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New Old School

Clemens Gleich
Gleich zu Anfang: Weiß gibt es dieses Jahr noch nicht in Deutschland, Manager-WillkĂŒr. Alle Freunde der RC24 sollten an Honda schreiben, dass wir weiß wollen.

Es war nicht alles schlecht in den Neunzigern. Hondas zum Beispiel waren ziemlich gut. Deshalb treibt Hondas neu gemachter, aber im Prinzip alter, altmodischer Sporttourer VFR 800 F TrĂ€nen der RĂŒhrung in deutsche Augen

Valencia, 10. April 2014 – Vorher, im Burger King: Kollege Maik Schwarz und ich lĂ€stern darĂŒber, warum es 2014 noch einmal eine VFR 800 gibt, wo doch Sporttourer in Europa praktisch unverkĂ€uflich geworden sind. Denn auf den Bildern sah das Teil erst einmal enttĂ€uschend aus, als habe man es absichtlich so gestaltet, dass die Maschine wie das Vormodell ein gutes Jahrzehnt ohne nennenswerte Änderungen im Programm bleiben kann. Dazu der alte Antriebsstrang. Haben sie davon damals eine Halde produziert, die jetzt in neuen V4-Verpackungen wie Crossrunner oder jetzt VFR-Update abverkauft werden muss? LĂ€ster, lĂ€ster ... Doch genau diese altmodische Auslegung arbeitet jetzt fĂŒr Honda. Denn unerwarteterweise ist das mal wieder eine echte Honda, eine fĂŒrs deutsche, mechanische Ticktack-Herz, eine Wiederkehr vieler Tugenden der alten VFR 750 F.

Die oft gestellte Frage gleich vorab: Nein, es gibt keine ĂŒber Zahnradkaskaden angetriebene Nockenwellen, die den alten 750ern zu ihren legendĂ€ren Laufleistungen verhelfen. Stattdessen gibt es den Steuerketten-VTEC-V4-Motor aus dem Honda Crossrunner mit minimalen Feinschliffarbeiten: GeĂ€ndert sind nur Ventilsteuerzeiten und Software-Details der Einspritzanlage. Dieser Motor ließ Crossrunner-Testfahrer regelmĂ€ĂŸig rufen: „Endlich funktioniert der VTEC-Übergang gescheit! Warum nicht gleich so in der VFR?“ Jetzt kommt er quasi nach Hause in die neue VFR, wo er hingehört. Er ist ein Erlebnis.

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Am Umschaltpunkt von zwei auf vier Ventile bei 6500 U/min Ă€ndert sich der Klangteppich von einem leisen „ganz nett“ auf ein heiseres, lautes Nageln, das Blicke auf den Drehzahlmesser fĂŒrderhin ĂŒberflĂŒssig macht. Und wo hohe Drehzahlen bei vielen Vierzylindern auf Dauer nerven, kann ich persönlich mir diesen Motor im fĂŒnfstelligen Bereich bei Drosselklappen auf Durchzug den ganzen Tag lang anhören. Der deutliche Knick im Drehmomentverlauf, der frĂŒher von diesem Konzert ablenkte, ist so weit reduziert, dass man sich seine Existenz noch einbilden kann, ohne dass er stört. Die Nennleistung von guten 100 PS auf fĂŒnf Zentner Lebendgewicht klingt in der Theorie nach etwas wenig. In der Praxis ist es jedoch irgendwie genug, wahrscheinlich, weil man stĂ€ndig fast alles davon abruft. Genau das macht am Ende des Tages doch ein bisschen zufriedener als ein doppelt so starker Motor, den man stĂ€ndig nur zur HĂ€lfte nutzt.

