Test: Kia e-Niro mit 64-kWh-Batterie
(Bild: Schwarzer)
Kia kann die Nachfrage nach dem e-Niro derzeit kaum befriedigen. Wie gut ist das SUV mit groĂer 64-kWh-Batterie?
âAus heutiger Perspektiveâ, so sagt es Kia ĂŒber den e-Niro, mĂŒsse mit âmindestens zwölf Monaten Lieferzeit gerechnet werdenâ. Der Grund: EngpĂ€sse bei der Batterieproduktion. Der unscheinbare Kia ist zu einem der beliebtesten Elektroautos geworden. Seine offensichtliche StĂ€rke ist die Batterie mit 64 kWh KapazitĂ€t. 90 Prozent der Kunden zahlen dafĂŒr je nach Ausstattungslevel 4500 bis 4800 Euro Mehrpreis gegenĂŒber dem ebenfalls erhĂ€ltlichen 39,2 kWh-Speicher. AuĂerdem ist der e-Niro hochwertig verarbeitet und hat fein regelnde Assistenzsysteme. Und trotzdem hat er SchwĂ€chen, die ihn keineswegs alternativlos erscheinen lassen.
heise/Autos fuhr die Topversion âSpiritâ, die ab 45.790 Euro zu haben ist. Dazu addierten sich im Fall des Testwagens das Lederpaket mit elektrisch verstellbaren und belĂŒfteten Sitzen (1490 Euro), das Typ 2-Ladekabel (287 Euro) sowie der Metallic-Lack (590 Euro). Macht 48.157 minus 4000 âUmweltbonusâ gleich 44.157 Euro. Mehr geht nur, wenn das Glasschiebedach (600 Euro) geordert wird. Viel Geld fĂŒr ein Auto, dass in den MaĂen einem VW Golf Sportsvan [1] entspricht, auch mit Benzin-Hybridantrieb ab 26.990 Euro zu haben ist und im Test vor einem Jahr als Plug-in-Hybrid (mindestens 33.990 Euro minus 3000 Euro âUmweltbonusâ) eine gute Figur gemacht hat [2].
Test: Kia e-Niro mit 64-kWh-Batterie (0 Bilder) [3]
Als Gegenwert bekommt der KĂ€ufer unter anderem sieben Jahre Garantie auf die Batterie, wobei ein VerschleiĂ auf 70 Prozent der ursprĂŒnglichen NennkapazitĂ€t als Grenzwert gilt. Das wĂ€ren also 44,8 kWh. Eine WĂ€rmepumpe zur Effizienzsteigerung ist ĂŒbrigens nur fĂŒr die von den meisten Interessenten gewĂ€hlte, groĂe Batterie erhĂ€ltlich; sie ist ab der mittleren Ausstattungsversion âVisionâ (ab 42.790 Euro) serienmĂ€Ăig eingebaut, die darum das empfehlenswerte MindestmaĂ ist.
300 km Autobahn-Reichweite
Die Praxistauglichkeit im Alltag ist beeindruckend. Der Kia e-Niro fĂ€hrt so geschmeidig und leise, wie das Elektroautos eben tun, und zugleich ermöglicht die 64 kWh-Batterie hohe Reichweiten: Nach Norm kommt der e-Niro âbis zuâ 455 Kilometer weit und verbraucht 15,9 kWh Strom auf 100 Kilometer. Ich habe durchschnittlich 16,2 kWh vom Bordcomputer abgelesen, also exklusive der im gesetzlichen Wert enthaltenen Ladeverluste. Die Ursache: Der e-Niro wurde an öffentlichen SĂ€ulen geladen. Solange es keine durchgehend eichrechtskonforme Abrechnung [5] gibt, muss die Zahl des Bordcomputers herhalten.
Eine Stichprobe im Stadtverkehr ergab einen Verbrauch von 12,8 kWh. Macht 500 km Aktionsradius. Bei per GPS gemessener Richtgeschwindigkeit (nach Tacho 135 km/h) auf der Autobahn wurden 20,8 kWh angezeigt â rechnerisch kĂ€me der e-Niro also rund 300 Kilometer weit, wenn er auf A7 und A1 bewegt wird. Zum Vergleich: Ein im Februar bei WinterkĂ€lte getesteter, kleinerer Hyundai Kona EV [6], der beim Antriebsstrang teilweise identisch ist, kam auf 23 bis 24 kWh.
Wie wichtig ist eine hohe Ladeleistung?
