem Grund verboten sind – Schleichwerbung zum Beispiel.

„Nur dieses eine Mal!“, „Stell dich ned so an!“, vor allem aber „Das merkt doch keiner.“ sind die Dinge, die dazu unbedingt abgeschmettert werden mĂŒssen, weil ein kleiner Lapsus in der Konsequenz dich auf die steile, gut geölte Rutschbahn in das Tal schickt, aus dem du entkommen wolltest. Und das ist fĂŒr mich eben einfacher als fĂŒr Bosch, denn ich muss das jeweils ein einziges Mal einhalten fĂŒr meinen Einmannbetrieb, wĂ€hrend dort ĂŒber 400.000 Menschen arbeiten.

Ich freue mich darĂŒber, wie dieser große Zulieferer sich mehr MĂŒhe geben will, anstĂ€ndig GeschĂ€fte zu machen. Solche Anstrengungen lobe ich stets. Mich stört etwas ganz anderes: Bosch schreibt eine Pressemeldung, dass sie sich (jetzt neu!) an Gesetze halten wollen, und seht her: ein Kodex! Bleh. Das ist doch das, was wir die letzten Jahrzehnte schon hatten: freiwillige Selbstkontrolle der Industrie. Sie hat noch nie funktioniert, in keiner Branche, in keiner Instanz. Was mich als Resultat aus dem Dieseldilemma freuen wĂŒrde, wĂ€ren echte Kontrollen des Staats. Wir hatten auch vor VWs USA-Debakel schon passende Gesetze. Es hat sie nur der Bock kontrolliert statt der GĂ€rtner. (cgl [4])


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[1] https://www.heise.de/news/Bosch-verbessert-Diesel-Abgaswerte-dramatisch-4036230.html
[2] https://www.heise.de/bilderstrecke/4745676.html?back=4044607;back=4044607
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/4745676.html?back=4044607;back=4044607
[4] mailto:cgl@ct.de