FĂŒrs HĂ€kchen setzen: ABS unauffĂ€llig, Traktionskontrolle vorhanden. Da es kein E-Gas gibt, regelt die TK ĂŒber ZĂŒndzeitpunkt und Einspritzmenge. Das ist fĂŒhlbar weniger elegant als Lösungen fĂŒr E-Gas, es funktioniert jedoch besser als die meisten solchen Systeme. Es gibt einen sehr hĂ€sslichen Abschaltknopf fĂŒr die TK auf einem eigenen TrĂ€ger, es gibt nur keine wirklich stichhaltige ErklĂ€rung fĂŒr ihn. Welcher Kunde möchte die Traktionskontrolle abschalten an einem Krad mit nicht abschaltbarem ABS? Vielleicht Regenrennstreckenfahrer mit Drift-Ambitionen? Egal.

Die einzigen Dinge, die nicht direkt aus den Neunzigern kommen, sind die LED-Leuchten sowie ein automatischer BlinkerrĂŒcksteller, der einen abgeschlossenen Abbiegevorgang anhand der vom ABS gemessenen Raddrehzahldifferenzen erkennt. Als nĂŒtzliches Zubehör bietet Honda einen Schaltautomaten (199 Euro) an, eine Lenkererhöhung und ein elegant integriertes Koffersystem (770 Euro plus 302 Euro fĂŒr die GepĂ€ckbrĂŒcke). Wer es nicht lassen kann: Das große Topcase mit 45 Litern Stauraum kostet 289 Euro plus 82 Euro fĂŒr den TrĂ€ger.

Aber suhlen wir uns lieber in Hondas Neunziger-Nostalgie: HauptstĂ€nder serienmĂ€ĂŸig. Einarmschwinge. Heizgriffe. Magnettankrucksacktauglicher Stahltank. Gut erreichbares Hydraulik-Handrad zur Einstellung der Federbasis hinten. Sehr guter Wetterschutz. Sehr gute Ergonomie. Sitzhöhe in zwei Stufen einstellbar. Glatte, schnörkellose Vollverkleidung. Verwirbelungsfreie Verkleidungsscheibe. Sehr stabile Kurvenlage statt heutiger Handlichkeit. Einfarbiges, transflektives LCD-Display mit Tankuhr und Ganganzeige. Und in der Mitte ein großer, analoger Drehzahlmesser. Es war nicht alles schlecht in den Neunzigerjahren des Fahrzeugbaus. Hondas zum Beispiel waren ziemlich gut. Und wer schon lange mal wieder dieses Honda-GefĂŒhl von spĂŒrbarer SoliditĂ€t eines leicht nerdigen Fahrzeugkonzepts spĂŒren wollte, sollte beim Honda-Freundlichen auf der VFR 800 eine Zeitreise zwanzig Jahre zurĂŒck buchen. Es gibt ein altmodisches Wort, das wir damals schon zur VFR gesagt hĂ€tten: „toll“

Höchstgeschwindigkeit in km/h 242
Kraftstoffart Super
Tankinhalt in Liter 21,2
Radstand in mm 1460
Zuladung in kg 190
Leergewicht in kg nach EU inklusive 68 kg Fahrer und 7 kg GepÀck 242
LĂ€nge in mm 2140
Bremsen vorn 310 mm Doppelscheiben, Vierkolben-FestsÀttel
RadaufhÀngung vorn Telegabel
Zylinder 4
Ventile pro Zylinder 8/16 (VTEC)
GĂ€nge 6
Modell Honda VFR 800 F
Motorart V4
Hubraum in ccm 782
Leistung in PS 106
Leistung in kW 78
bei U/min 10.250
RĂ€der, Reifen vorn 120/70-17
RĂ€der, Reifen hinten 180/55-17
Getriebe Sequenzielles Schaltgetriebe mit optionalem Quickshifter
RadaufhÀngung hinten Einarmschwinge
Bremsen hinten 256 mm Einzelscheibe, Zweikolben-Schwimmsattel
Drehmoment in Nm 75
bei U/min 8500
Antrieb Dichtringkette

(cgl [3])


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