Test: Tesla Model 3
(Bild: Christoph M. Schwarzer)
Der sparsame, krĂ€ftige Antrieb und das eigenstĂ€ndige Design lassen das weitgehend konkurrenzlose Model 3 sehr attraktiv erscheinen, doch an einigen Punkten muss Tesla noch arbeiten. Dazu gehört unter anderem auch das Assistenzsystem âAutopilotâ
Atmen einstellen. Kopf an die StĂŒtze. Katapultstart! Das Tesla Model 3 Performance beschleunigt nicht, vielmehr es springt nach vorne: Ohne fĂŒhlbaren Schlupf dank Dual Drive geht es in minimal 3,4 Sekunden auf 100 km/h, untermalt vom hellen Sirren des batterieelektrischen Antriebsstrangs. Das ist Schubkraft an der Grenze zur Gewalt â und trotzdem ist das Model 3 im Alltag spielerisch leicht zu fahren. Leise und entspannt. Die Lenkung ist feinnervig und zielgenau, die Federung nicht allzu sportiv. Wer sich gelassen dem Verkehrsfluss ĂŒberlĂ€sst, hat nicht nur ein ausnehmend starkes, sondern auch ein besonders sparsames Elektroauto.
Attraktiver Antriebsstrang
Was das Model 3 so attraktiv macht, ist der Antriebsstrang. Er ist das Alleinstellungsmerkmal dieses Autos, das in seiner Klasse ohne Konkurrenz ist. Model 3 oder nichts. Alternativen von Audi, BMW oder Mercedes? Fehlanzeige. Beim Wunsch nach einer elektrische Kompaktlimousine kommt man am kleinen Tesla nicht vorbei. Zumindest aktuell noch nicht, was sich auf absehbare Zeit Àndern wird. Bei BMW arbeitet man intensiv am i4 [1], auf Basis von Volkswagens modularem Elektronikbaukasten (MEB) ist ebenfalls ein Àhnlich konzipiertes Serienauto vorstellbar.
Test: Tesla Model 3 (0 Bilder) [2]
An der Hinterachse arbeitet im Model 3 ein 211 kW starker Synchron-Reluktanzmotor. Vorne addiert ein Asynchronmotor weitere 147 kW, woraus sich 358 kW Systemleistung ergeben. Eine kluge Kombination: Die Maschine im Heck hat eine gleichmĂ€Ăige Kraftentfaltung, ist effizient und benötigt wenig Bauraum. Die an der Vorderachse wiederum leistet mangels Permanentmagneten keinen Widerstand, wenn sie nicht genutzt wird.
Der Strom kommt aus den bekannten 2170er-Zellen, die im Joint-Venture mit Panasonic produziert werden. Das Model 3 wird hierzulande derzeit mit 415, 530 und 560 km Reichweite im WLTP angeboten. Eine offizielle NettokapazitĂ€t gibt Tesla nicht an; zahlreiche Messungen gehen von 75 kWh aus. Der Durchschnittsverbrauch im fĂŒnftĂ€gigen Test lag bei 22,8 kW auf 100 Kilometer. Sie können noch geringere Werte erzielen, die nur knapp ĂŒber denen der Effizienz-Messlatte Hyundai Ioniq liegen. Viel mehr geht allerdings auch, wenn Sie das provozieren.
Fast so sparsam wie ein Ioniq
Ich habe das Tesla Model 3 Performance an einem Sonntagmorgen auf der Autobahn A1 auf der Strecke von Hamburg nach Bremen gemessen. Zuerst mit exakt 130 km/h. Tesla-Neulinge sollten beachten, dass die Tachoanzeige so gut wie keine Abweichung hat. Wegen der frĂŒhen Morgenstunde war wenig Betrieb, und ĂŒber eine Distanz von 30 Kilometern ergab sich Verbrauch von 20,8 kWh auf 100 km. Ein Topwert, der nur elf Prozent ĂŒber dem des Hyundai Ioniq [4] (18,7 kWh) liegt und aus dem sich rechnerisch 361 km Reichweite bei Richtgeschwindigkeit ergeben. In der City waren es je nach Verkehrsdichte 15 bis 20 kWh, und der Minimalwert von 13,9 kWh (=540 km Aktionsdistanz) wurde auf einer BundesstraĂentour angezeigt. Das alles wohlgemerkt auf 235er-Winterreifen mit dem Geschwindigkeitsindex W. Der Buchstabe steht fĂŒr maximal 270 km/h.