FĂŒr die lange Strecke ist die Ladegeschwindigkeit wichtig. Hier zeigt sich beim Kia e-Niro eine Verlaufskurve wie beim Hyundai Kona EV: Nach einer kurzen Kaltstartphase (28 kW Leistung) ackert sich der e-Niro von 51 kW auf ein Hochplateau von rund 75 kW, um bei einem State of Charge von ĂŒber 70 Prozent erst auf 34 kW abzusacken und weiter zu drosseln. An einer Gleichstrom-SĂ€ule (CCS ist Serie) mit lediglich 50 kW Maximalleistung ist der Zeitverlust also gering.
Ohnehin muss gesagt werden, dass die Wichtigkeit der Ladeleistung und folglich der Ladegeschwindigkeit mit steigender BatteriekapazitĂ€t deutlich abnimmt. Zwar wird das Thema in etlichen Videos und Foren detailliert abgehandelt â es hat bei einem Elektroauto wie dem Kia e-Niro aber nur noch fĂŒr ausgesprochene Fernfahrer Relevanz. Dazu zwei Rechenbeispiele: Wer von Start bis Ziel 250 km hat, kann hemmungslos fahren. Die Anfahrt zur Autobahn, die ewigen Baustellen und der stockende Verkehrsfluss verhindern zumeist zuverlĂ€ssig ein energetisch ruinöses Geschwindigkeitsprofil (der e-Niro schafft 167 kmh). Wer 400 km vor sich hat, plant zwei Pausen zu rund zehn Minuten ein. Exaktes Kalkulieren ist machbar; die grobe SchĂ€tzung reicht völlig aus. Und wer tĂ€glich noch viel weiter fahren will, ist falsch beim batterieelektrischen Auto an sich.
FĂŒr das langsame Laden an Wechselstrompunkten wie etwa der heimischen Wallbox [7] ist der Kia e-Niro einphasig ausgelegt. Hier schafft er wegen der Schieflastverordnung nur rund 4,8 kW. Die Nacht muss also ziemlich lang sein, damit eine völlig leere Batterie ganz gefĂŒllt ist. Aber einen so reichlich dimensionierten elektrochemischen Speicher fĂ€hrt man selten bis zur Neige, und das penetrante Vollladen auf 100 Prozent ist auch kaum nötig â beides schadet ohnehin der Dauerhaltbarkeit der Batterie. Wie von Elektroautos aus dem Hyundai-Kia-Konzern gewohnt fĂ€hrt der Kia e-Niro mit niedrigen Verbrauchswerten sehr weit.
No sports, bitte!
Die VerarbeitungsqualitĂ€t und die Haptik der Materialien sind erstklassig - kein Vergleich zum Opel Ampera-e [8]. Es gibt kluge Lösungen wie die 220 Volt-Steckdose in der hinteren Mittelkonsole (nur im âSpiritâ, dort serienmĂ€Ăig), und das Gleiten mit per Lenkradwippe auf Null gestellter Rekuperation ist einfach schön. Dazu kommen Assistenzsysteme wie der adaptive Tempomat, die auf höchstem Niveau funktionieren.
Das heiĂt nicht, dass der Kia e-Niro perfekt wĂ€re. So sind die 150 kW Leistung des Elektromotors nur eingeschrĂ€nkt nutzbar â der e-Niro hat deutliche Traktionsschwierigkeiten. DarĂŒber hinaus leidet das komfortable Fahrwerk stark unter dem Ăbergewicht des e-Niro: 1812 bis 1866 kg stehen im Fahrzeugschein. Davon entfallen laut Kia 453 kg auf die Batterie. In jeder Kurve, die nicht im betonten Cruisingmodus angegangen wird, wankt und rollt der e-Niro. Die unglĂŒckliche Lenkungsabstimmung kann dieses Manko nicht ausgleichen. No sports, bitte!
Das Ăbel beim Niro liegt gewissermaĂen darin, dass er zwar von vornherein fĂŒr den batterieelektrischen Antrieb, aber auch fĂŒr den Benzinhybrid sowie den Plug-in-Hybrid konzipiert wurde: Unter der Motorhaube des e-Niro wurde Platz verschenkt. Der Beinraum fĂŒr die HinterbĂ€nkler ist dennoch klar gröĂer als im Hyundai Kona EV, aber der Kofferraum wirkt fĂŒr einen Pkw dieses Segments eher beschrĂ€nkt. Kia gibt 451 Liter Volumen an â wenn man das schwer nutzbare Ablagefach im GepĂ€ckraumboden dazu zĂ€hlt. Die Batterie ragt einige Zentimeter nach unten aus dem Fahrzeug heraus, was den Eindruck verstĂ€rkt, dass Kompromisse eingegangen wurden. Ein weiterer Kritikpunkt ist der hohe Materialeinsatz, der sich im ĂŒberreichlichen Leergewicht spiegelt. Batterieelektrische Autos haben die höchste Energie-, aber nicht die automatisch die beste Ressourceneffizienz.
Warten â oder Alternativen prĂŒfen
Dennoch bleibt als Fazit, dass der Kia e-Niro eins der besten batterieelektrischen Autos ist. QualitĂ€t, Komfort und Praxistauglichkeit sind seine Pluspunkte. Angesichts der Lieferzeit stellt sich also die Frage, was Neugierige tun sollen. Sie können bestellen und warten. Oder auf die Konkurrenz blicken: Ein Ă€hnliches Geduldsspiel gibt es beim VW ID.3, der âim FrĂŒhsommerâ 2020 ausgeliefert wird. Der ID.3 verspricht bei gleicher AuĂengröĂe allerdings mehr Platz, weil er konsequent fĂŒrs elektrische Fahren gebaut wurde, und wahrscheinlich passt die Wahl zwischen Heck- und Allradantrieb beim ID.3 besser zur hohen Motorleistung der Elektroautos als der Frontantrieb im Kia. Eine weitere Alternative ist der Nissan Leaf [9] 62 kWh, der in diesen Wochen erstmals auf die StraĂen rollt. Und natĂŒrlich das Tesla Model 3 [10] als âStandard Plusâ (ab 44.500 Euro), das in kurzer Zeit lieferbar ist.
Kia hat den Testwagen kostenlos zu VerfĂŒgung gestellt und ĂŒberfĂŒhrt. Der Autor hat die Stromkosten getragen.
Datenblatt
| Leistung in PS | 204 |
| Leistung in kW | 150 |
| bei U/min | 3800 - 8000 |
| Drehmoment in Nm | 395 |
| bei U/min | 0 bis 3600 |
| Spurweite vorn in mm | 1562 |
| Spurweite hinten in mm | 1572 |
| LĂ€nge in mm | 4375 |
| Breite in mm | 1805 |
| Höhe in mm | 1560 |
| Radstand in mm | 2700 |
| Leergewicht in kg nach EU inklusive 68 kg Fahrer und 7 kg GepÀck | 1812 bis 1866 (abhÀngig von Ausstattung) |
| Kofferraumvolumen in Liter | 451 |
| Maximales Kofferraumvolumen in Liter | 1405 |
| Höchstgeschwindigkeit in km/h | 167 |
| Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden | 7,8 |
| Modell | Kia e-Niro |
Preisliste
| Grundpreis | 45.790 |
| WĂ€hrung | Euro |
| Klimaautomatik | Serie |
| Navigationssystem | Serie |
| Schiebedach | 600 |
| Metallic-Lackierung | 590 |
| Leichtmetallfelgen | Serie |
| Lederausstattung | 1490 |
| Modell | Kia e-Niro Spirit |
| Preisliste Stand | Juni 2019 |
| Freisprecheinrichtung | Serie |
| DAB+ (Digitalradio) | Serie |
| Soundsystem | Serie |
| Abstandstempomat | Serie |
| Totwinkelwarner | Serie |
| USB-Anschluss fĂŒr Musik | Serie |
| Lederlenkrad | Serie |
| LED-Scheinwerfer | Serie |
| Sitzheizung | Serie |
| Kia e-Niro Edition 7 (64 kWh) | 39.090 |
| Kia e-Niro Vision (64 kWh) | 42.790 |
| Kia e-Niro Edition 7 (64 kWh) | 39.090 |
| Kia e-Niro Vision (64 kWh) | 42.790 |
(mfz [11])
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[1] https://www.heise.de/news/VW-Golf-Sportsvan-Facelift-3808497.html
[2] https://www.heise.de/autos/artikel/Test-Kia-Niro-Plug-in-Hybrid-4067644.html
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/4746962.html?back=4456326;back=4456326
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/4746962.html?back=4456326;back=4456326
[5] https://www.heise.de/news/Das-neue-Super-Plus-Ladestrom-teurer-als-Dieselkraftstoff-4411434.html
[6] https://www.heise.de/tests/Test-Hyundai-Kona-EV-4303336.html
[7] https://www.heise.de/news/Wallboxen-im-Systemvergleich-des-ADAC-4238301.html
[8] https://www.heise.de/news/Alltag-im-Opel-Ampera-e-Der-Gloeckner-aus-Ruesselsheim-4437239.html
[9] https://www.heise.de/news/Im-Test-Nissan-Leaf-4055455.html
[10] https://www.heise.de/tests/Test-Tesla-Model-3-4400919.html
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