Auch das habe ich ausprobiert. Gleicher Tag, gleiches Ziel, Pedal to the Metal. Der Versuch, die Geschwindigkeit nicht unter 220 km/h fallen zu lassen und zeitweise bis zur Spitze (261 km/h) zu treiben, ist ĂŒber eine Strecke von 34 km weitgehend gelungen. Anders als bei frĂŒhen Model S-Versionen sank die Motorleistung zwar langsam ab; eine radikale Reduktion aber fand nicht statt. Neben der Erkenntnis, dass das Fahrwerk fĂŒr diese Gangart unterdĂ€mpft ist, ergab sich ein Verbrauch von 59,4 kWh/100 km.
Irgendwann: FlÀchendeckend
Am Supercharger in Stuhr angekommen zeigte sich, dass dieser noch nicht mit CCS-AnschlĂŒssen nachgerĂŒstet war. Wenn das flĂ€chendeckend der Fall ist, hat kein Elektroauto eine so groĂe Auswahl an SĂ€ulen. Denn das Model 3 kann zwar neben den Superchargern an sĂ€mtlichen CCS-Standorten laden, was im Test einwandfrei funktionierte. Umgekehrt gibt Tesla aber die CCS-Supercharger nicht oder noch nicht fĂŒr Fremdfabrikate frei.
Nach dieser Extrembeanspruchung war die Batterie ziemlich erhitzt: Die Ladeleistung lag bei lediglich 40 kW. Das ist nicht erstaunlich. Im weiteren Verlauf war die FlĂŒssigkeitskĂŒhlung wirksam; nach rund 200 weiteren Kilometern war die WohlfĂŒhltemperatur wieder erreicht, und an einem Supercharger stieg die Anzeige auf gut 90 kW. Eine einmalige Sache, denn das Laden wĂ€hrend dieses Fahrtests war insgesamt nicht perfekt.
Das lag zum einen an den Faktoren, fĂŒr die der Tesla nichts kann. Manchmal hat man im Testzeitraum GlĂŒck, und keine einzige öffentliche SĂ€ule ist zugeparkt. Das war dieses Mal anders. Autos mit Verbrennungsmotor blockierten die PlĂ€tze genauso wie Elektroautos ohne Ladekabel, und immer hĂ€ufiger sind die SĂ€ulen auch mit korrekten Nutzern belegt, weil die Zahl der Stromer stetig wĂ€chst. Ein Engpass ist absehbar.
Erratische Ladeleistung
Auch das Model 3 selbst ĂŒberzeugte nicht durchgehend. Foristen berichten von Ladeleistungen ĂŒber 110 kW. Das lieĂ sich nicht feststellen. Gut 90 kW waren wie beschrieben das Maximum. An einem anderen Supercharger lag die Leistung bei nur 28 kW. Ein Missstand, der sich durch den Wechsel an den benachbarten Stall abstellen lieĂ. Dort gab es kurzfristig 72 und danach gut 50 kW. Respektable Werte und trotzdem eine EnttĂ€uschung, denn in der DomĂ€ne von Tesla erwartet man mehr.
Noch ein Wort zum Durchschnittsverbrauch von 22,8 kWh/100 km: Der entscheidende Faktor bei allen batterieelektrischen Autos ist die Höhe der Geschwindigkeit. Die erstklassige Aerodynamik des Model 3 (cW 0,23 und geringe StirnflĂ€che) ist hier ein groĂer Vorteil. Aber die Physik lĂ€sst sich nicht ĂŒberlisten: Bei einer Tour um 160 km/h lag der Verbrauch bereits bei rund 30 kWh und entsprechend schrumpfender Reichweite. So ist es halt mit den batterieelektrischen Autos. Langsam fahren, bedeutet frĂŒher ankommen.
Der Grundeindruck des Tesla Model 3 Performance bleibt der eines in sich stimmigen und sympathischen Konzepts. Der Autor gibt auĂerdem unumwunden zu, dass ihm das Design sehr gut gefĂ€llt â geduckt, sportlich und nicht zu protzig. Auch die Bedienung im Innenraum war ĂŒberzeugend. Niemand muss die Zusammenfassung der Funktionen im Zentraldisplay mögen. Die optische Reduktion wirkt auf mich entlastend. Wo sich was im eigenen Auto findet, merkt sich der Besitzer frĂŒher oder spĂ€ter ohnehin. Das war schon bei frĂŒhen Porsche 911 mit dem Schaltersammelsurium so oder beim CitroĂ«n DS.
Abstriche
Mit dem oder besser der DS hat das Tesla Model 3 eine weitere Gemeinsamkeit: Die KĂ€ufer suchen die Alternative und sind bereit, Abstriche in Kauf zu nehmen. Beim Tesla sollte man unterscheiden zwischen den SchwĂ€chen, die sich durch zukĂŒnftige Software-Updates abstellen lassen, denen, die sich im Produktionsverlauf verbessern können und dritten, mit denen man leben muss.
AuszĂŒge der MĂ€ngelliste: Das Lenkrad quietscht gelegentlich beim Drehen und die Verwindungssteifigkeit ist trotz 1931 kg Gewicht schlechter als bei gĂŒnstigeren Autos. Auf Kopfsteinpflaster knarzt es vernehmlich. Die DĂ€mmung der GerĂ€usche von Wind und Fahrwerk ist dem Klassenstandard nicht angemessen. Hier sind Konkurrenten wie eine Mercedes C-Klasse [5] erheblich leiser. Die SitzflĂ€chen sind bereits fĂŒr mittelgroĂe Menschen zu kurz und Haltegriffe fehlen genauso wie ein Rollo zum Sonnenschutz. Der Listenpreis des gut ausgestatteten Testwagens lag bei 76.330 Euro.
Autopilot mangelhaft
Als mangelhaft erwies sich leider auch der âAutopilotâ. Unter diesem Label sind die Fahrautomatisierungsfunktionen zusammengefasst, also in Stufe 1 (einmal auf den Hebel rechts nach unten drĂŒcken) der adaptive Tempomat und in Stufe 2 (zweimal drĂŒcken) die Kombination mit der MittelspurfĂŒhrung. Positiv ist, dass das Model 3 nach dem Stopp automatisch wieder anfĂ€hrt. Bei allen sonstigen Herstellern ist hier ein Impuls ĂŒber das Fahrpedal oder die Resume-Taste am Lenkrad notwendig.
Die anderen Funktionen waren durchweg verbesserungswĂŒrdig. Dass das Assistenzsystem âAutopilotâ inklusive RĂŒckfahrkamera an zwei Tagen komplett ausfiel â Ă€rgerlich. Die Sprachsteuerung der Navigation versagte den Dienst sogar durchgehend. Problematischer ist jedoch, dass die aktuelle Geschwindigkeitsbegrenzung nicht im Tempomat gesetzt werden kann. Stattdessen ĂŒbernimmt das Model 3 grundsĂ€tzlich die im Kartenmaterial hinterlegte, zulĂ€ssige Höchstgeschwindigkeit, also zum Beispiel 100 km/h auf der BundesstraĂe.
Doch das Kartenmaterial ist offensichtlich nicht in jedem Fall aktuell, sodass manchmal falsche Geschwindigkeiten vorgegeben werden. Die zahlreichen Kameras gleichen diese Werte wider Erwarten nicht mit der RealitÀt ab; eine Verkehrszeichenerkennung gibt es nicht. So kann es geschehen, dass man zum Beispiel mit 50 durch eine 30-Zone fÀhrt und eingreifen muss.
Hat das Model 3 ein vorausfahrendes Fahrzeug identifiziert, folgt es verlĂ€sslich, aber mit vergleichsweise ruppigen Verzögerungs- und BeschleunigungsvorgĂ€ngen. Die deutlichste SchwĂ€che ist jedoch das fĂ€lschliche Erkennen von Objekten: Das Model 3 bremst manchmal, obwohl das nicht notwendig ist, etwa weil ein Auto auf der Nachbarspur als Hindernis ausgemacht wird. Das kann den rĂŒckwĂ€rtigen Verkehr irritieren. Ich erinnere mich an einen kĂŒrzlich gefahrenen Hyundai Kona EV (Test) [6], der dokumentiert, was heute eigentlich ĂŒblich ist: Perfekte ACC-Funktion in allen Situationen inklusive Kurven und in der Stadt, geschmeidige Fahrweise, gesteigerter Komfort. Und das wohlgemerkt in einer ganz anderen Preisklasse.
Freude am Fahren, Vorsprung durch Technik
Der Autopilot von Tesla ist ein Fahrassistenzsystem auf Level 2. Der Mensch muss die Funktion also jederzeit ĂŒberwachen und bei Fehlern die Kontrolle ĂŒbernehmen. Verantwortlich ist der Fahrer. Zwischenfazit: Der Autopilot muss besser werden, um zum Wettbewerb aufzuschlieĂen.
2224 Neuzulassungen im MĂ€rz [7] belegen, dass die Nachteile den Interessenten nicht so wichtig zu sein scheinen, dass sie das Model 3 von ihrer Liste streichen. Fraglos hat ein Audi die hochwertigere Materialauswahl, ein BMW das ĂŒberlegene Fahrwerk und ein Mercedes die wirkungsvollere GerĂ€uschdĂ€mmung. Dass die Verkaufszahlen so hoch sind, obwohl das Tesla Model 3 nicht auf den Standardlisten der Flottenbesteller steht, zeigt jedoch die AttraktivitĂ€t des Fahrzeugs.
Auch mir hat das Model 3 Performance gefallen. Weil es Leichtigkeit ausstrahlt, weil es einen tierischen elektrischen Bums hat und weil es gut aussieht. Freude am Fahren und Vorsprung durch Technik verkörpert dieser Tesla meiner Ansicht nach mehr als ein BMW 320d [8] oder ein Audi e-tron [9]. Wir sind gespannt, wie sich die Marke aus Kalifornien entwickelt und freuen uns auf die Basisversionen des Model 3 (Standard Plus mit Autopilot: ab 50.680 Euro), die bald nach Deutschland verschifft werden.
Tesla hat den Testwagen kostenfrei zur VerfĂŒgung gestellt und den Strom an den Superchargern bezahlt. Der Autor hat die Kosten an anderen LadesĂ€ulen ĂŒbernommen. (chlo [10])
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[4] https://www.heise.de/tests/Test-Hyundai-Ioniq-electric-3689951.html
[5] https://www.heise.de/news/Im-Test-Mercedes-C-220d-4329494.html
[6] https://www.heise.de/tests/Test-Hyundai-Kona-EV-4303336.html
[7] https://www.heise.de/news/Zulassungszahlen-Quartal-1-2019-4384597.html
[8] https://www.heise.de/news/Fahrbericht-BMW-320d-4248125.html
[9] https://www.heise.de/news/Fahrbericht-Audi-e-tron-4240778.html
[10] mailto:chl-autos@heise.de
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